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  • Organisationale Reife

    Warum mit der Leistungsfähigkeit auch die Entscheidungsarchitektur wachsen muss

    Leistungsfähigkeit und Entscheidungsstrukturen

    Es gibt Unternehmen, deren Entwicklung über Jahre von einer bemerkenswerten Dynamik geprägt ist. Sie erschließen neue Märkte, gewinnen leistungsfähige Persönlichkeiten, bauen zusätzliche Geschäftsfelder auf und erweitern ihr Angebot um spezialisierte oder zentrale Dienstleistungen. Aus einem zunächst überschaubaren Unternehmen entsteht auf diese Weise schrittweise ein komplexerer Verbund unterschiedlicher Kompetenzen und Verantwortungsbereiche.

    Ein solches Wachstum wird üblicherweise als Ausdruck unternehmerischen Erfolgs wahrgenommen und das zu Recht.

    Weniger offensichtlich ist allerdings, dass mit jeder Erweiterung des Leistungsvermögens auch die Anforderungen an die Organisation selbst wachsen. Zusätzliche Einheiten erzeugen neue Schnittstellen, spezialisierte Kompetenzen müssen miteinander verbunden, Ressourcen verteilt, Prioritäten abgestimmt und widersprüchliche Interessen bearbeitet werden. Die Organisation wächst deshalb nicht nur hinsichtlich dessen, was sie leisten kann. Sie wächst zugleich hinsichtlich der Komplexität, die sie selbst erzeugt und anschließend bewältigen muss.

    Foto: Philipp Arnold, Berlin

    An diesem Punkt kann eine Entwicklung sichtbar werden, die zunächst leicht übersehen wird: Leistungsstruktur und Entscheidungsarchitektur wachsen nicht zwangsläufig im gleichen Tempo. Ein Unternehmen kann sein Leistungsportfolio erheblich ausdifferenzieren und dennoch Entscheidungen weitgehend auf dieselbe Weise herstellen wie in einer wesentlich früheren Entwicklungsphase. Während neue Einheiten, Spezialkompetenzen und zentrale Dienstleistungen die Leistungsfähigkeit erweitern, bleibt die Herstellung verbindlicher Entscheidungen dann stärker personalisiert, als es die gewachsene Komplexität der Organisation auf Dauer zulässt.

    Genau darin liegt ein möglicher Reifeübergang wachsender Unternehmen. Es geht nicht einfach darum, größer zu werden oder zusätzliche Führungsebenen einzuziehen, sondern darum, eine Organisation, deren Handlungsfähigkeit wesentlich durch unternehmerische Initiative, persönliche Beziehungen und unmittelbare Koordination entstanden ist, schrittweise in die Lage zu versetzen, ihre Leistungsfähigkeit auch strukturell zu reproduzieren.

    Damit ist eine Unterscheidung angesprochen, die für die Entwicklung wachsender Unternehmen von erheblicher Bedeutung ist: Die Erweiterung des Leistungsportfolios und die Weiterentwicklung der Entscheidungsarchitektur sind zwei unterschiedliche organisationale Entwicklungsleistungen.

    Neue Kompetenzen zu gewinnen, Geschäftsfelder aufzubauen oder zentrale Dienstleistungen bereitzustellen beantwortet die Frage, was eine Organisation leisten kann. Damit ist jedoch noch nicht beantwortet, wie die dafür notwendigen Entscheidungen entstehen, wie unterschiedliche Verantwortungsbereiche miteinander verbunden werden und unter welchen Bedingungen aus fachlicher Kompetenz tatsächlich organisationale Wirksamkeit wird.

    Gerade erfolgreiche Organisationen können diese Differenz lange übersehen. Solange Entscheidungen irgendwie zustande kommen, Leistungen erbracht werden und das Unternehmen wirtschaftlich erfolgreich bleibt, besteht wenig Anlass, die zugrunde liegende Entscheidungsordnung grundsätzlich zu hinterfragen. Schwierigkeiten erscheinen zunächst als Einzelfälle: Ein Projekt kommt nicht voran, eine Führungskraft wartet auf eine Entscheidung, zwei Bereiche können sich nicht einigen, eine zentrale Funktion erreicht nicht die gewünschte Wirkung. Erst wenn sich solche Phänomene häufen, wird sichtbar, dass möglicherweise nicht einzelne Probleme vorliegen, sondern unterschiedliche Erscheinungsformen derselben strukturellen Spannung.

    Katalysator Gründerlogik

    Wer diese Spannung verstehen möchte, sollte die Gründerlogik nicht vorschnell als defizitäre Organisationsform betrachten. Gerade in frühen Entwicklungsphasen kann persönliche Koordination außerordentlich leistungsfähig sein. Kurze Wege ermöglichen schnelle Entscheidungen, Informationen können unmittelbar zusammengeführt und Ressourcen ohne langwierige Verfahren verschoben werden. Persönliches Vertrauen ersetzt formale Abstimmungsmechanismen und eine kleine Zahl unternehmerisch handelnder Personen kann Zusammenhänge herstellen, für deren Bearbeitung eine größere Organisation bereits komplexe Verfahren benötigen würde.

    Das ist nicht bloß eine improvisierte Vorstufe einer später vermeintlich „professionelleren“ Organisation. Es ist eine eigenständige Form der Koordination mit erheblichen Vorteilen. In einem jungen Unternehmen wäre es häufig geradezu absurd, für jede wiederkehrende Entscheidung zunächst Rollenbeschreibungen, Eskalationswege und standardisierte Verfahren zu entwickeln. Die Beteiligten kennen sich, verfügen über einen gemeinsamen Kontext und können Unsicherheit durch unmittelbare Kommunikation bearbeiten. Was noch nicht strukturell geregelt ist, lässt sich persönlich klären. Was sich morgen verändert, muss heute noch nicht in eine dauerhafte Regel übersetzt werden.

    Auch die besondere Rolle von Gründerpersönlichkeiten lässt sich vor diesem Hintergrund verstehen. Ihr Beitrag besteht häufig nicht allein darin, einzelne Entscheidungen zu treffen. Sie verbinden Märkte, Kunden, Menschen, Kapital, Ideen und Gelegenheiten miteinander. Sie verfügen über persönliche Netzwerke, erkennen Möglichkeiten und können Ressourcen mobilisieren, bevor die Organisation selbst über Routinen dafür verfügt. Gerade diese Fähigkeit, unterschiedliche Kontexte in der eigenen Person zusammenzuführen, kann zu einer wesentlichen Voraussetzung des Wachstums werden.

    Die Grenze dieser Logik entsteht deshalb nicht dadurch, dass persönliche Koordination plötzlich „falsch“ wird. Sie entsteht, wenn sich die Bedingungen verändern, unter denen sie funktionieren soll. Mit jeder zusätzlichen Einheit, jedem neuen Leistungsbereich und jeder weiteren spezialisierten Funktion nimmt die Zahl möglicher Beziehungen innerhalb der Organisation zu. Es müssen nicht nur mehr Entscheidungen getroffen werden; Entscheidungen müssen auch über mehr Schnittstellen hinweg anschlussfähig sein. Was früher zwischen wenigen Beteiligten situativ geklärt werden konnte, wird zu einer wiederkehrenden Koordinationsanforderung.

    Damit entsteht ein Skalierungsproblem. Die organisationale Komplexität kann erheblich wachsen, die verfügbare persönliche Aufmerksamkeit jedoch nicht im gleichen Maße. Ein Entscheidungsmodus, der seine Leistungsfähigkeit wesentlich daraus bezieht, dass relevante Informationen an wenigen Stellen zusammenlaufen, gerät unter Druck, wenn immer mehr Informationen, Interessen und Entscheidungsbedarfe genau dort zusammengeführt werden müssen. Der frühere Vorteil kurzer Entscheidungswege kann sich dann allmählich in einen Engpass verwandeln, ohne dass sich an der Qualität der handelnden Personen irgendetwas geändert haben muss.

    Das Entwicklungsproblem beginnt folglich nicht mit der Gründerlogik selbst. Es beginnt dort, wo sich die Organisation verändert, ihre Entscheidungsordnung aber nicht in vergleichbarer Weise mitentwickelt.

    Kompetente Menschen

    Eine besonders interessante Ausprägung dieser Entwicklung zeigt sich bei der Gewinnung neuer Führungskräfte und Spezialisten. Erfolgreiche Unternehmen verfügen häufig über weitreichende persönliche und professionelle Netzwerke. Über ehemalige Kollegen, Geschäftspartner, Investoren oder Empfehlungen erhalten sie Zugang zu Persönlichkeiten, deren Kompetenz bereits bekannt ist. Diese Form der Rekrutierung kann ausgesprochen leistungsfähig sein, weil sie Unsicherheit reduziert und Fähigkeiten in die Organisation bringt, die über eine klassische Stellenplanung möglicherweise nie gesucht worden wären.

    Dabei folgt die Rekrutierung nicht immer dem üblichen Muster, zunächst eine Funktion vollständig zu definieren und anschließend die passende Person dafür zu suchen. In unternehmerisch geprägten Organisationen kann der Prozess auch umgekehrt verlaufen: Eine interessante Persönlichkeit wird sichtbar, man erkennt deren Potenzial und entwickelt erst im Anschluss eine Vorstellung davon, welchen Beitrag diese Person leisten könnte. Die Person bringt Erfahrungen, Kontakte, Fachwissen und vielleicht bereits eine Idee für einen neuen Leistungsbereich mit. Von ihr wird erwartet, dass sie daraus etwas entwickelt.

    Auch darin liegt zunächst kein Problem. Im Gegenteil: Eine Organisation kann auf diese Weise unternehmerische Energie gewinnen, die durch eine eng definierte Stellenarchitektur möglicherweise eher verhindert würde. Problematisch wird es erst, wenn das Vertrauen in die Kompetenz einer Person zugleich die Klärung ihrer organisationalen Voraussetzungen ersetzen soll. Denn die Entscheidung, eine leistungsfähige Persönlichkeit zu gewinnen, beantwortet noch nicht die Frage, welche Funktion diese Person innerhalb der Organisation tatsächlich ausüben kann.

    Dazu müssen andere Fragen beantwortet werden. Welche Verantwortung wird übertragen? Welche Entscheidungen darf die Person selbst treffen? Über welche Ressourcen kann sie verfügen? Welche Mitwirkung anderer Bereiche darf sie voraussetzen? Wo endet ihr Mandat? Welche Entscheidungen bleiben an anderer Stelle? Und wie werden Konflikte bearbeitet, wenn unterschiedliche Verantwortungsbereiche zu unterschiedlichen Einschätzungen gelangen?

    Das sind keine Fragen persönlicher Kompetenz. Es sind Fragen der Organisationsarchitektur. Eine Person kann einen Verantwortungsbereich gestalten, Konzepte entwickeln, Mitarbeitende führen und fachliche Entscheidungen vorbereiten. Sie kann sich aber die organisationale Autorisierung, die sie dafür benötigt, nicht selbst erteilen.

    Gerade in wachstumsstarken Organisationen kann deshalb eine eigentümliche Lücke entstehen. Einerseits wird unternehmerische Eigenverantwortung erwartet: Führungskräfte sollen Initiative entwickeln, ihren Bereich aufbauen und für Ergebnisse einstehen. Andererseits bleiben wesentliche Entscheidungen über Ressourcen, Personal, Prioritäten oder bereichsübergreifende Zusammenarbeit außerhalb ihres Mandats. Ergebnisverantwortung und Entscheidungsfähigkeit entwickeln sich auseinander.

    Das muss nicht sofort zu sichtbaren Problemen führen. Leistungsfähige Menschen können solche Lücken über längere Zeit kompensieren. Sie finden informelle Wege, bauen Beziehungen auf, schaffen situative Verständigung und entwickeln ein Gespür dafür, wie innerhalb der Organisation Entscheidungen tatsächlich zustande kommen. Gerade weil diese Kompensationsleistungen häufig erfolgreich sind, kann die zugrunde liegende strukturelle Unklarheit lange unsichtbar bleiben.

    Entscheidungsbeschaffung

    Wo Ergebnisverantwortung dezentral verteilt wird, wesentliche Entscheidungsbefugnisse aber stärker zentralisiert oder personalisiert bleiben, entsteht neben der eigentlichen Führungsaufgabe eine zweite Tätigkeit: Entscheidungen müssen beschafft werden. Notwendige Freigaben werden erneut angesprochen, bereits erläuterte Sachverhalte wieder in Erinnerung gebracht, günstige Gesprächssituationen genutzt und Themen so lange in der Kommunikation gehalten, bis daraus eine verbindliche Entscheidung entsteht.

    Diese Entscheidungsbeschaffung folgt einer anderen Logik als die fachliche Arbeit. Fachliche Kompetenz hilft dabei, gute Lösungen zu entwickeln und begründete Entscheidungsvorlagen zu erstellen. Sie garantiert jedoch nicht, dass tatsächlich entschieden wird. Dafür werden zusätzliche Fähigkeiten relevant: Beharrlichkeit, persönliche Überzeugungskraft, informelle Beziehungspflege, ein Gespür für Gelegenheiten und nicht zuletzt Zugang zu denjenigen Kommunikationssituationen, in denen verbindliche Entscheidungen entstehen.

    Auf diese Weise kann sich neben der formalen Organisationsstruktur eine informelle Entscheidungsordnung herausbilden. Formal ist beschrieben, wer für einen Bereich verantwortlich ist. Informell entscheidet sich, wer tatsächlich in der Lage ist, die für diesen Bereich notwendigen Entscheidungen herbeizuführen. Diese beiden Ordnungen müssen nicht deckungsgleich sein.

    Einige Menschen können mit einer solchen Situation hervorragend umgehen. Sie verstehen die informelle Architektur, kennen die relevanten Zugänge und verfügen über genügend persönliche Durchsetzungskraft, um auch nach mehreren Anläufen Entscheidungen zu erreichen. Andere sind darin weniger erfolgreich, obwohl ihre fachliche Kompetenz keineswegs geringer sein muss. Sie entwickeln möglicherweise ebenso gute Konzepte, können deren Umsetzung aber nicht in gleicher Weise organisational absichern.

    Damit entsteht ein interessantes Problem der Leistungsbeobachtung. Die Fähigkeit, innerhalb einer informellen Entscheidungsordnung erfolgreich zu agieren, kann leicht mit der Fähigkeit verwechselt werden, einen Verantwortungsbereich fachlich und unternehmerisch gut zu führen. Wer Entscheidungen erfolgreich beschafft, erscheint als besonders durchsetzungsstark und selbstständig. Wer wiederholt auf fehlende Entscheidungen hinweist, kann dagegen als fordernd, ungeduldig oder wenig eigenständig wahrgenommen werden. Die Organisation beobachtet dann Unterschiede zwischen Personen, obwohl zumindest ein Teil dieser Unterschiede durch die Entscheidungsarchitektur erzeugt wird.

    Das bedeutet nicht, dass persönliche Durchsetzungsfähigkeit irrelevant wäre oder jede Schwierigkeit strukturell erklärt werden sollte. Führung besteht immer auch darin, Interessen zu vertreten, Konflikte auszuhalten und Unterstützung für Vorhaben zu gewinnen. Der entscheidende Unterschied liegt darin, ob solche Fähigkeiten die formale Entscheidungsarchitektur ergänzen oder ob sie zu ihrer notwendigen Voraussetzung werden. Wo belastbare Entscheidungswege fehlen, wird persönliche Anschlussfähigkeit zur organisationalen Ressource. Formale Verantwortung beschreibt dann nur noch teilweise, welche Handlungsmöglichkeiten tatsächlich bestehen.

