Wie Wirklichkeit in Kanzleien konstruiert wird
Kommunikation in der Steuerberatung gilt oft als Nebensache – Hauptsache Zahlen, Gesetze, Urteile stimmen. Doch sobald Menschen zusammenarbeiten, zeigt sich: Eindeutigkeit verschwindet. Dieselbe Situation erzeugt mehrere Wahrheiten. Der Mandant „war unfreundlich“. Oder: Die Beraterin „war gestresst“. Beides kann stimmen – und zugleich keines von beiden, je nach Deutung.

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Zwischen Zahlen und Deutungen
In Steuerkanzleien wirkt vieles objektiv: normierte Prozesse, prüfbare Ergebnisse, klare Vorschriften. Gleichzeitig entstehen im Alltag fortlaufend Deutungen – darüber, was wichtig, dringlich, „richtig“ ist. Wirklichkeit ist nicht das, was draußen passiert, sondern das, was in Kommunikation Bedeutung bekommt.
Gitta Peyn beschreibt in Pogofähigkeit: Jede Wahrnehmung ist bereits eine Entscheidung. Wir beobachten nie „die Sache“, sondern die Differenz, die uns etwas als relevant erscheinen lässt. Damit wird Realität zum sozialen Aushandlungsprozess – auch und gerade in Kanzleien.
Wenn zwei Wahrheiten aufeinandertreffen
Typische Kanzleisituationen zeigen das täglich:
- Zwei Teams sehen dieselben Zahlen – die einen lesen „Auslastung“, die anderen „Ineffizienz“.
- Die Partnerrunde diagnostiziert „Demotivation“, Mitarbeitende erleben „Orientierungslosigkeit oben“.
- Alle behaupten „klar kommuniziert“ zu haben – und reden doch aneinander vorbei.
Das sind keine Pannen, sondern kommunikative Konstruktionen von Wirklichkeit. Niklas Luhmanns Systemtheorie liefert dafür die Linse: Kommunikation erzeugt nicht Wahrheit, sondern Anschluss. Es zählt weniger, was „ist“, als was verstanden wird.
Konflikte als Spiegel der Kommunikationslogik
Für Organisationsentwicklung heißt das: Konflikte lassen sich nicht lösen, indem man den „wahren Sachverhalt“ sucht. Sie werden bearbeitbar, wenn man die Kommunikationslogik beobachtet, die sie produziert – also Form statt Inhalt in den Blick nimmt.
Der Perspektivwechsel: vom Inhalt zur Form
In jeder Kanzlei werden täglich kleine Wahrheiten verhandelt. Zwischen Fachbereichen, Partner:innen, Assistenz und Mandant:innen entstehen Deutungsinseln – jede plausibel, keine vollständig. Was als „Fakt“ gilt, ist ein temporärer Konsens. Lernen beginnt dort, wo die Organisation fähig wird, ihre eigene Beobachtung zu beobachten.
Beispiel: In einer Kanzlei (≈50 Mitarbeitende) eskalierte ein Streit um Homeoffice-Regeln. Oben dominierte das Narrativ „Transparenz & Teamkultur“, unten „Vertrauen & Selbstverantwortung“. Oberflächlich ging es um Modelle, tatsächlich um Deutungshoheit: Was gilt als Vertrauen? Erst als das Gespräch von Positionen auf Kommunikationsformen wechselte, löste sich die Blockade – nicht durch Konsens, sondern durch Bewusstsein darüber, wie Sinn produziert wird.
Vom Sachverhalt zur Selbstbeobachtung
Systemisch betrachtet verwandelt sich Energie: Aus Rechthaben wird Beobachten, aus Verteidigung Lernen. Unterschiede werden zur Ressource. Voraussetzung: Differenzen nicht glätten, sondern Kommunikation in der Steuerberatung als bewegliches, selbstbeobachtendes System verstehen.
In der Praxis hilft:
- Form klären vor Inhalt: Wer spricht mit welcher Rolle (z. B. Maßstab, Sinn, Resonanz, Vollzug)?
- Begriffe operationalisieren: Statt „alle“, „müssen“, „eigentlich“ → Kriterien, Kontexte, Zeitfenster.
- Reversibilität standardisieren: Pilot statt Big Bang (klein, rückholbar, messbar).
- Gegenrede mandatieren: Pro Sitzung eine Person mit Auftrag, dominante Deutungen zu irritieren.
Oder zugespitzt: Wer Kommunikation für selbstverständlich hält, hat sie schon verloren. Darum sollten Kanzleien lernen, ihre eigene Beobachtung zu beobachten – nicht „Was ist passiert?“, sondern „Wie reden wir darüber, dass es passiert ist?“ Nur so lässt sich unterscheiden, ob eine Organisation auf Welt reagiert oder auf sich selbst.
Fazit
Kommunikation in der Steuerberatung konstruiert Wirklichkeit. Konflikte sind Spiegel der Form, nicht Störung des Inhalts. Reife entsteht, wenn Kanzleien ihre Kommunikationslogiken sichtbar machen, Deutungen choreografieren und Entscheidungen anschlussfähig gestalten – jenseits der Suche nach „dem wahren Sachverhalt“.

Kommentare
Eine Antwort zu „Realität ist kein Sachverhalt, sondern Kommunikation“
[…] zur Serie: In Folge 14 haben wir gesehen, dass Wirklichkeit in Kanzleien nicht objektiv entsteht, sondern kommunikativ […]