    Personifizierung

    Die Folgen einer solchen Architektur verteilen sich nicht gleichmäßig über die Organisation. Bereiche mit einem relativ autonomen Geschäftsmodell können unter stark personalisierten Entscheidungsbedingungen durchaus lange erfolgreich arbeiten. Eine spezialisierte operative Einheit kann ihre Leistungen erbringen, Kunden betreuen und Umsätze erzielen, auch wenn bestimmte übergreifende Entscheidungen nur langsam zustande kommen. Fehlende Entscheidungen behindern möglicherweise ihre Entwicklung, legen aber nicht zwangsläufig ihre unmittelbare Leistungserbringung lahm.

    Anders verhält es sich bei Funktionen, deren Leistung gerade darin besteht, unterschiedliche Teile der Organisation miteinander zu verbinden. Wissensmanagement, zentrale Personalentwicklung, organisationsübergreifende Services oder Organisationsentwicklung können ihre Wirkung nicht allein durch die Qualität ihrer eigenen fachlichen Arbeit erzeugen. Sie benötigen Entscheidungen darüber, wie andere Organisationseinheiten mit ihnen zusammenarbeiten, welche Standards gelten, welche Ressourcen bereitgestellt werden und welche Verbindlichkeit ihre Leistungen besitzen.

    Ein Wissensmanagement kann beispielsweise hervorragende Konzepte entwickeln, Lernformate gestalten und technische Plattformen bereitstellen. Es kann aber nicht allein aufgrund seiner fachlichen Kompetenz bestimmen, in welchem Umfang andere Bereiche diese Angebote nutzen oder welche gemeinsamen Standards gelten. Eine Organisationsentwicklung kann Strukturen analysieren, Rollenmodelle entwerfen und widersprüchliche Entscheidungsprämissen sichtbar machen. Sie kann jedoch nicht selbst die Entscheidungen treffen, durch die ihre Vorschläge für andere Teile der Organisation verbindlich werden. Gerade jene Funktionen, die eine Organisation weniger abhängig von persönlicher Koordination machen sollen, sind deshalb zunächst in besonderem Maße auf organisationale Autorisierung angewiesen.

    An diesem Punkt gewinnen auch Nichtentscheidungen eine Bedeutung, die häufig unterschätzt wird. Organisationen beobachten üblicherweise, welche Entscheidungen getroffen wurden. Weniger Aufmerksamkeit erhält die Frage, was durch ausbleibende Entscheidungen geschieht. Benötigt eine Funktion die Klärung einer Zuständigkeit, eine Budgetfreigabe oder eine verbindliche Entscheidung über die Zusammenarbeit mit anderen Bereichen, kann das Ausbleiben dieser Entscheidung ihre Wirksamkeit erheblich einschränken. Formal besteht die Funktion weiter, ihre Verantwortung bleibt unverändert und möglicherweise werden auch weiterhin Ergebnisse erwartet. Faktisch kann ihre Entwicklung jedoch zum Stillstand kommen, ohne dass jemals jemand entschieden hätte, sie stillzulegen.

    Gerade darin liegt eine besondere Schwierigkeit. Für eine getroffene Entscheidung existiert ein zurechenbarer Beschluss, der diskutiert, überprüft oder revidiert werden kann. Bei einer Nichtentscheidung fehlt ein solcher Bezugspunkt. Die Situation bleibt offen, während ihre Folgen längst real sind. Nichtentscheidungen können aus Überlastung, konkurrierenden Prioritäten, Unsicherheit oder fehlenden Entscheidungsroutinen entstehen; ihre Wirkung auf die betroffene Funktion ist davon zunächst unabhängig.

    Problematisch wird diese Konstellation, wenn die ausbleibenden Ergebnisse anschließend der verantwortlichen Person zugerechnet werden. Die Organisation überträgt Ergebnisverantwortung, lässt wesentliche Voraussetzungen dieser Verantwortung außerhalb des Mandats und interpretiert später die begrenzte Wirkung als individuelles Leistungsproblem. Dabei können beide Seiten denselben Vorgang vollkommen unterschiedlich beobachten. Die verantwortliche Person erlebt ihre wiederholten Nachfragen als Versuch, notwendige Arbeitsvoraussetzungen herzustellen. Die übergeordnete Führung kann dieselben Nachfragen als mangelnde Selbstständigkeit oder als ständige Forderung nach zusätzlicher Unterstützung erleben.

    Auf diese Weise kann aus einem Problem der Entscheidungsarchitektur ein persönlicher Konflikt werden, ohne dass die zugrunde liegende Struktur jemals ausdrücklich zum Gegenstand der Auseinandersetzung wird. Eine sorgfältige Organisationsanalyse muss deshalb individuelle Leistung und organisationale Leistungsbedingungen auseinanderhalten. Das bedeutet keineswegs, individuelle Verantwortung durch den Verweis auf Strukturen aufzulösen. Führungskräfte können Fehler machen, Chancen übersehen oder Aufgaben unzureichend erfüllen. Gerade deshalb ist die Unterscheidung notwendig: Nur wenn geklärt ist, welche Ergebnisse innerhalb des tatsächlich verfügbaren Entscheidungsraums beeinflussbar waren, lässt sich Leistung sinnvoll zurechnen.

    Plattformlogik

    Besonders deutlich wird diese Problematik bei Organisationen, die sich zu einer Plattform entwickeln. Der Begriff Plattform wird häufig zunächst leistungsbezogen verstanden: Mehrere operative Einheiten greifen auf gemeinsame Infrastruktur, Technologie, Recruiting, Marketing, Wissensmanagement, administrative Dienstleistungen oder spezialisierte Beratungsangebote zurück. Eine solche Bündelung kann erhebliche Vorteile erzeugen. Nicht jede Einheit muss sämtliche Kompetenzen selbst vorhalten, und spezialisierte Leistungen können für einen größeren Verbund entwickelt werden.

    Doch eine Vielzahl gemeinsamer Dienstleistungen erzeugt noch keine integrierte Plattformorganisation. Denn mit jedem zentralen Angebot entsteht zugleich die Frage nach seiner Verbindung mit den dezentralen Einheiten. Welche Leistungen sind freiwillige Angebote, welche bilden gemeinsame Standards? Welche Entscheidungen dürfen lokal getroffen werden, welche müssen für die Gesamtorganisation verbindlich sein? Wie werden Konflikte zwischen lokaler Autonomie und zentraler Standardisierung bearbeitet? Wer entscheidet über Ressourcen, wenn mehrere Bereiche unterschiedliche Prioritäten verfolgen? Und auf welchem Weg können solche Fragen geklärt werden, ohne sie immer wieder an dieselben wenigen Personen zurückzugeben?

    Eine Plattform benötigt deshalb neben ihrer Leistungsarchitektur auch eine Entscheidungs- und Integrationsarchitektur. Erst sie ermöglicht, dass unterschiedliche Leistungen strukturell anschlussfähig werden. Fehlt diese zweite Dimension, kann eine eigentümliche Zwischenform entstehen: Die Organisation verfügt bereits über zahlreiche Merkmale einer Plattform, ihre Entscheidungsordnung folgt jedoch weiterhin einer stärker personalisierten Logik. Das Angebot ist gewachsen, die Fähigkeit zur verbindlichen Integration aber nicht im gleichen Maße.

    Gerade dieser Zustand kann lange schwer zu erkennen sein, weil die zentralen Leistungsbereiche durchaus existieren. Es gibt Recruiting, Wissensmanagement, IT, Beratung oder andere gemeinsame Funktionen. Aus einer leistungsbezogenen Perspektive ist die Plattform also sichtbar. Erst bei der Frage, wie diese Funktionen organisationsweit verbindlich werden können, zeigt sich, ob auch die entsprechende Entscheidungsarchitektur entstanden ist.

    Die Unterscheidung zwischen Leistungsplattform und Entscheidungsplattform beschreibt deshalb zwei unterschiedliche Dimensionen organisationaler Reife. Die erste beantwortet die Frage, welche gemeinsamen Leistungen ein Verbund bereitstellen kann. Die zweite beantwortet die Frage, wie Entscheidungen organisiert werden, durch die diese Leistungen miteinander und mit den dezentralen Einheiten verbunden werden. Eine Organisation kann in der ersten Dimension weit entwickelt sein und in der zweiten weiterhin nach den Mustern einer wesentlich früheren Entwicklungsphase funktionieren.

    Damit wird auch verständlich, weshalb zusätzliches Wachstum das Problem nicht zwangsläufig löst, sondern sogar verschärfen kann. Neue Leistungen erzeugen neue Schnittstellen und damit weitere Entscheidungsbedarfe. Wird die Entscheidungsarchitektur nicht gleichzeitig weiterentwickelt, erhöht jede zusätzliche Kompetenz die Anforderungen an jene Mechanismen, die bereits zuvor an ihre Grenzen geraten sind. Das Wachstum der Leistungsorganisation kann auf diese Weise die Überlastung ihrer Entscheidungsarchitektur beschleunigen.

    Rollenentwicklung

    An dieser Stelle kommt die Gründerrolle wieder ins Spiel – nicht als Problem einer bestimmten Persönlichkeit, sondern als strukturelle Konsequenz erfolgreichen Wachstums. Die Fähigkeiten, die den Aufbau eines Unternehmens ermöglicht haben, verlieren durch die zunehmende Differenzierung nicht ihren Wert. Unternehmerisches Gespür, Entscheidungsstärke, Marktkenntnis, Beziehungsfähigkeit, Risikobereitschaft und die Fähigkeit, Möglichkeiten zu erkennen, bevor sie offensichtlich werden, bleiben zentrale Ressourcen. Die Organisation benötigt diese Fähigkeiten jedoch möglicherweise an einer anderen Stelle.

    In einer frühen Entwicklungsphase besteht ein wesentlicher Teil unternehmerischer Wirksamkeit darin, konkrete Situationen unmittelbar miteinander zu verbinden und Entscheidungen selbst herzustellen. Mit wachsender Komplexität verschiebt sich die Anforderung. Zentrale Führung wird zunehmend daran gemessen werden müssen, ob sie Bedingungen schafft, unter denen andere verlässlich entscheiden können. Ihre Leistung besteht dann weniger darin, möglichst viele Entscheidungen selbst zu treffen, sondern darin, Entscheidungsräume zu gestalten, Grenzen festzulegen, Prioritäten zu klären und für funktionierende Eskalationswege zu sorgen.

    Das ist kein Rückzug aus Führung und auch keine einfache Verlagerung von Macht. Vielmehr verändert sich die Form, in der Führung wirksam wird. Statt einzelne Ausgaben persönlich freizugeben, können Budget- und Entscheidungsspielräume gestaltet werden. Statt jede personelle Frage im Einzelfall zu beurteilen, können Verantwortlichkeiten und Grenzen definiert werden. Statt wiederkehrende Schnittstellenkonflikte immer wieder persönlich zu moderieren, können Entscheidungsprämissen geschaffen werden, die einen Teil dieser Konflikte bereits strukturell bearbeitbar machen. Kontrolle verschwindet dabei nicht; sie verlagert sich vom einzelnen Vorgang auf die Gestaltung und Überprüfung von Entscheidungsräumen, Ergebnissen und Grenzen.

    Gerade darin liegt allerdings die besondere Schwierigkeit dieses Reifeübergangs. Die bisherige Entscheidungsordnung besitzt eine eigene Erfolgsgeschichte. Über Jahre hat die unmittelbare Beteiligung zentraler Personen Risiken begrenzt, Chancen ermöglicht und Geschwindigkeit erzeugt. Es wäre daher zu einfach, die nächste Entwicklungsphase mit der Forderung nach „mehr Delegation“ zu beantworten. Delegation ist kein moralisches Führungsprinzip, sondern eine Frage der Organisationsarchitektur. Sie muss beantworten, welche Entscheidungen sinnvoll dezentralisiert werden können, welche zentral bleiben müssen, welche Informationen dafür erforderlich sind, wie Grenzen definiert werden und was geschieht, wenn innerhalb eines übertragenen Entscheidungsraums Fehler auftreten.

    Die Organisation steht damit vor einer paradoxen Situation: Sie muss eine Entscheidungslogik weiterentwickeln, deren Erfolg überhaupt erst jenes Wachstum ermöglicht hat, das diese Weiterentwicklung nun erforderlich macht. Und diese Veränderung muss zunächst innerhalb der bestehenden Entscheidungsordnung beschlossen werden. Eine stärker verteilte Entscheidungsfähigkeit lässt sich nicht dadurch herstellen, dass einzelne Führungskräfte oder Organisationsentwickler sie einfach praktizieren. Sie können Widersprüche sichtbar machen, alternative Modelle entwickeln und Entscheidungsbedarfe beschreiben; die organisationale Autorisierung können sie sich nicht selbst erteilen.

    Darin liegt eine besondere Herausforderung jeder Organisationsentwicklung, die sich mit Entscheidungsarchitektur beschäftigt. Die bestehende Struktur muss ihre eigene Veränderung ermöglichen. Eine Organisation, die weniger von persönlicher Koordination abhängig werden möchte, ist für genau diesen Übergang zunächst noch auf die Entscheidungen angewiesen, die innerhalb ihrer bisherigen Ordnung entstehen. Diese Paradoxie lässt sich nicht durch bessere Konzepte beseitigen. Sie muss als Bestandteil des Entwicklungsprozesses verstanden werden.

    Entscheidungsfähigkeit

    Aus dieser Diagnose folgt nicht, dass wachsende Unternehmen möglichst viele Regeln, Gremien oder Prozesse benötigen. Eine Organisation wird nicht dadurch reifer, dass sie möglichst viel formalisiert. Überregulierung kann unternehmerische Initiative ebenso behindern wie übermäßige Zentralisierung. Die entscheidende Frage lautet deshalb nicht, wie viel Struktur eine Organisation braucht, sondern an welchen Stellen sie Verbindlichkeit herstellen muss, damit sie ihre eigene Komplexität bewältigen kann.

    Eine entwickelte Entscheidungsarchitektur sollte Verantwortlichkeiten und Entscheidungsbefugnisse so aufeinander beziehen, dass Ergebnisverantwortung tatsächlich wahrgenommen werden kann. Sie sollte wiederkehrende Konflikte nicht jedes Mal neu entstehen lassen, sondern dort Entscheidungsprämissen schaffen, wo die Organisation aus Erfahrungen lernen kann. Sie sollte Eskalation ermöglichen, ohne jede Frage zur Eskalation werden zu lassen, und zentrale Führung von solchen Entscheidungen entlasten, deren Zentralisierung keinen zusätzlichen unternehmerischen Wert mehr erzeugt. Vor allem sollte sie dafür sorgen, dass die Wirksamkeit von Funktionen nicht dauerhaft davon abhängt, wie gut einzelne Personen Zugang zu informellen Entscheidungssituationen herstellen können.

    Dabei geht es nicht darum, persönliche Beziehungen aus Organisationen zu verdrängen. Auch hoch entwickelte Organisationen funktionieren nicht ausschließlich über Rollen, Regeln und Prozesse. Vertrauen, persönliche Verständigung und informelle Kooperation bleiben unverzichtbar. Der Unterschied liegt darin, welche Last diese Beziehungen tragen müssen. Informalität ist ausgesprochen leistungsfähig, wenn sie formale Strukturen ergänzt, situativ flexibilisiert und dort Lösungen ermöglicht, wo allgemeine Regeln an Grenzen stoßen. Sie wird problematisch, wenn sie dauerhaft ersetzen muss, was die Organisation selbst nicht entschieden hat.

    Der Reifeübergang von einer Gründer- zu einer stärker strukturell getragenen Organisation ist deshalb keine Abwertung des unternehmerischen Ursprungs. Im Gegenteil: Er wird häufig erst notwendig, weil die bisherige Organisationsform erfolgreich war. Das Unternehmen hat eine Größe, Differenzierung und Leistungsfähigkeit erreicht, die neue Formen der Koordination erforderlich machen. Der Erfolg erzeugt damit seine eigene nächste Entwicklungsaufgabe.

    In einer frühen Phase besteht unternehmerische Leistung häufig darin, Entscheidungen zu treffen, für die es noch keine Organisation gibt. In einer späteren Phase kann die unternehmerische Leistung zunehmend darin bestehen, eine Organisation zu schaffen, die selbst zuverlässig Entscheidungen hervorbringen kann. Der Gründer verliert dadurch nicht zwangsläufig an Bedeutung. Seine Bedeutung verändert sich. Aus der persönlichen Integrationsleistung kann zunehmend eine architektonische Führungsleistung werden: die Gestaltung einer Ordnung, in der andere verantwortlich entscheiden können, ohne dass dadurch der Zusammenhang der Gesamtorganisation verloren geht.

    Genau darin liegt möglicherweise eine der anspruchsvollsten Reifeprüfungen wachsender Unternehmen. Es reicht nicht, immer neue Kompetenzen, Geschäftsfelder und zentrale Dienstleistungen hinzuzufügen. Irgendwann muss sich die Aufmerksamkeit von der Frage, was die Organisation zusätzlich leisten kann, auf die Frage erweitern, wie sie die dafür notwendigen Entscheidungen organisiert.

    Eine Organisation ist deshalb nicht schon dadurch zur Plattform geworden, dass sie viele Leistungen unter einem gemeinsamen Dach vereint. Zur tragfähigen Plattform wird sie erst dann, wenn sie auch eine Entscheidungsarchitektur entwickelt, die diese Leistungen verlässlich miteinander verbindet.


    Über den Autor

    Ralf Haase arbeitet als Organisationsentwickler, Speaker und Autor an der Frage, wie Steuerberatungskanzleien Wachstum, Führung und Zusammenarbeit strukturell besser verarbeiten können. Sein Fokus liegt auf Organisationsarchitektur, Entscheidungslogik und der Entlastung unternehmerischer Verantwortung.

  • Wenn gute Führung zum eigenen Risiko wird

    Zu den verbreiteten Vorstellungen guter Führung gehört, dass eine Führungskraft nicht selbst die beste Fachkraft ihres Verantwortungsbereichs sein muss. Im Gegenteil: Führung zeigt sich auch in der Fähigkeit, die eigene fachliche Begrenztheit anzuerkennen und Menschen Raum zu geben, die in bestimmten Bereichen mehr wissen, mehr Erfahrung besitzen oder schlicht leistungsfähiger sind. Was zunächst wie eine Selbstverständlichkeit moderner Führung klingt, enthält allerdings ein bemerkenswertes Paradox. Denn je erfolgreicher eine Führungskraft darin ist, die Leistungsfähigkeit anderer zu ermöglichen, desto schwieriger kann es für eine Organisation werden, ihren eigenen Beitrag zu dieser Leistung noch zu erkennen.

    Foto: Philipp Arnold, Berlin

    Leistung ist individuell. Ihre Entstehung ist es nicht. Das Problem beginnt dort, wo wir Leistung einzelnen Personen zurechnen. Dagegen ist zunächst nichts einzuwenden. Menschen unterscheiden sich tatsächlich in ihren Fähigkeiten, ihrer Erfahrung und ihrer Leistungsfähigkeit. Ein hervorragender Spezialist ist nicht deshalb hervorragend, weil irgendein abstraktes „System“ ihn dazu gemacht hätte. Organisationen wären schlecht beraten, individuelle Kompetenz kleinzureden.

    Trotzdem entsteht Leistung niemals vollständig unabhängig von den Bedingungen, unter denen jemand arbeitet. Entscheidungsräume, Vertrauen, Zugang zu Informationen, Rückendeckung, Konflikttoleranz und die Möglichkeit, der eigenen Expertise tatsächlich zu folgen, beeinflussen erheblich, welche vorhandenen Fähigkeiten in einer Organisation wirksam werden können.

    Genau hier kann gute Führung eigentümlich unsichtbar werden. Eine Führungskraft, die Expertise nicht an sich zieht, sondern dort wirken lässt, wo sie vorhanden ist, produziert möglicherweise immer weniger unmittelbar zurechenbare eigene Leistung. Der Spezialist löst die schwierigen Probleme, wird als Ansprechpartner gesucht, verfügt über das relevante Wissen und erzeugt sichtbare Ergebnisse. Die Führungskraft sorgt währenddessen dafür, dass genau dies möglich bleibt. Je besser das funktioniert, desto leichter kann der Eindruck entstehen, der Spezialist sei der eigentliche Leistungsträger, während die Funktion der Führungskraft weniger deutlich hervortritt.

    Wenn Führung erfolgreich unsichtbar wird

    Darin steckt ein bemerkenswertes Bewertungsproblem. Führung, die ihre eigene Bedeutung ständig sichtbar machen muss, ist nicht zwangsläufig gute Führung. Im Gegenteil kann es ausgesprochen einfach sein, die eigene Unverzichtbarkeit zu produzieren: Informationen lassen sich an der eigenen Position bündeln, Entscheidungen können vorbehalten und Mitarbeitende in Abhängigkeit von der eigenen Zustimmung gehalten werden. Dass ohne die Führungskraft wenig funktioniert, wird dann zum permanenten Nachweis ihrer Bedeutung.

    Eine Führungskraft, die Menschen entwickelt, Verantwortung überlässt und akzeptiert, dass andere in wichtigen Bereichen leistungsfähiger sind als sie selbst, erzeugt im besten Fall das Gegenteil. Menschen werden selbstständiger, Entscheidungen können ohne ihre permanente Beteiligung getroffen werden und Expertise entfaltet Wirkung, ohne dass die Führungskraft überall ihre Fingerabdrücke hinterlassen muss.

    Was aus Führungsperspektive als Erfolg gelten müsste, kann aus einer individualisierenden Leistungsperspektive deshalb wie ein Bedeutungsverlust aussehen.

    Der verführerische Schluss

    Gefährlich wird dieser Beobachtungsfehler, wenn daraus eine scheinbar rationale organisatorische Schlussfolgerung entsteht. Wenn die wesentliche Leistung ohnehin von dem Spezialisten erbracht wird, könnte man auf die Idee kommen, ihn unmittelbar an eine andere Führungs- oder Entscheidungsstruktur anzubinden. Seine Kompetenz bleibt der Organisation schließlich erhalten.

    Was dabei übersehen werden kann, ist die Frage, ob man tatsächlich nur eine Person organisatorisch neu zuordnet oder zugleich Bedingungen verändert, unter denen deren bisherige Leistungsfähigkeit entstanden ist.

    Die Organisation beobachtet dann möglicherweise völlig richtig, dass ein bestimmter Mensch über außergewöhnliche Fähigkeiten verfügt. Sie irrt sich aber womöglich darüber, was notwendig ist, damit diese Fähigkeiten innerhalb der Organisation wirksam werden können.

    Die Rechnung kann aufgehen. Sie muss es nicht.

    Vielleicht hat die Organisation die sichtbare Leistung richtig erkannt und lediglich deren Entstehungsbedingungen falsch verstanden.

    Leistung und Widerspruch

    An dieser Stelle kommt eine zweite Dimension hinzu. Führung soll nicht nur Leistung ermöglichen. Sie hat auch die Aufgabe, unterschiedliche Interessen zu vertreten, Grenzen zu markieren, Risiken sichtbar zu machen und gegebenenfalls Entscheidungen zu widersprechen. Eine Führungskraft, die diese Funktion ernst nimmt, wird deshalb nicht zwangsläufig als bequem erlebt.

    Gerade wenn sie ihren Fachleuten gleichzeitig große Autonomie ermöglicht, kann daraus eine eigentümliche Konstellation entstehen. Die operative Leistung des Experten ist hoch sichtbar und erwünscht. Die Führungskraft dagegen wird besonders dort sichtbar, wo sie widerspricht, Entscheidungen infrage stellt oder auf Bedingungen besteht, die sie für notwendig hält.

    Damit geraten zwei völlig unterschiedliche Leistungen in eine merkwürdige Konkurrenz. Auf der einen Seite steht die unmittelbar beobachtbare Fachleistung. Auf der anderen Seite eine Führungsleistung, die teilweise gerade darin besteht, Differenzen zur bestehenden Entscheidungsordnung aufrechtzuerhalten.

    Was fachlich wertvoll ist, kann organisationspolitisch unbequem werden.

    Die Verlockung größerer Loyalität

    Spätestens hier kommt Loyalität ins Spiel.

    Auch Loyalität ist zunächst nichts Problematisches. Organisationen sind darauf angewiesen, dass Entscheidungen akzeptiert werden, Menschen Verbindlichkeit herstellen und nicht jede Differenz permanent neu ausgehandelt werden muss. Ohne ein Mindestmaß an Loyalität gegenüber Rollen, Entscheidungen und gemeinsamen Vereinbarungen wäre organisierte Zusammenarbeit kaum möglich.

    Problematisch wird es dort, wo Loyalität mit möglichst geringer Widerspruchsbereitschaft verwechselt wird.

    Dann kann ein hochleistungsfähiger Spezialist besonders attraktiv erscheinen. Nicht nur, weil man seine fachliche Leistung erhalten möchte. Sondern möglicherweise auch, weil die Erwartung entsteht, diese Leistung unmittelbarer und loyaler an die bestehende Entscheidungsstruktur koppeln zu können.

    Die bisherige Führungskraft erscheint aus dieser Perspektive gleich doppelt verzichtbar. Ihre fachliche Leistung scheint durch den Spezialisten ersetzbar, während ihr Widerspruch als zusätzlicher Aufwand bestehen bleibt.

    Damit entsteht eine ausgesprochen verführerische Vorstellung: Man könnte die erwünschte Leistung erhalten und gleichzeitig die organisationale Reibung reduzieren.

    Leistung behalten und Widerspruch entfernen.

    Das kann funktionieren. Es kann aber auch auf einem fundamentalen Missverständnis beruhen.

    Was, wenn der Widerspruch eine Funktion hatte? Denn Widerspruch ist nicht zwangsläufig das Gegenteil von Loyalität.

    Eine Führungskraft kann einer Organisation gerade dadurch loyal sein, dass sie Entscheidungen nicht einfach übernimmt. Sie kann auf Risiken hinweisen, Interessen ihres Verantwortungsbereichs vertreten, Zumutungen sichtbar machen oder verhindern, dass kurzfristige Entscheidungen langfristige Leistungsfähigkeit beschädigen.

    Damit wird es schwieriger, zwischen „loyal“ und „unbequem“ zu unterscheiden.

    Vielleicht war die vermeintlich unbequeme Führungskraft nicht das Hindernis zwischen Organisation und Leistung. Vielleicht gehörte gerade ihre Fähigkeit, Eigenständigkeit gegenüber anderen Entscheidungszentren zu behaupten, zu den Bedingungen, unter denen Menschen in ihrem Verantwortungsbereich leistungsfähig werden konnten.

    Dann wäre ihr Widerspruch kein Störgeräusch gewesen, das man von der erwünschten Leistung trennen kann. Er wäre Teil einer Führungsleistung gewesen, deren Nutzen erst sichtbar wird, wenn sie fehlt.

    Das bedeutet nicht, dass jede unbequeme Führungskraft deshalb eine gute Führungskraft wäre. Widerspruch legitimiert sich nicht selbst. Auch Autonomie ist kein Wert an sich und Konflikt keine automatische Qualitätsauszeichnung.

    Es bedeutet lediglich, dass die Abwesenheit von Widerspruch ein ebenso schlechter Indikator für Loyalität sein kann wie die Anwesenheit von Widerspruch ein Indikator für Illoyalität.

    Die Leistung hinter der Leistung

    Vielleicht liegt darin der eigentliche Beobachtungsfehler.

    Organisationen können vergleichsweise gut erkennen, wer ein Problem gelöst, ein Projekt umgesetzt, einen Kunden gewonnen oder eine technische Lösung entwickelt hat. Wesentlich schwieriger ist es, die Bedingungen zu beobachten, unter denen diese Leistung möglich geworden ist.

    Führung gehört zu diesen Bedingungen.

    Wer deshalb einen leistungsfähigen Menschen aus einer bestehenden Führungsbeziehung herauslöst und neu zuordnet, verändert mehr als ein Organigramm. Er verändert möglicherweise Entscheidungsräume, Vertrauensbeziehungen, Schutzmechanismen, Informationswege und die Bedingungen, unter denen Widerspruch möglich war.

    Vielleicht bleibt die Leistung davon vollkommen unberührt.

    Vielleicht steigt sie sogar.

    Vielleicht verschwindet aber genau jene Leistungsfähigkeit, die man durch die Neuordnung eigentlich erhalten wollte.

    Gute Führung und das Risiko der eigenen Ersetzbarkeit

    Darin liegt schließlich das Paradox guter Führung.

    Wer Wissen monopolisiert, Entscheidungen an die eigene Person bindet und dafür sorgt, dass ohne die eigene Beteiligung wenig funktioniert, kann seine Unverzichtbarkeit fortlaufend demonstrieren.

    Wer dagegen Menschen entwickelt, ihnen Verantwortung überlässt, ihre fachliche Überlegenheit anerkennt und ihnen ermöglicht, selbst sichtbar zu werden, produziert im besten Fall eine Organisation, die immer weniger auf die eigene unmittelbare Intervention angewiesen ist.

    Das ist eigentlich ein Erfolg.

    Eine Organisation, die Führung vor allem anhand unmittelbar zurechenbarer Ergebnisse beurteilt, kann daraus allerdings das Gegenteil schließen.

    Vielleicht sollten wir deshalb bei der Bewertung von Führung vorsichtiger mit der Frage sein, was eine Führungskraft selbst sichtbar leistet. Mindestens ebenso interessant ist, welche Leistungsfähigkeit in ihrer Umgebung entsteht und welche Bedingungen sie dafür geschaffen hat.

    Denn Organisationen sehen vergleichsweise gut, wer Leistung erbringt.

    Wesentlich schwieriger zu beobachten ist, was diese Leistung möglich macht.

    Und vielleicht gehört es gerade zu den anspruchsvollsten Formen von Führung, Bedingungen zu schaffen, unter denen andere größer werden können, ohne daraus den Anspruch abzuleiten, selbst als Ursache ihres Erfolgs sichtbar bleiben zu müssen.

    Genau dadurch kann gute Führung allerdings zum eigenen Risiko werden.


    Über den Autor

    Ralf Haase arbeitet als Organisationsentwickler, Speaker und Autor an der Frage, wie Steuerberatungskanzleien Wachstum, Führung und Zusammenarbeit strukturell besser verarbeiten können. Sein Fokus liegt auf Organisationsarchitektur, Entscheidungslogik und der Entlastung unternehmerischer Verantwortung.

  • Ich bin auch nur ein Mensch

    Dieser Satz ist mir vor Kurzem in einem Gespräch herausgerutscht. Er war weder als Rechtfertigung noch als Entschuldigung gemeint. Trotzdem ist er mir nachgegangen, vielleicht gerade deshalb, weil er zunächst so banal klingt und die eigene Betroffenheit darin sichtbar wird.

    Ich beschäftige mich beruflich viel mit Organisationen und mit der Frage, wie Menschen in ihnen unter Bedingungen handeln, die sie selbst nur begrenzt überblicken können. Mich interessieren Entscheidungswege, Rollen, Kommunikation, Verantwortlichkeiten und die Muster, die entstehen, wenn formale Strukturen nicht ausreichen, um Orientierung herzustellen. Ein wesentlicher Teil dieser Arbeit besteht darin, Beobachtungen von Bewertungen zu unterscheiden, vorschnelle Personalisierungen zu vermeiden und hinter einem konkreten Konflikt nach den strukturellen Bedingungen zu fragen, unter denen er entstanden ist.

    Das klingt vernünftig. Es funktioniert auch erstaunlich gut, solange man eine gewisse Distanz zum Gegenstand der Beobachtung hat.

    Foto: Philipp Arnold, Berlin

    Wenn der Beobachter selbst betroffen ist

    Schwieriger wird es, wenn man selbst Teil dessen ist, was man zu verstehen versucht.

    Organisationale Unsicherheit ist für einen Organisationsentwickler zunächst einmal ein Gegenstand professioneller Arbeit. Entscheidungen bleiben aus, Zuständigkeiten sind nicht eindeutig, unterschiedliche Beobachtungen widersprechen einander, Informationen sind ungleich verteilt und Menschen versuchen trotzdem, handlungsfähig zu bleiben. Man kann solche Situationen analysieren und möglicherweise sogar erklären, warum eine Organisation gerade auf diese Weise reagiert.

    Aber das bedeutet nicht, dass man von ihren Folgen unberührt bleibt.

    Wenn die eigene Rolle unsicher wird, wenn Menschen, für die man Verantwortung trägt, Orientierung erwarten, während einem selbst belastbare Informationen fehlen, oder wenn irgendwann sogar die eigene berufliche Zukunft zum Gegenstand der Ungewissheit wird, verändert sich die Position des Beobachters. Man beobachtet nicht mehr nur Unsicherheit. Man erlebt sie.

    Und dann tut man möglicherweise genau das, was Menschen in Organisationen unter Unsicherheit eben tun. Man sucht nach Informationen. Man spricht mit Menschen, denen man vertraut. Man versucht, einzelne Beobachtungen miteinander zu verbinden. Man entwickelt Hypothesen darüber, was im Hintergrund geschehen könnte. Manche davon erweisen sich später als tragfähig, andere nicht. Und manchmal sagt man einen Satz, den man mit größerer Distanz anders formuliert hätte.

    Das lässt sich professionell kritisieren. Führungskräfte sollten sorgfältig unterscheiden, welche Informationen für wen relevant sind. Organisationsentwickler sollten Beobachtung, Interpretation und Bewertung nicht miteinander verwechseln. Wer mit vertraulichen Kommunikationsräumen arbeitet, muss deren Grenzen respektieren. Und wer beruflich mit Unsicherheit umgeht, sollte eine gewisse Fähigkeit entwickelt haben, Nichtwissen auszuhalten, ohne es vorschnell durch Gewissheit zu ersetzen.

    Ich halte all das weiterhin für richtig.

    Problematisch wird es erst, wenn aus diesen professionellen Anforderungen unbemerkt die Erwartung entsteht, Professionalität bedeute, selbst nicht mehr betroffen sein zu dürfen.

    Vielleicht liegt darin eine merkwürdige Überforderung vieler professioneller Rollen. Von Führungskräften erwarten wir, dass sie Sicherheit vermitteln, obwohl sie selbst nicht sicher sein können. Von HR-Verantwortlichen erwarten wir, dass sie mit den Sorgen anderer umgehen, während ihre eigene Position keineswegs außerhalb organisationaler Konflikte liegt. Und von Organisationsentwicklern erwarten wir, dass sie Widersprüche sichtbar machen und Unsicherheit bearbeitbar machen, als stünden sie dabei außerhalb der Organisation, die sie beobachten.

    Aber niemand steht außerhalb der Organisation, der Teil von ihr ist.

    Eigene Betroffenheit und die Veränderung der Beobachtung

    Die interessantere Frage ist für mich deshalb inzwischen nicht mehr, wie man persönliche Betroffenheit aus professioneller Arbeit heraushalten kann. Wahrscheinlich ist schon diese Vorstellung falsch. Mich interessiert vielmehr, wie man bemerkt, dass die eigene Betroffenheit gerade beginnt, die eigene Beobachtung zu verändern.

    Wann wird aus dem legitimen Versuch, Informationen zu gewinnen, die Suche nach einer Gewissheit, die es gerade nicht geben kann? Wann verbinden wir schwache Signale zu einer Geschichte, weil eine Geschichte psychologisch leichter auszuhalten ist als Nichtwissen? Wann sprechen wir mit anderen, um gemeinsam eine Situation zu verstehen, und wann tun wir es auch deshalb, weil wir selbst Halt brauchen?

    Diese Fragen sind unangenehm, weil sie sich nicht durch eine bessere Methode erledigen lassen. Sie verlangen Selbstbeobachtung, und zwar gerade dann, wenn die eigene Fähigkeit zur Distanz geringer ist als sonst.

    Vielleicht gehört deshalb zu professioneller Reife nicht, in schwierigen Situationen immer richtig zu handeln. Sie zeigt sich möglicherweise eher darin, die eigene Fehlbarkeit beobachten zu können, ohne daraus entweder eine Selbstanklage oder eine Selbstrechtfertigung zu machen. Ich kann einen Satz im Nachhinein für unklug halten, ohne deshalb meine gesamte Wahrnehmung einer Situation verwerfen zu müssen. Ich kann Verantwortung für mein Handeln übernehmen, ohne jede Interpretation zu akzeptieren, die andere daraus ableiten. Und ich kann anerkennen, dass meine eigene Betroffenheit meine Beobachtung beeinflusst, ohne deshalb so zu tun, als sei diese Beobachtung wertlos.

    Vielleicht ist genau das der Punkt, an dem aus dem zunächst banalen Satz etwas wird, das mich weiter beschäftigt:

    Ich bin auch nur ein Mensch.

    Nicht als Ausrede für mangelnde Professionalität. Sondern als notwendige Voraussetzung dafür, überhaupt sinnvoll darüber sprechen zu können, was Professionalität unter Unsicherheit eigentlich bedeutet.


    Über den Autor Ralf Haase arbeitet als Organisationsentwickler, Speaker und Autor an der Frage, wie Steuerberatungskanzleien Wachstum, Führung und Zusammenarbeit strukturell besser verarbeiten können. Sein Fokus liegt auf Organisationsarchitektur, Entscheidungslogik und der Entlastung unternehmerischer Verantwortung.

  • Organisationsentwicklung – Eine der gefährlichsten Positionen im Unternehmen?

    Was passiert, wenn Organisationsentwicklung ihren Auftrag ernst nimmt und irgendwann die Entscheidungsarchitektur selbst zum Gegenstand wird?

    Organisationsentwicklung beginnt häufig erstaunlich harmlos. Ein Prozess funktioniert nicht sauber, Verantwortlichkeiten sind unklar, an einer Schnittstelle gehen Informationen verloren, ein Onboarding hängt zu sehr davon ab, wer gerade Zeit hat, oder Entscheidungen werden zwar getroffen, anschließend aber unterschiedlich interpretiert. Gerade in wachsenden Organisationen begegnet einem dieses Muster häufig. Vieles von dem, was früher durch persönliche Abstimmung, kurze Wege, implizites Wissen und die unmittelbare Präsenz einzelner Schlüsselpersonen funktioniert hat, funktioniert mit zunehmender Größe nicht mehr zuverlässig. Dann wird Organisationsentwicklung interessant. Sie soll Strukturen klären, Rollen schärfen, Prozesse stabilisieren, Zusammenarbeit verbessern und aus wiederkehrenden Einzelfällen Muster erkennen. Im besten Fall hilft sie einer Organisation dabei, weniger Energie auf die immer gleichen Abstimmungen zu verwenden und Entscheidungen dort treffen zu können, wo sie hingehören. So weit, so unverdächtig.

    Foto: Philipp Arnold, Berlin

    In meiner eigenen Arbeit mit wachsenden Organisationen habe ich allerdings erlebt, dass sich die Fragen verändern, wenn man ihnen lange genug folgt. Warum funktioniert eine bestimmte Übergabe immer wieder nicht? Vielleicht weil die Verantwortung nicht eindeutig ist. Warum ist sie nicht eindeutig? Vielleicht weil mehrere Rollen davon ausgehen, entscheiden zu dürfen, oder weil formal jemand verantwortlich ist, Entscheidungen faktisch aber an anderer Stelle fallen. Warum fallen sie dort? Vielleicht weil persönliche Beziehungen, informelle Autorität oder historisch gewachsene Kommunikationswege stärker wirken als die formale Zuständigkeit. Irgendwann ist man dann nicht mehr bei der ursprünglichen Frage. Aus einem Prozessproblem ist eine Verantwortungsfrage geworden, daraus eine Frage nach Entscheidungsrechten und schließlich eine Frage danach, wie diese Organisation überhaupt entscheidet. Genau dort verändert sich Organisationsentwicklung. Sie bearbeitet nicht mehr nur Probleme innerhalb einer gegebenen Ordnung, sondern beginnt, die Ordnung selbst zum Gegenstand ihrer Beobachtung zu machen.

    Von Entscheidungen zu Entscheidungsprämissen: die Entscheidungsarchitektur

    Organisationen können nicht bei jeder Entscheidung wieder bei null anfangen. Sie brauchen Strukturen, die vorentscheiden, wie weitere Entscheidungen zustande kommen können: Wer ist wofür zuständig? Welche Rolle darf was entscheiden? Welche Informationen müssen berücksichtigt werden? Welche Verfahren gelten? Wer spricht mit wem? Wann muss etwas eskaliert werden und wann gerade nicht? In der Organisationstheorie lassen sich solche Strukturen als Entscheidungsprämissen beschreiben. Sie nehmen die einzelne Entscheidung nicht vorweg, schaffen aber einen Rahmen, innerhalb dessen bestimmte Entscheidungen wahrscheinlicher werden als andere. Das klingt abstrakter, als es im Organisationsalltag ist. Ein Organigramm ist eine solche Vorstrukturierung, eine Budgetgrenze ebenfalls, ebenso eine Stellenbeschreibung, ein Freigabeprozess oder die Regel, dass bestimmte Fragen zunächst mit einer bestimmten Führungskraft geklärt werden müssen. Interessanterweise gilt das auch für vieles, was nirgendwo aufgeschrieben wurde. Jede erfahrene Führungskraft kennt Sätze wie: „Formal müsste das eigentlich dort entschieden werden, aber wir wissen ja, wie es tatsächlich läuft.“ Auch das ist Organisation.

    Vielleicht beginnt anspruchsvolle Organisationsentwicklung deshalb genau an der Stelle, an der sie von einzelnen Entscheidungen zu deren Entscheidungsprämissen wechselt. Solange sie innerhalb bestehender Strukturen arbeitet, hilft sie der Organisation, besser zu entscheiden. Sobald sie diese Strukturen selbst untersucht, arbeitet sie an der Architektur des Entscheidens. Und damit betritt sie ein anderes Gelände, denn nun können plötzlich die Zuständigkeiten, Kommunikationswege und Machtverhältnisse, die Organisationsentwicklung bislang als Rahmen ihrer Arbeit vorausgesetzt hat, selbst zum Gegenstand ihrer Arbeit werden.

    Nehmen wir einen fiktiven, aber keineswegs exotischen Fall. Eine interne Organisationsentwicklerin beobachtet ein wiederkehrendes Muster. Sie analysiert mehrere Fälle und kommt zu dem Schluss, dass es sich nicht um einzelne Fehler handelt, sondern um ein strukturelles Problem. Also adressiert sie ihre Beobachtung bei dem dafür zuständigen Entscheider. Der hört sich die Analyse an, wägt sie ab und kommt zu einem anderen Ergebnis. Für ihn besteht kein struktureller Handlungsbedarf. Was nun? Darf die Organisationsentwicklerin einen anderen Entscheidungskreis öffnen? Dafür gäbe es ein plausibles Argument: Wenn die beobachtete Struktur selbst dafür sorgt, dass ihre problematischen Folgen nicht auf einer anderen Ebene thematisiert werden können, könnte eine Organisation gegenüber bestimmten eigenen Mustern blind werden. Aber auch das gegenteilige Argument ist stark. Wenn Organisationsentwicklung jede Entscheidung, die ihrer Analyse nicht folgt, unter Verweis auf deren „strukturelle Bedeutung“ auf eine andere Ebene tragen dürfte, würde sie Zuständigkeiten unterlaufen. Sie könnte sich ein faktisches Eskalationsrecht schaffen, das ihr formal nie übertragen wurde. Aus einer Beobachtungsfunktion würde schleichend ein alternatives Machtzentrum.

    Hierarchie und geregelte Kommunikationswege existieren schließlich nicht nur, um unbequeme Beobachtungen fernzuhalten. Sie reduzieren Komplexität, schützen Zuständigkeiten und verhindern, dass jede Entscheidung so lange weitergetragen wird, bis irgendwo jemand gefunden ist, der sie anders beurteilt. Das Recht, eine Struktur zu beobachten, ist deshalb nicht dasselbe wie das Recht, jeden beliebigen Kommunikationsweg zu wählen. Und trotzdem bleibt eine Frage übrig, die sich nicht so leicht auflösen lässt: Wer legitimiert den Widerspruch, wenn gerade die bestehende Entscheidungsordnung bestimmt, auf welchem Weg ihr widersprochen werden darf?

    Der Beobachter entdeckt sich selbst im Beobachtungsfeld

    An diesem Punkt wird Organisationsentwicklung rekursiv. Es gibt eine verführerische Selbstbeschreibung der OE: Die Organisation handelt, und Organisationsentwicklung beobachtet. Nur stimmt sie nicht ganz. Eine interne Organisationsentwicklerin ist selbst Mitglied der Organisation. Sie hat eine Rolle und ein Mandat, für sie gelten Zuständigkeiten und Kommunikationswege, sie hat Auftraggeber, Ansprechpartner und möglicherweise Vorgesetzte. Sie verfügt über Informationen, zu denen andere keinen Zugang haben, während andere über Informationen verfügen, die ihr fehlen. Sie beobachtet also Strukturen, denen sie selbst unterliegt. Damit entsteht ein eigenartiges Verhältnis: Organisationsentwicklung benötigt organisationale Legitimation, um genau jene Strukturen beobachten und gegebenenfalls infrage stellen zu können, aus denen ihre eigene Legitimation stammt. Das ist noch kein Argument gegen Hierarchie. Es ist zunächst nur die Anerkennung einer Paradoxie.

    Vielleicht wird Organisationsentwicklung genau hier unbequem. Nicht weil sie besonders kritisch oder mutig wäre, sondern weil ihre Beobachtungen irgendwann die Bedingungen betreffen können, unter denen in der Organisation entschieden wird, welche Beobachtungen überhaupt entscheidungsrelevant werden. Man könnte die Geschichte nun sehr bequem weitererzählen: Hier die aufmerksame Organisationsentwicklung, die ein Muster erkannt hat, dort die Hierarchie, die sich gegen unangenehme Wahrheiten abschottet. Nur wäre das eine erstaunlich schlechte Organisationsanalyse. Denn auch der Beobachter hat einen blinden Fleck. Wer entscheidet eigentlich, dass ein Problem strukturell ist? Zunächst einmal derjenige, der es so beschreibt. Wenn ich einen wiederkehrenden Konflikt nicht als Auseinandersetzung zwischen zwei Personen, sondern als Ausdruck unklarer Verantwortungsarchitektur beschreibe, habe ich die Organisation nicht nur beobachtet. Ich habe das Problem anders gerahmt. Plötzlich stehen andere Fragen im Raum, andere Personen werden relevant und andere Lösungswege erscheinen plausibel. Aus einem lokalen Problem kann eine Frage für die Geschäftsleitung werden, aus einem Führungsproblem eine Governancefrage, aus einem Fehler ein Muster. Das kann analytisch vollkommen berechtigt sein. Neutral ist es trotzdem nicht.

    Wer ein Problem vom Einzelfall zur Strukturfrage erklärt, verändert den Entscheidungsraum. Organisationsentwicklung verfügt deshalb vielleicht nicht immer über viel formale Entscheidungsmacht, sie kann aber erheblichen Einfluss darauf haben, was überhaupt als entscheidungsbedürftig erscheint. Das sollte sie nicht unterschätzen. Ich kenne diese Versuchung aus meiner eigenen Arbeit. Wenn man intensiv mit Organisationsarchitektur arbeitet, erscheint die strukturelle Erklärung schnell als die tiefere Erklärung. Hinter dem Konflikt entdeckt man die unklare Rolle, hinter der unklaren Rolle die fehlende Entscheidungsprämisse und hinter der fehlenden Entscheidungsprämisse eine noch nicht ausreichend entwickelte Organisationsarchitektur. Manchmal stimmt das. Manchmal streiten sich aber auch einfach zwei Menschen. Manchmal erbringt jemand nicht die erwartete Leistung. Manchmal gibt es unterschiedliche Interessen. Und manchmal trifft eine Führungskraft eine Entscheidung, deren Risiken sie kennt und bewusst akzeptiert. „Struktur“ ist nicht automatisch die tiefere Wahrheit. Organisationsentwicklung darf ihre Fähigkeit, Strukturen zu beobachten, nicht mit einem privilegierten Zugang zur Wahrheit über die Organisation verwechseln.

    Besonders problematisch wird es, wenn Organisationsentwicklung beginnt, Widerspruch gegen ihre Diagnose als Bestätigung ihrer Diagnose zu interpretieren. Die Organisation erkennt das Problem nicht? Dann zeigt das, wie tief das Problem sitzt. Die Führung folgt der Empfehlung nicht? Dann beweist das, dass die Entscheidungsstruktur dysfunktional ist. Der vorgesehene Kommunikationsweg lässt keine weitere Eskalation zu? Dann zeigt gerade das, dass die Organisation strukturell nicht in der Lage ist, sich selbst zu beobachten. Eine solche Argumentation wäre kaum noch widerlegbar. Und genau damit würde Organisationsentwicklung jene Selbstreferenz erzeugen, die sie bei der Organisation zu diagnostizieren glaubt. Professionelle OE muss deshalb die Möglichkeit offenhalten, dass eine Organisation ihre Beobachtung verstanden hat und ihr trotzdem nicht folgt. Eine Entscheidung gegen eine OE-Empfehlung ist nicht automatisch ein Organisationsversagen. Sie ist zunächst einmal eine Entscheidung.

    Eine gute Analyse verändert noch gar nichts

    Daran schließt eine zweite, für mich inzwischen ebenso wichtige Selbstkritik an. In der Organisationsentwicklung kann man beeindruckend viel Output produzieren: Analysen, Rollenmodelle, Prozessbeschreibungen, Integrationskonzepte, Entscheidungsvorlagen, Verantwortungsmatrizen, Governancevorschläge, Workshopformate, Fallanalysen und Strukturmodelle. Ich habe selbst viel davon entwickelt. Und gerade deshalb interessiert mich rückblickend eine unangenehme Unterscheidung besonders: Wie viel davon war guter Output, und wie viel davon hat tatsächlich Organisation verändert? Zwischen beidem liegt ein langer Weg: Beobachtung → Analyse → Konzept → Entscheidungsvorbereitung → Entscheidung → Implementation → Wirkung. Diese Kette sieht banal aus, enthält in der Praxis aber mehrere Bruchstellen. Eine hervorragende Analyse kann zu komplex sein, um eine Entscheidung zu ermöglichen. Ein differenziertes Konzept kann Verantwortlichkeiten offenlassen. Eine gute Entscheidungsvorlage kann ohne Entscheidung bleiben. Eine Entscheidung kann getroffen, aber nicht implementiert werden. Und eine implementierte Struktur kann im Alltag folgenlos bleiben, weil informale Routinen stärker sind.

    OE kann sich an jeder dieser Stellen zu früh für fertig erklären. Gerade analytisch orientierte Organisationsentwickler, und dazu zähle ich mich, müssen sich deshalb eine unbequeme Frage gefallen lassen: Habe ich gerade Organisationsentwicklung betrieben oder eine sehr gute Organisationsbeschreibung produziert? Die Organisation trägt Verantwortung dafür, Entscheidungen zu treffen und Anschluss herzustellen. Organisationsentwicklung trägt aber ebenso Verantwortung dafür, ihre Beobachtungen entscheidungsfähig zu machen. Das kann bedeuten, stärker zu verdichten, Alternativen klarer gegeneinanderzustellen, eine Empfehlung auszusprechen, Verantwortliche zu benennen, Termine vorzuschlagen, Konsequenzen sichtbar zu machen und nachzuhalten, was aus einer Entscheidung geworden ist. Differenzierung ist eine Stärke. Sie kann aber auch zur Vermeidung von Entscheidung beitragen.

    Noch eine Versuchung begleitet die Arbeit an Organisationsarchitektur. Wer täglich mit unklaren Zuständigkeiten, personengebundenem Wissen und situativen Entscheidungen konfrontiert ist, entwickelt leicht eine Präferenz für Explizitheit: klare Rollen, klare Prozesse, klare Verantwortlichkeiten, klare Eskalationswege. Das ist häufig sinnvoll, aber eben nicht immer. Organisationen funktionieren nicht nur aufgrund ihrer formalen Strukturen. Sie funktionieren auch durch informale Beziehungen, Vertrauen, Erfahrung, situative Improvisation und Personen, die wissen, wen sie anrufen müssen, wenn ein Problem nicht ins vorgesehene Verfahren passt. Eine wachsende Organisation braucht meist mehr Explizitheit als eine kleine, stark personenbezogene Organisation. Daraus folgt aber nicht, dass möglichst viel Explizitheit ein Zeichen möglichst hoher organisationaler Reife wäre. Organisationsentwicklung darf Strukturbedarf nicht mit Formalisierungsbedarf verwechseln.

    Auch Hierarchie ist nicht das Gegenmodell guter Organisationsentwicklung. Sie ist ein Mechanismus zur Herstellung von Entscheidungsfähigkeit unter Unsicherheit. Nicht jede Entscheidung kann partizipativ ausgehandelt werden, nicht jede Beobachtung braucht einen neuen Entscheidungskreis und nicht jeder Dissens muss eskalierbar sein. Manchmal besteht Führung gerade darin, eine Frage zu schließen, obwohl weiterhin gute Argumente auf dem Tisch liegen. Vielleicht gilt dasselbe für die Selbstbeobachtung einer Organisation. Die Vorstellung klingt zunächst sympathisch: Eine reife Organisation kann sich selbst beobachten, erkennt ihre Muster, reflektiert ihre Machtstrukturen, hinterfragt ihre Entscheidungswege und lernt aus ihren Widersprüchen. Nur wäre eine Organisation, die sich permanent vollständig selbst problematisiert, vermutlich kaum noch entscheidungsfähig. Organisation besteht auch darin, Unsicherheit zu absorbieren. Irgendwann wird entschieden, bestimmte Alternativen werden danach nicht weiterverfolgt, bestimmte Fragen gelten vorläufig als beantwortet und Zuständigkeiten begrenzen, wer sich womit beschäftigt. Das ist kein Defekt der Organisation, sondern eine Voraussetzung ihrer Handlungsfähigkeit. Das Ziel von Organisationsentwicklung kann deshalb nicht maximale Selbstaufklärung sein. Die interessantere Frage lautet: Welche Irritationen muss eine Organisation verarbeiten können, ohne ihre Entscheidungsfähigkeit durch permanente Selbstproblematisierung zu verlieren?

    Was Organisationsentwicklung tatsächlich braucht

    Damit kehren wir zum Ausgangsproblem zurück. Was geschieht mit einer Beobachtung, die nicht nur einen Prozess oder eine einzelne Entscheidung betrifft, sondern die Entscheidungsprämissen selbst? Je länger ich mich mit dieser Frage beschäftige, desto weniger überzeugt mich die Vorstellung eines besonderen Schutzraums für Organisationsentwicklung. OE braucht keine hierarchiefreie Zone und auch kein allgemeines Recht, Entscheidungen zu umgehen, sobald sie eine Frage für „strukturell“ hält. Was sie braucht, ist etwas Nüchterneres: ein geklärtes Mandat. Dabei lohnt es sich, Dinge auseinanderzuhalten, die in der Praxis häufig miteinander vermischt werden. Ein Beobachtungsmandat beantwortet die Frage, was Organisationsentwicklung überhaupt zum Gegenstand ihrer Arbeit machen darf. Ein Kommunikationsmandat klärt, wem sie ihre Beobachtungen zugänglich machen darf und soll. Ein Interventionsmandat beschreibt, welche Veränderungen sie selbst anstoßen oder gestalten darf. Und ein Entscheidungsmandat legt fest, worüber sie tatsächlich entscheiden kann. Wer beobachten darf, darf noch lange nicht intervenieren. Wer intervenieren darf, muss nicht entscheiden dürfen. Und wer eine Beobachtung für relevant hält, besitzt damit noch kein Recht, sie in jeden beliebigen Entscheidungskreis zu tragen.

    Vielleicht fehlt in vielen OE-Mandaten aber noch eine fünfte Dimension: eine Dissensarchitektur. Was geschieht, wenn Organisationsentwicklung und zuständiger Entscheider dieselbe Situation unterschiedlich beurteilen? Wann ist eine Entscheidung geschlossen? Wann darf eine Beobachtung erneut eingebracht werden? Gibt es Fälle, in denen eine zweite Perspektive legitim vorgesehen ist? Und vor allem: Was geschieht, wenn die Person oder Struktur, die normalerweise über den weiteren Kommunikationsweg entscheidet, selbst Gegenstand der strukturellen Beobachtung ist? Die Antwort darauf muss keineswegs lauten, dass Organisationsentwicklung dann eskalieren darf. Sie kann ebenso gut lauten, dass die Entscheidung beim ursprünglichen Verantwortlichen bleibt. Entscheidend ist etwas anderes: Eine Organisation sollte diese Frage möglichst nicht erst dann beantworten müssen, wenn genau dieser Konflikt bereits entstanden ist. Widerspruchsfähigkeit braucht einen legitimierten Raum. Sie bedeutet nicht Hierarchiefreiheit.

    Wer Widerspruch will, muss ihn organisieren

    Damit komme ich zu der Frage zurück, mit der dieser Text begonnen hat. Ist Organisationsentwicklung tatsächlich eine der gefährlichsten Positionen im Unternehmen? Je länger ich darüber nachdenke, desto weniger gefällt mir die Behauptung. Sie verführt zu einer Heldengeschichte: Hier der mutige Organisationsentwickler, der ausspricht, was niemand auszusprechen wagt, dort die Mächtigen, die ihre Position verteidigen, und dazwischen irgendwo die Wahrheit über die Organisation. So funktionieren Organisationen nicht. Organisationsentwicklung kann tatsächlich unbequem werden, wenn sie Entscheidungsprämissen zum Gegenstand macht. Aber sie kann genauso selbst zum Problem werden, wenn sie ihre eigene Rolle überschätzt. Sie kann für die Organisation problematisch werden, wenn sie Zuständigkeiten unterläuft. Sie kann für Führung problematisch werden, wenn sie legitime Entscheidungsmacht vorschnell als dysfunktionale Macht interpretiert. Sie kann für sich selbst problematisch werden, wenn sie Widerspruch gegen ihre Diagnose als Bestätigung ihrer Diagnose versteht. Und umgekehrt kann eine Organisation ihre eigene Beobachtungsfähigkeit begrenzen, wenn sie Organisationsentwicklung zwar mit der Untersuchung ihrer Strukturen beauftragt, diese Untersuchung aber genau dort endet, wo die eigene Entscheidungsarchitektur berührt wird.

    Vielleicht liegt die Professionalität von Organisationsentwicklung deshalb gerade nicht darin, besonders mutig gegen Widerstände anzukämpfen. Vielleicht beginnt sie dort, wo sie aushält, dass auch ihre eigene Beobachtung nur eine Beobachtung ist, dass auch ihr Mandat Grenzen hat, dass Hierarchie nicht ihr Gegner ist und dass eine Organisation nicht verpflichtet ist, jeder ihrer Diagnosen zu folgen. Eine Organisation, die Organisationsentwicklung ernst meint, muss sich umgekehrt aber ebenfalls einer Frage stellen: Wie gehen wir mit Beobachtungen um, die nicht nur einzelne Entscheidungen betreffen, sondern die Bedingungen unseres Entscheidens selbst? Dafür braucht es keinen hierarchiefreien Raum und keine Organisationsentwicklung mit Sonderrechten. Es braucht geklärte Mandate, legitimierte Wege für Dissens und die Fähigkeit, gelegentlich auch jene Entscheidungsprämissen zur Entscheidung zu stellen, die normalerweise gerade dafür sorgen, dass nicht alles ständig neu entschieden werden muss.

    Vielleicht ist Organisationsentwicklung deshalb gar nicht eine der gefährlichsten Positionen im Unternehmen. Aber sie wird zu einer der interessantesten, sobald der Beobachter entdeckt, dass er selbst mitten in der Organisation steht, die er zu beobachten versucht.


    Über den Autor Ralf Haase arbeitet als Organisationsentwickler, Speaker und Autor an der Frage, wie Steuerberatungskanzleien Wachstum, Führung und Zusammenarbeit strukturell besser verarbeiten können. Sein Fokus liegt auf Organisationsarchitektur, Entscheidungslogik und der Entlastung unternehmerischer Verantwortung.

  • Ein Abendessen in Beaune

    Was haben ein Glas Pinot Noir, ein Stück Käse und die Frage gemeinsam, warum Menschen sich in Organisationen so verhalten, wie sie sich verhalten?

    Mehr, als ich gestern Abend bei meinem ersten Glas Wein vermutet hätte. Die Antwort hat mit einer Angewohnheit zu tun, die uns beim Wein ebenso begegnet wie beim Verhalten in Organisationen: Wir betrachten etwas und glauben ziemlich schnell zu wissen, womit wir es zu tun haben.

    Manchmal führen Umwege zu interessanteren Entdeckungen als ein guter Plan. Eigentlich wollte ich an diesem Abend in Beaune woanders essen. Die Restaurants, die ich auf meiner Liste hatte, waren jedoch voll, und so landete ich im L’Alentour, einem kleinen Restaurant, das französische Küche eher spielerisch interpretiert.

    Schon der erste Gang machte deutlich, was damit gemeint war. Tomaten in verschiedenen Zubereitungen trafen auf Röstaromen, eine leichte Schärfe und ein grünes Sorbet. Dazu bekam ich einen Chardonnay, der für sich genommen durchaus gefiel, mir zusammen mit dem Essen aber beinahe wie ein Dessert vorkam. Seine Fruchtigkeit verstärkte genau jene Seite des Gerichts, die eigentlich keinen weiteren Verstärker brauchte.

    Beim nächsten Gang passierte etwas anderes. Croquettes aus Pilzen und Knochenmark kamen mit einer Creme auf den Tisch, deren Raucharoma das Ganze wunderbar abrundete. Dazu trank ich einen Hautes-Côtes de Beaune. Schöne Säure, zunächst wenig Tannin. Genau die Art Pinot Noir, die ich gern mag.

    Nach einigen Schlucken ohne Essen bemerkte ich allerdings, dass mir das Tannin zunehmend deutlicher erschien. Zur Croquette war davon kaum etwas zu spüren. Später, zum Schweinefleisch mit geröstetem Gemüse, Jus und eingelegten Zwiebeln, funktionierte derselbe Wein wieder ausgesprochen harmonisch.

    Der Wein hatte sich in dieser kurzen Zeit kaum verändert. Verändert hatte sich die Konstellation, in der ich ihn wahrnahm.

    Zum Abschluss wollte ich eigentlich einen Montlouis trinken. Der war aus. Also kam ein anderer Pinot Noir ins Glas, ein Chorey-lès-Beaune. Er wirkte auf mich körperreicher als der Wein zuvor, mit deutlich mehr Tannin und einer Frucht, die mich an Sauerkirsche erinnerte.

    Da ein süßes Dessert dazu keine besonders überzeugende Idee mehr schien, wechselte ich zum Käseteller. Drei verschiedene Käse, dazu Blaubeerkonfitüre.

    Mit dem ersten, eher milden Käse funktionierte die Kombination gut. Mit dem zweiten, kräftigeren und cremigeren Käse wurde sie für mich plötzlich großartig. Vom geräucherten Ziegenkäse hatte ich mir anschließend sogar noch mehr versprochen. Rauch und Pinot Noir klangen schließlich nach einer ziemlich plausiblen Verbindung.

    Tatsächlich gefiel sie mir weniger.

    Was Wein über Verhalten in Organisationen zeigt

    Spätestens beim Käse musste ich an Organisationen denken.

    Wir sind auch dort ausgesprochen schnell darin, Eigenschaften festzustellen. Jemand ist entscheidungsfreudig oder zögerlich, motiviert oder unmotiviert, konfliktfähig oder schwierig, offen für Veränderungen oder widerständig. Eine Führungskraft kann loslassen oder eben nicht. Ein Team übernimmt Verantwortung oder wartet auf Anweisungen.

    Solche Zuschreibungen sind zunächst einmal nützlich. Sie reduzieren Komplexität. Aus einer Vielzahl von Beobachtungen entsteht eine handhabbare Beschreibung: „Der ist eben so.“

    Schwierig wird es, wenn aus der Beschreibung eine Erklärung wird.

    Denn dann verschwindet leicht die Frage, unter welchen Bedingungen wir das beobachtete Verhalten überhaupt gesehen haben.

    Organisationen schaffen mit ihren Strukturen Bedingungen, unter denen bestimmte Kommunikationen und Entscheidungen wahrscheinlicher werden als andere. Wer erlebt, dass eigenständige Entscheidungen später korrigiert oder sanktioniert werden, wird sich irgendwann häufiger absichern. Wer für Verantwortung gelobt wird, im Konfliktfall aber allein dasteht, lernt etwas über den tatsächlichen Stellenwert von Verantwortung. Wer in Meetings regelmäßig erlebt, dass Widerspruch ausdrücklich erwünscht ist, praktisch aber Anschlusschancen kostet, kann durchaus zu dem Schluss kommen, künftig besser zu schweigen.

    Von außen lässt sich das anschließend problemlos als persönliche Eigenschaft beschreiben: unsicher, verantwortungsscheu, konfliktscheu.

    Damit ist etwas bezeichnet. Erklärt ist noch erstaunlich wenig.

    Eine systemische Betrachtung verschiebt deshalb die Frage. Sie interessiert sich weniger dafür, wie jemand ist, und stärker dafür, unter welchen Bedingungen ein bestimmtes Verhalten erwartbar wird und welche Funktion es in dieser Konstellation erfüllt.

    Das bedeutet keineswegs, dass Menschen beliebig wären und allein die Organisation darüber entscheidet, wie sie sich verhalten. Zwei Menschen reagieren unter denselben Bedingungen keineswegs identisch. Biografie, Erfahrung, Fähigkeiten und persönliche Präferenzen machen einen Unterschied.

    So wie auch zwei Pinot Noirs nicht deshalb gleich schmecken, weil sie mit demselben Käse serviert werden.

    Der Chorey-lès-Beaune blieb für mich körperreicher und tanninbetonter als der Hautes-Côtes. Aber wie ich diese Eigenschaften wahrnahm und ob ich sie als angenehm empfand, hing erheblich davon ab, was ich dazu aß.

    Die Konstellation mitbeobachten

    Genau deshalb lohnt sich im Arbeitskontext vielleicht häufiger eine zweite Beobachtung.

    Aus „Warum übernimmt dieser Mitarbeiter keine Verantwortung?“ könnte die Frage werden, welche Folgen es in dieser Organisation tatsächlich hat, Verantwortung zu übernehmen.

    Aus „Warum wehrt sich dieses Team gegen Veränderungen?“ könnte die Untersuchung werden, welche Erfahrungen das Team mit früheren Veränderungen gemacht hat, welche Zumutungen mit der aktuellen Veränderung verbunden sind und welche Handlungsmöglichkeiten ihm tatsächlich zur Verfügung stehen.

    Und bei einer Führungskraft, die vermeintlich nicht loslassen kann, wäre zu beobachten, welche Erwartungen an ihrer Rolle hängen und was in der Organisation geschieht, wenn sie tatsächlich loslässt.

    Das sind nicht unbedingt angenehmere Erklärungen. Im Gegenteil. Sie können erheblich unbequemer sein, weil sich ein Problem dann nicht mehr so einfach bei einer Person ablegen lässt. Wer Strukturen beobachtet, muss damit rechnen, dass ein Verhalten, das zunächst wie ein individuelles Defizit aussieht, unter den gegebenen Bedingungen ziemlich vernünftig sein könnte.

    Der Abend in Beaune hat natürlich keine Organisationstheorie bewiesen. Wein und Käse sind keine sozialen Systeme, und ein gelungenes Pairing erklärt keine Führungsprobleme.

    Aber es hat mich an etwas erinnert, das im Arbeitsalltag leicht verloren geht:

    Eigenschaften sagen etwas über unsere Beobachtung aus. Erklärungen beginnen oft erst dort, wo wir die Konstellation mitbeobachten, in der diese Eigenschaften sichtbar werden.

    Der Chorey-lès-Beaune schmeckte mir übrigens mit dem mittleren Käse und etwas Blaubeerkonfitüre am besten.

    Der Wein war derselbe wie zuvor.

    Die Konstellation war eine andere.


    Über den Autor Ralf Haase arbeitet als Organisationsentwickler, Speaker und Autor an der Frage, wie Steuerberatungskanzleien Wachstum, Führung und Zusammenarbeit strukturell besser verarbeiten können. Sein Fokus liegt auf Organisationsarchitektur, Entscheidungslogik und der Entlastung unternehmerischer Verantwortung.

  • Ich habe einen Fehler gemacht.

    Mein Hotel heißt Zehn-Brunnen und liegt in Renningen. Also bin ich in Renningen ausgestiegen. Das war geografisch korrekt und praktisch ziemlich dämlich, denn Malmsheim wäre näher gewesen. Eine Erfahrung, in der Ambiguitätstoleranz ganz konkret wurde.

    Als ich das bemerkte, hatte ich zwei Möglichkeiten. Ich konnte ungefähr eine halbe Stunde auf die nächste S-Bahn warten und eine Station weiterfahren oder die rund zwei Kilometer zu Fuß gehen. Zwei Kilometer erschienen mir überschaubar, also entschied ich mich fürs Laufen.

    Der Weg führte mich aus Renningen hinaus und über asphaltierte Wirtschaftswege durch die Felder in Richtung Malmsheim. Ich rollte meinen kleinen Kabinenkoffer auf vier Rollen neben mir her, darauf den Computer-Rucksack gestapelt und die Jacke, die ich bei dem warmen Wetter nicht brauchte, über das Gepäck gelegt. Es war unverkennbar, dass hier kein Wanderer unterwegs war, sondern jemand, der eigentlich nur zu seinem Hotel wollte.

    Ein kurzes Stück führte die Route allerdings über die Renninger Straße außerhalb der Ortschaft, in Ermangelung eines Fußwegs in der Auto-Region Stuttgart. Also lief ich links, dem Verkehr entgegen. Vorschriftsmäßig, aber offenbar irritierend genug, um einige Autofahrer zum Hupen zu bewegen.

    Bald bog ich wieder auf einen Wirtschaftsweg ab, und es wurde ruhig. Felder, ein paar Bäume, in der Ferne die nächsten Häuser. Eine Gegend, die ich unter normalen Umständen vermutlich nie betreten hätte, weil es für mich schlicht keinen Grund gegeben hätte, dort entlangzulaufen.

    KI-generiert mit Nightcafé

    Ein Skulpturenpfad zwischen Renningen und Malmsheim

    Und dann stand da mitten auf dem Acker eine Skulptur.

    Ich blieb stehen. Eine hohe, dunkle, abstrakte Form, die sich nach oben streckte und an einen startenden Vogel erinnerte. Was machte so etwas hier draußen zwischen den Feldern?

    Ich ging näher heran, schaute sie mir an und lief weiter. Wenig später tauchte die nächste Arbeit auf. Zwei mächtige helle Steinformen standen einander gegenüber, dazwischen ein schmaler Raum, der fast wichtiger wirkte als die beiden Körper selbst. Danach entdeckte ich weitere Arbeiten. Allmählich begriff ich, dass ich nicht zufällig über ein einzelnes Kunstwerk gestolpert war. Hier verlief tatsächlich ein Skulpturenpfad durch die Landschaft zwischen Renningen und Malmsheim.

    Davon hatte ich vorher nichts gewusst. Ich hatte nichts recherchiert, keinen kulturellen Zwischenstopp vorgesehen und keine Sehenswürdigkeit auf einer Liste, die ich noch abhaken wollte. Ich war schlicht am unpraktischen Bahnhof ausgestiegen und lief mit meinem Rollkoffer zum Hotel.

    Vielleicht war es gerade diese völlige Absichtslosigkeit, die mich an der Entdeckung so faszinierte. Denn eine halbe Stunde zuvor hatte ich noch vor einem ziemlich banalen Problem gestanden. Mein Plan war nicht aufgegangen, und die naheliegende Reaktion wäre gewesen, den Fehler möglichst schnell zu korrigieren. Auf die nächste Bahn warten, eine Station weiterfahren und damit wieder dort ansetzen, wo ich bei richtiger Planung ohnehin gelandet wäre.

    Das wäre vernünftig gewesen. Und ich hätte den Skulpturenpfad mit großer Wahrscheinlichkeit nie gesehen.

    Ambiguitätstoleranz: Möglichkeiten offenlassen

    Interessant daran finde ich weniger den Fehler als den kurzen Zustand, den er erzeugt hat. Solange ein Plan funktioniert, reduziert er Möglichkeiten und schafft Eindeutigkeit. Genau dafür machen wir Pläne. Wir müssen nicht an jeder Stelle neu entscheiden, sondern können einem vorgesehenen Verlauf folgen. Erst wenn etwas davon abweicht, öffnet sich plötzlich wieder ein Raum verschiedener Möglichkeiten. Man kann versuchen, möglichst schnell zum ursprünglichen Plan zurückzukehren. Man kann aber auch einen anderen Anschluss wählen, ohne schon zu wissen, was daraus entsteht.

    Diese Uneindeutigkeit ist nicht unbedingt angenehm. Vielleicht erklärt gerade das unseren starken Impuls, Abweichungen möglichst schnell zu korrigieren. Wir beseitigen damit nicht nur einen Fehler, sondern auch die Unsicherheit darüber, wie es nun weitergehen soll.

    Ambiguitätstoleranz bekommt für mich an solchen Kleinigkeiten eine sehr konkrete Bedeutung. Sie besteht nicht darin, Unsicherheit toll zu finden, Fehler zu romantisieren oder absichtlich falsche Bahnhöfe auszuwählen. Es geht eher um die Fähigkeit, eine entstandene Uneindeutigkeit einen Moment bestehen zu lassen, ohne sie reflexhaft wieder in Eindeutigkeit zu überführen.

    Das unterscheidet die Geschichte für mich auch von der vertrauten Erzählung, Fehler seien Chancen und aus Fehlern könne man lernen. Mein Fehler hatte keine eingebaute Botschaft und der Skulpturenpfad war auch keine Belohnung für meine Flexibilität. Es gab lediglich plötzlich mehr als eine mögliche Fortsetzung. Eine davon habe ich gewählt.

    Der Skulpturenpfad war währenddessen die ganze Zeit dort. Mein Irrtum hat ihn weder geschaffen noch für mich bereitgestellt. Er hat lediglich eine Abfolge von Entscheidungen entstehen lassen, in der etwas für mich sichtbar wurde, das der ursprüngliche Plan zuverlässig ausgeblendet hätte.

    Vielleicht liegt genau darin die produktive Seite der Uneindeutigkeit. Ein Plan reduziert Möglichkeiten, und das ist seine große Stärke. Eine Abweichung hebt einen Teil dieser Reduktion vorübergehend auf. Damit entsteht Unsicherheit, zugleich werden Anschlüsse möglich, die vorher gar nicht zur Auswahl standen.

    Ich bin also in Renningen ausgestiegen, obwohl Malmsheim praktischer gewesen wäre. Das Hotel habe ich trotzdem gefunden.

    Nur eben nicht auf dem vorgesehenen Weg.


    Über den Autor Ralf Haase arbeitet als Organisationsentwickler, Speaker und Autor an der Frage, wie Steuerberatungskanzleien Wachstum, Führung und Zusammenarbeit strukturell besser verarbeiten können. Sein Fokus liegt auf Organisationsarchitektur, Entscheidungslogik und der Entlastung unternehmerischer Verantwortung.

  • Mikromanagement um Mitternacht

    Wenn die kleine CC-Mail schneller beantwortet wird als die große Strategiefrage

    Man erkennt Mikromanagement in Organisationen nicht nur daran, dass Führungskräfte sich in Details einmischen. Man erkennt es auch daran, welche Details ihre sofortige Aufmerksamkeit bekommen.

    In vielen Organisationen liegen strategische Fragen tagelang, manchmal wochenlang auf Wiedervorlage. Rollenklärungen bleiben offen. Entscheidungsräume werden nicht definiert. Schnittstellen zwischen Bereichen sind unklar. Menschen warten auf Orientierung, auf Prioritäten, auf eine Aussage, auf ein Mandat.

    Und dann passiert etwas Erstaunliches.

    Bild mithilfe von KI generiert.

    Eine kleine operative Anfrage taucht auf. Keine existenzielle Frage. Kein Krisenfall. Kein strategischer Richtungsentscheid. Eher ein alltägliches Thema aus dem Organisationsleben: Jemand stellt eine Frage, eine Führungskraft bittet eine zuständige Fachrolle um Unterstützung, jemand bietet ein klärendes Gespräch an.

    Plötzlich ist die Spitze der Organisation hellwach. Nicht nach Tagen. Nicht nach Wochen. Sondern innerhalb weniger Stunden. Manchmal sogar nachts. Und dann wird nicht nur die Sachfrage beantwortet. Dann wird auch gleich geregelt, wer mit wem sprechen darf.

    Das ist der Moment, in dem eine kleine Szene mehr über eine Organisation verrät als jedes Leitbild.

    Mikromanagement in Organisationen: selten nur ein Persönlichkeitsproblem

    Über Mikromanagement wird oft so gesprochen, als sei es eine Charakterfrage. Manche Führungskräfte könnten eben nicht loslassen. Manche wollten alles kontrollieren. Manche vertrauten ihren Leuten nicht.

    Das mag vorkommen. Aber diese Erklärung greift zu kurz.

    Mikromanagement ist häufig kein individuelles Fehlverhalten, sondern ein Symptom einer nicht geklärten Organisationsarchitektur. Es entsteht dort, wo Rollen zwar benannt sind, aber keine geschützten Entscheidungsräume besitzen. Dort, wo Verantwortung übertragen wird, aber die tatsächliche Autorität unklar bleibt. Dort, wo zentrale Funktionen aufgebaut werden, aber nicht verbindlich definiert ist, wann sie selbstständig handeln dürfen. Dort, wo lokale Führung Unterstützung anfragt, aber die Spitze jederzeit in den Kommunikationsweg eingreifen kann.

    Dann wird Mikromanagement zur Ersatz-Governance.

    Die Organisation hat keine klaren Entscheidungsprämissen, also entscheidet die Spitze situativ. Die Organisation hat keine stabilen Übergabepunkte, also wird jede E-Mail potenziell zur Intervention. Die Organisation hat keine belastbare Rollenlogik, also muss im Einzelfall geklärt werden, wer überhaupt sprechen darf.

    Das wirkt kurzfristig handlungsfähig. Langfristig erzeugt es Abhängigkeit.

    Die kleine Anfrage als struktureller Testfall

    Gerade kleine Vorgänge sind interessant.

    Bei großen strategischen Projekten wissen alle, dass es um Macht, Ressourcen und Prioritäten geht. Bei kleinen operativen Fragen hingegen zeigt sich die Kultur oft ungefiltert.

    Nehmen wir eine typische Szene: Eine Mitarbeiterin stellt ihrer lokalen Führungskraft eine Frage. Die Führungskraft sieht: Das ist nicht nur ein lokales Thema, hier könnte eine zentrale Fachrolle helfen. Also fragt sie dort nach. Die Fachrolle bietet ein persönliches Klärungsgespräch an.

    Bis hierhin ist alles funktional. Lokale Führung bleibt eingebunden. Zentrale Expertise wird genutzt. Die Mitarbeiterin bekommt Orientierung. Die Organisation arbeitet über Rollen statt über Zufall.

    Dann schaltet sich die Geschäftsführung ein, obwohl sie nur in Kopie steht. Zunächst kommt ein fachlicher Hinweis. Das kann sinnvoll sein. Vielleicht gibt es eine rechtliche, finanzielle oder organisatorische Grenze. Gut, wenn das schnell geklärt wird.

    Aber dann folgt der zweite Schritt: Nicht nur die Sache wird bewertet, sondern der Kommunikationsweg wird reguliert. Die Botschaft lautet sinngemäß: Die Klärung muss durch die lokale Führungskraft erfolgen.

    Auf den ersten Blick klingt das nach Stärkung der Führungskraft. Schließlich ist sie verantwortlich. Auf den zweiten Blick passiert etwas anderes: Die Führungskraft hatte die zentrale Unterstützung ja gerade selbst aktiviert. Ihre Entscheidung, Unterstützung einzubeziehen, wird nachträglich begrenzt. Gleichzeitig wird die zentrale Fachrolle auf Distanz gehalten.

    Formal wird lokale Verantwortung geschützt. Praktisch wird lokaler Handlungsspielraum eingeschränkt.

    Das ist ein typischer Mechanismus von Mikromanagement. Es tritt nicht immer als „Ich entscheide alles selbst“ auf. Manchmal tritt es als scheinbare Ordnung auf: Zuständigkeit, Sauberkeit, Klärung, Verantwortlichkeit.

    Aber die entscheidende Frage lautet: Wer durfte diese Zuständigkeit eigentlich festlegen?

    CC ist keine Einladung zur Steuerung

    Eine der unterschätzten Kulturtechniken moderner Organisationen ist der Umgang mit CC.

    CC kann Information bedeuten. CC kann Transparenz herstellen. CC kann Absicherung signalisieren. CC kann aber auch zur verdeckten Steuerungsarchitektur werden.

    Wenn Menschen wissen, dass jede CC-Mail eine Intervention der Spitze auslösen kann, verändert sich ihr Verhalten. Dann schreiben sie vorsichtiger. Dann sichern sie sich stärker ab. Dann entsteht weniger echte Zusammenarbeit und mehr Beobachtungsmanagement.

    Die Organisation lernt: Nicht nur was entschieden wird, ist wichtig. Wichtig ist auch, wer mitliest.

    Und wenn die Spitze auf bestimmte CC-Mails sehr schnell reagiert, während andere, strategisch wichtigere Themen unbeantwortet bleiben, entsteht eine noch stärkere Botschaft: Aufmerksamkeit folgt nicht unbedingt der Bedeutung eines Themas. Aufmerksamkeit folgt dem wahrgenommenen Kontrollbedarf.

    Das ist kulturell hoch wirksam. Denn Mitarbeitende beobachten sehr genau, worauf Führung reagiert und worauf nicht.

    Selektive Responsivität

    Ich nenne dieses Muster selektive Responsivität.

    Damit ist gemeint: Eine Organisation reagiert nicht gleichmäßig schnell auf Wichtigkeit, sondern unterschiedlich schnell auf bestimmte Reize.

    Strategische Fragen können lange liegen bleiben:

    • Welche Rolle hat eine zentrale Fachfunktion?
    • Wer darf in welchem Rahmen entscheiden?
    • Wie werden lokale Einheiten und zentrale Services gekoppelt?
    • Wann wird eskaliert?
    • Welche Entscheidungsräume gelten verbindlich?

    Solche Fragen sind abstrakt, unbequem und folgenreich. Sie verändern Macht, Verantwortung und Erwartungen. Deshalb bleiben sie oft liegen.

    Kleine operative Kontrollreize dagegen lösen schnelle Reaktionen aus:

    • Wer spricht mit wem?
    • Wer hat wen eingebunden?
    • Wer klärt das?
    • Wer hätte vorher fragen müssen?
    • Warum steht jemand in CC?

    Diese Fragen sind konkret. Sie sind unmittelbar. Sie geben der Spitze das Gefühl, Ordnung herzustellen.

    Aber genau darin liegt die Falle. Die Organisation erlebt punktuelle Geschwindigkeit und strukturelle Langsamkeit. Die kleine Anfrage wird sofort reguliert. Die große Rollenfrage bleibt offen.

    Mikromanagement macht Organisationen nicht schneller

    Viele Führungskräfte micromanagen nicht, weil sie bremsen wollen. Im Gegenteil: Sie wollen Geschwindigkeit, Qualität, Sicherheit und Kontrolle.

    Das Problem ist: Mikromanagement erzeugt nur an der Oberfläche Geschwindigkeit.

    Eine schnelle Antwort kann eine einzelne Situation klären. Aber wenn sie gleichzeitig den Rollenraum anderer schwächt, macht sie die Organisation insgesamt langsamer.

    Denn beim nächsten Mal fragen sich alle: Darf ich das selbst klären? Soll ich lieber vorher absichern? Ist die Fachrolle wirklich zuständig? Wird die lokale Führung übergangen? Greift die Spitze wieder ein? Was passiert, wenn ich jemanden direkt anspreche?

    So entsteht Unsicherheit.

    Und Unsicherheit produziert Abstimmung. Abstimmung produziert CC. CC produziert Beobachtung. Beobachtung produziert Intervention. Intervention produziert noch mehr Unsicherheit.

    Das ist der Kreislauf des Mikromanagements.

    Verantwortung ohne Entscheidungsraum ist keine Führung

    In vielen wachsenden Organisationen wird Verantwortung schneller verteilt als Entscheidungsraum.

    Eine lokale Führungskraft soll führen, darf aber nicht sicher sein, ob sie zentrale Unterstützung eigenständig einbinden kann. Eine zentrale Fachrolle soll unterstützen, darf aber nicht sicher sein, ob sie direkt mit Betroffenen sprechen darf. Eine Geschäftsführung will entlastet werden, greift aber in operative Kommunikationswege ein.

    So entsteht eine paradoxe Struktur: Alle haben Verantwortung. Aber niemand weiß genau, wo die eigene Autorität beginnt und endet.

    In solchen Systemen wird Führung nicht durch Rollen getragen, sondern durch situative Freigabe. Das ist für kleine Organisationen manchmal funktional. Man kennt sich, man improvisiert, man ruft kurz an, man entscheidet pragmatisch.

    Aber ab einer bestimmten Größe wird diese Logik zur Wachstumsgrenze.

    Denn Organisationen skalieren nicht über persönliche Aufmerksamkeit. Sie skalieren über Entscheidungsprämissen.

    Die eigentliche Frage: Wer darf klären?

    Bei Mikromanagement geht es selten nur um Aufgaben. Es geht um Zugänge.

    • Wer darf mit einer Mitarbeiterin sprechen?
    • Wer darf eine Kanzlei beraten?
    • Wer darf ein Thema explorieren?
    • Wer darf Optionen prüfen?
    • Wer darf eine Einschätzung abgeben?
    • Wer darf eine Entscheidung vorbereiten?

    Diese Fragen wirken klein. Tatsächlich bilden sie die alltägliche Machtarchitektur einer Organisation.

    Wenn eine zentrale Fachrolle nicht einmal ein klärendes Gespräch führen kann, obwohl die lokale Führungskraft sie darum bittet, dann ist das keine Kleinigkeit. Dann ist nicht die Sachfrage entscheidend, sondern die Rollenfrage.

    Die Organisation muss dann klären: Ist zentrale Unterstützung eine echte Funktion oder nur eine nachgelagerte Ausführung? Darf lokale Führung Unterstützung aktivieren oder nur nach Freigabe? Ist die Geschäftsführung für Grundsatzentscheidungen zuständig oder auch für operative Gesprächswege? Gibt es Vertrauen in Rollen oder nur Vertrauen in persönliche Kontrolle?

    Gute Governance wäre nicht komplizierter

    Die Alternative zu Mikromanagement ist nicht Anarchie.

    Gute Governance bedeutet nicht, dass alle machen, was sie wollen. Gute Governance bedeutet, dass klar ist, wer in welchem Rahmen handeln darf.

    In dem beschriebenen Beispiel könnte eine einfache Rollenlogik genügen:

    • Die lokale Führungskraft bleibt verantwortlich für die Mitarbeiterführung.
    • Die zentrale Fachrolle darf Optionen prüfen und vertraulich einordnen.
    • Die Geschäftsführung entscheidet nur bei Grundsatz-, Risiko- oder Ressourcenfragen.
    • Alle Beteiligten halten die lokale Führung informiert.
    • Wenn aus der Klärung eine Entscheidung mit struktureller Wirkung entsteht, wird eskaliert.

    Das wäre klar. Das wäre skalierbar. Das würde Verantwortung und Unterstützung verbinden.

    Vor allem würde es die Spitze entlasten. Denn der Sinn von Rollen besteht nicht darin, Titel zu verteilen. Der Sinn von Rollen besteht darin, Entscheidungen von Personen zu entkoppeln und wiederholbar zu machen.

    Warum diese kleinen Szenen so wichtig sind

    Organisationen erzählen sich gerne große Geschichten über Vertrauen, Eigenverantwortung und Unternehmertum.

    Aber Kultur zeigt sich nicht in Leitbildern. Kultur zeigt sich in der Frage, was passiert, wenn jemand eine kleine Entscheidung trifft.

    Wird die Entscheidung getragen? Wird sie nachträglich korrigiert? Wird sie als Initiative gesehen? Oder als Grenzüberschreitung?

    Wachsende Organisationen brauchen solche Beobachtungen, weil sie sichtbar machen, wo die alte Steuerungslogik noch dominiert.

    Mikromanagement in Organisationen ist deshalb mehr als eine skurrile Szene. Es ist ein Symptom. Es zeigt, dass die Organisation noch nicht entschieden hat, ob sie über Rollen oder über Aufmerksamkeit gesteuert werden will.

    Der eigentliche Preis

    Der Preis von Mikromanagement ist nicht nur, dass Führungskräfte zu viel arbeiten. Der größere Preis ist, dass andere aufhören, ihre Rollen ernst zu nehmen.

    Warum eigenständig klären, wenn ohnehin nachträglich eingegriffen wird? Warum Verantwortung übernehmen, wenn der Entscheidungsraum unsicher bleibt? Warum zentrale Funktionen aufbauen, wenn ihre Nutzung im Einzelfall wieder begrenzt wird? Warum lokale Führung stärken, wenn ihre Einbindung zentral korrigiert wird?

    Mikromanagement entlastet kurzfristig das Kontrollbedürfnis der Spitze. Aber es schwächt langfristig die Selbststeuerungsfähigkeit der Organisation.

    Und genau deshalb ist es kein Stilproblem. Es ist ein Architekturproblem.

    Schlussgedanke

    Vielleicht erkennt man Mikromanagement am besten nicht an der Frage, ob jemand nachts E-Mails schreibt. Das kann aus vielen Gründen passieren.

    Man erkennt es an der Diskrepanz: Strategische Rollenfragen bleiben offen. Aber eine kleine CC-Mail bekommt sofortige Aufmerksamkeit. Große Ordner mit „Strategie“, „Governance“ und „Rollenklärung“ verstauben im Hintergrund. Aber die winzige operative Anfrage wird mit der Lupe betrachtet.

    Das Bild ist fast zu gut, um es zu erfinden. Und doch ist es in vielen Organisationen Alltag.

    Die entscheidende Führungsfrage lautet deshalb nicht: Wie verhindere ich Fehler im Detail? Sondern: Welche Entscheidungsräume muss ich schaffen, damit nicht jedes Detail wieder bei mir landet?

    Denn eine Organisation wird nicht stärker, wenn die Spitze überall schnell reagiert.

    Sie wird stärker, wenn sie lernt, auch ohne unmittelbare Intervention der Spitze richtig zu handeln.


    Über den Autor Ralf Haase arbeitet als Organisationsentwickler, Speaker und Autor an der Frage, wie Steuerberatungskanzleien Wachstum, Führung und Zusammenarbeit strukturell besser verarbeiten können. Sein Fokus liegt auf Organisationsarchitektur, Entscheidungslogik und der Entlastung unternehmerischer Verantwortung.

  • Von Narzissten, Gaslighting und anderen Gewissheiten

    Manchmal reicht ein einziges Wort, um eine Situation neu zu ordnen. „Gaslighting“ ist so ein Wort, „toxisch“ auch, „Narzisst“ ebenso.

    Wer einen solchen Begriff verwendet, beschreibt damit nicht einfach nur, was geschehen ist. Er stellt Zusammenhang her. Einzelne irritierende Erfahrungen, die vorher vielleicht noch unverbunden nebeneinanderstanden, werden plötzlich als Muster erkennbar. Ein diffuses Unbehagen bekommt Kontur, Widersprüche erscheinen weniger zufällig und aus einer zunächst schwer greifbaren Situation kann etwas werden, das sich erzählen, besprechen und vielleicht sogar verändern lässt.

    Darin liegt die Stärke solcher Begriffe. Genau darin liegt aber auch ihre Gefahr.

    Begriffe ordnen soziale Wirklichkeit

    Begriffe sind keine Etiketten. Sie sind Beobachtungsinstrumente. Wir reden häufig so, als würden Begriffe nur etwas benennen, das ohnehin bereits feststeht. Als gäbe es da draußen eine soziale Wirklichkeit, die lediglich korrekt erfasst und anschließend sprachlich sauber bezeichnet werden müsse. So funktioniert Beobachtung jedoch nicht.

    Jede Beobachtung arbeitet mit Unterscheidungen. Wir erleben Verhalten als respektvoll oder respektlos, verbindlich oder manipulativ, professionell oder übergriffig. Erst durch diese Unterscheidungen bekommt eine Situation Bedeutung. Der Begriff „Gaslighting“ kann deshalb für jemanden ausgesprochen hilfreich sein, der über längere Zeit erlebt hat, dass Gespräche verdreht, Erinnerungen bestritten, Wahrnehmungen infrage gestellt und Verantwortungen verschoben wurden. Der Begriff stellt etwas her, was vorher womöglich fehlte: Zusammenhang.

    Damit verändert er die soziale Situation, weil Anschlusskommunikation möglich wird. Wer etwas benennen kann, kann darüber sprechen. Wer darüber sprechen kann, kann Erfahrungen vergleichen, Unterstützung suchen, Grenzen markieren oder Entscheidungen treffen. Sprache bildet soziale Wirklichkeit also nicht einfach ab. Sie verändert, welche Anschlüsse möglich werden.

    Problematisch wird es erst dort, wo das Beobachtungsinstrument beginnt, sich selbst für die Wirklichkeit zu halten.

    Bild mithilfe von KI generiert.

    Wenn aus Beschreibung Erklärung wird

    „Er verhält sich so, weil er Narzisst ist.“

    Der Satz wirkt zunächst erklärend, ist bei genauerem Hinsehen aber erstaunlich leer. Denn auf die Frage, warum sich ein Narzisst so verhält, lautet die Antwort gewöhnlich: weil er narzisstisch ist. Das Verhalten begründet die Eigenschaft und die Eigenschaft anschließend wieder das Verhalten. Der Kreis ist geschlossen, ohne dass viel verstanden worden wäre.

    Trotzdem haben solche Erklärungen einen erheblichen Reiz. Sie reduzieren Komplexität. Eine widersprüchliche, schwer überschaubare soziale Situation bekommt plötzlich einen eindeutig identifizierbaren Verursacher. Der Chef ist Narzisst. Die Kollegin ist toxisch. Der Mitarbeiter ist unmotiviert. Das Team ist nicht resilient. Und sobald die Ursache in einer Person gefunden ist, muss sich das soziale System, in dem diese Person handelt, deutlich weniger mit sich selbst beschäftigen.

    Gerade Organisationen sind dafür besonders anfällig. Sie beobachten Verhalten und rechnen es Menschen zu. Wer zu wenig Eigeninitiative zeigt, braucht mehr Motivation. Wer autoritär entscheidet, braucht ein anderes Mindset. Wer Konflikte vermeidet, sollte an seiner psychologischen Sicherheit arbeiten. Wer keine Verantwortung übernimmt, braucht mehr Ownership.

    All das kann im Einzelfall zutreffen. Es kann aber ebenso gut die falsche Beobachtungsebene sein.

    Vielleicht ist der Chef gar nicht das interessanteste Problem

    Nehmen wir eine Führungskraft, die Informationen zurückhält, widersprüchliche Entscheidungen trifft, Kritik sanktioniert und Verantwortung nach unten delegiert. Man kann nun ausführlich darüber diskutieren, welche Persönlichkeitsstruktur dahintersteht. Man könnte sich aber auch dafür interessieren, warum dieses Verhalten in der Organisation funktioniert.

    Wer kann widersprechen, ohne Nachteile zu riskieren? Wer entscheidet über Karriere, Geld, Aufgaben und Zugehörigkeit? Welche Informationen sind wo verfügbar? Welche Konflikte können offen ausgetragen werden und welche werden in informelle Räume verschoben? Was geschieht mit schlechten Nachrichten? Wie werden Fehler behandelt? Welche Entscheidungswege begünstigen Absicherung und welche tatsächlich Verantwortung?

    Mit solchen Fragen verschiebt sich die Beobachtung. Das problematische Verhalten wird dadurch weder relativiert noch entschuldigt. Es wird lediglich aus der Person herausgelöst und in den sozialen Zusammenhang gestellt, in dem es Wirksamkeit entfaltet.

    Vielleicht ist diese Führungskraft tatsächlich besonders selbstbezogen, manipulativ oder machtorientiert. Vielleicht ist sie aber auch nur außergewöhnlich geschickt darin, Möglichkeiten zu nutzen, die die Organisation ihr eröffnet. Und dann wird plötzlich eine andere Frage viel interessanter: Was würde sich eigentlich verändern, wenn morgen ein völlig anderer Mensch dieselbe Position übernähme?

    Würde das Problem verschwinden? Oder würden dieselben Entscheidungswege, Abhängigkeiten, Zielkonflikte und Machtverhältnisse nach einiger Zeit erneut ähnliche Verhaltensweisen hervorbringen?

    Organisationen erzeugen Wahrscheinlichkeiten

    Systemtheoretisch wird Verhalten deshalb nicht bedeutungslos. Es wird nur anders beobachtet. Organisationen determinieren Menschen nicht, aber sie erzeugen Bedingungen, unter denen bestimmte Verhaltensweisen wahrscheinlicher werden als andere.

    Wer für jede relevante Entscheidung eine Genehmigung benötigt, lernt mit der Zeit weniger Eigenverantwortung als Absicherung. Wer Fehler öffentlich rechtfertigen muss, entwickelt nicht zwangsläufig mangelnden Mut, sondern möglicherweise eine sehr vernünftige Vorsicht. Wer regelmäßig erlebt, dass schlechte Nachrichten sanktioniert werden, braucht keine problematische Persönlichkeit, um irgendwann nur noch gute Nachrichten weiterzugeben.

    Und wer offiziell Prozesse einhalten soll, die Wertschöpfung aber nur durch ihre gelegentliche Missachtung ermöglicht, entwickelt eine ganz besondere Form organisationaler Kompetenz: nach außen Regelkonformität zu zeigen und gleichzeitig intern brauchbare Illegalität zu praktizieren.

    Organisationen produzieren auf diese Weise genau jene Verhaltensweisen, über die sie sich später wundern. Anschließend wird ein Training gebucht, ein Coaching organisiert oder eine Führungskraft ausgetauscht, ohne die Bedingungen zu verändern, unter denen das beanstandete Verhalten entstanden ist.

    Personalisierung kann Systeme erstaunlich gut schützen

    Gerade darin liegt eine merkwürdige Nebenwirkung psychologischer Zuschreibungen. Sie können Kritik ermöglichen und gleichzeitig Strukturen stabilisieren.

    Wenn ein Konflikt vollständig über die Persönlichkeit einer Führungskraft erklärt wird, bleibt die Organisation selbst weitgehend unsichtbar. Dann hatte man eben Pech mit diesem Menschen. Man ersetzt ihn, hofft auf einen besseren und kann die eigenen Entscheidungsprämissen unangetastet lassen.

    Das ist ausgesprochen praktisch.

    Denn Personal lässt sich leichter austauschen als Machtverhältnisse, Ressourcenzugänge, Zielsysteme oder widersprüchliche Erwartungen. Personalisierung ist deshalb nicht automatisch systemkritisch. Sie kann im Gegenteil ausgesprochen systemerhaltend wirken.

    Das heißt nicht, dass Personen gleichgültig wären. Natürlich macht es einen Unterschied, wer eine Position innehat. Menschen bringen Erfahrungen, Temperamente, Fähigkeiten und unterschiedliche Formen des Umgangs mit Macht mit. Aber sie handeln eben nicht im luftleeren Raum. Sie handeln in Erwartungsstrukturen, die Möglichkeiten eröffnen, andere verschließen und bestimmte Formen des Verhaltens belohnen.

    Ein Begriff sollte Beobachtung öffnen, nicht schließen

    Deshalb wäre es ebenso unsinnig, Begriffe wie „Gaslighting“, „toxisch“ oder „Narzissmus“ grundsätzlich abzulehnen. Sie können wichtige Unterscheidungen anbieten. Sie können helfen, Erfahrungen zu sortieren, Grenzen zu ziehen und aus Situationen herauszukommen, die vorher nur schwer beschreibbar waren.

    Man sollte nur vorsichtig werden, sobald aus dem Begriff Gewissheit wird.

    Die interessantere Frage lautet dann nicht mehr: Ist dieser Mensch wirklich ein Narzisst?

    Interessanter wäre zu fragen: Was sehe ich, wenn ich ihn so beschreibe? Was sehe ich dadurch möglicherweise nicht mehr? Welche Handlungsmöglichkeiten eröffnet mir diese Unterscheidung und welche weiteren Erklärungen brauche ich anschließend vielleicht gar nicht mehr zu prüfen?

    Ein guter Begriff erweitert die Beobachtung.

    Ein schlechter schließt sie.

    Und genau dort beginnt die systemtheoretisch spannendere Perspektive. Vielleicht liegt das entscheidende Problem tatsächlich in einer Person. Vielleicht aber auch in einem sozialen System, das diesem Verhalten Anschluss, Wirkung und Dauerhaftigkeit ermöglicht.

    Der Narzisst kann dann eine hilfreiche Beschreibung sein.

    Nur eine Erklärung ist er noch lange nicht.



    Über den Autor Ralf Haase arbeitet als Organisationsentwickler, Speaker und Autor an der Frage, wie Steuerberatungskanzleien Wachstum, Führung und Zusammenarbeit strukturell besser verarbeiten können. Sein Fokus liegt auf Organisationsarchitektur, Entscheidungslogik und der Entlastung unternehmerischer Verantwortung.

  • Hebelwirkung

    „Gebt mir einen festen Punkt, und ich werde die Welt aus den Angeln heben.“

    Der Satz, der Archimedes zugeschrieben wird, gehört zu jenen Sätzen, die man früh kennenlernt und deshalb irgendwann nicht mehr hört. Er wandert aus dem Physikunterricht in den allgemeinen Zitatenschatz, wird zum Bild für große Ambitionen und verliert dabei beinahe das Erstaunlichste, das in ihm steckt.

    Denn Archimedes behauptet nicht, er besitze unermessliche Kräfte. Er sagt auch nicht, dass er stärker sei als andere. Seine Behauptung ist sehr viel kühner: Die Hebelwirkung hängt nicht allein von der Größe der eingesetzten Kraft ab. Sie hängt ebenso davon ab, wo diese Kraft ansetzt, wie lang der Hebel ist und ob es jenen festen Punkt gibt, ohne den selbst der längste Hebel nur ein Stück Holz im leeren Raum bliebe.

    Foto: Philipp Arnold, Berlin

    Hebelwirkung beim Denken

    Lange Zeit habe ich darin nicht mehr gesehen als ein physikalisches Prinzip. Vielleicht lag das daran, dass uns Hebel im Alltag vor allem dort begegnen, wo etwas Schweres bewegt werden soll: ein Felsbrocken, eine Last, eine Maschine. Erst sehr viel später kam mir der Gedanke, dass auch Denken eine schwere Arbeit sein kann und dass die Grenzen dieser Arbeit möglicherweise weniger mit unserer geistigen Kraft zu tun haben, als wir gewöhnlich annehmen. Was wäre, wenn auch Erkenntnis eine Hebelwirkung kennt? Wenn nicht nur Wissen, Erfahrung und Intelligenz darüber entscheiden, wie weit ein Gedanke reicht, sondern auch die Bedingungen, unter denen er bewegt wird? Und was, wenn manche Gedanken nicht deshalb liegen bleiben, weil sie zu schwer für uns sind, sondern weil uns der Punkt fehlt, an dem wir ansetzen können?

    Organisationen sind keine Maschinen

    Ich beschäftige mich seit vielen Jahren mit Organisationen. Genauer gesagt beschäftige ich mich mit dem Versuch, sie zu verstehen, obwohl jede ernsthafte Beschäftigung mit ihnen früher oder später zu der Einsicht führt, dass sie sich einem abschließenden Verständnis entziehen.

    Organisationen sind keine Maschinen, die man auseinandernehmen, reinigen und nach Bauplan wieder zusammensetzen kann. Sie bestehen aus Entscheidungen, Erwartungen, Beziehungen, Erinnerungen, Regeln, Ausnahmen von Regeln und Geschichten darüber, warum bestimmte Ausnahmen angeblich gar keine Ausnahmen sind. Sie beobachten ihre Umwelt und zugleich sich selbst; sie erzeugen genau jene Wirklichkeiten, auf die sie anschließend reagieren. Wer lange genug in und mit Organisationen arbeitet, entwickelt daher eine gewisse Vorsicht gegenüber schnellen Erklärungen. Hinter jeder plausiblen Ursache wartet eine zweite, hinter jeder offensichtlichen Lösung eine Nebenwirkung und hinter fast jedem Problem eine Struktur, die gute Gründe dafür hat, dieses Problem am Leben zu erhalten.

    Theoriearbeit in Schleifen

    Theoriearbeit war für mich immer der Versuch, in dieser Unübersichtlichkeit nicht vorschnell den Überblick zu behaupten. Eine gute Theorie reduziert Komplexität, aber sie darf sie nicht einfach beseitigen. Sie muss einen Unterschied sichtbar machen, der vorher nicht sichtbar war, und sie muss zugleich offenhalten, dass auch dieser Unterschied nur eine mögliche Beobachtung ist. Das klingt abstrakt, ist in der Praxis aber eine ausgesprochen handwerkliche Tätigkeit. Man formuliert einen Zusammenhang, prüft ihn an Erfahrungen, entdeckt einen Widerspruch, verändert einen Begriff, verwirft eine lieb gewonnene Erklärung und beginnt an einer Stelle noch einmal, von der man glaubte, sie längst hinter sich gelassen zu haben. Theorie entsteht nicht in einem einzigen großen Gedanken. Sie entsteht in Schleifen.

    Diese Schleifen haben allerdings einen Preis. Manche Idee begleitet einen über Wochen, andere über Jahre. Man liest, schreibt, spricht mit klugen Menschen, zeichnet Modelle, ändert die Blickrichtung und bemerkt irgendwann, dass man wieder an einem Punkt angekommen ist, den man bereits kennt. Dann beginnt jene eigentümliche Müdigkeit, die nicht daher rührt, dass es nichts mehr zu denken gäbe. Im Gegenteil: Oft ist gerade dann deutlich zu spüren, dass hinter der gefundenen Antwort noch eine weitere Frage wartet. Doch diese Frage verlangt eine neue Anstrengung. Man müsste das Argument noch einmal umdrehen, eine Gegenposition ernst nehmen, einen anderen theoretischen Zugang prüfen oder den Text, der beinahe fertig schien, erneut öffnen. Nicht selten erklärt man ihn an dieser Stelle für fertig. Das ist vernünftig, denn irgendwann muss ein Vortrag gehalten, ein Manuskript abgegeben oder eine Entscheidung getroffen werden. Und dennoch bleibt manchmal das Gefühl zurück, dass nicht der Gedanke an sein Ende gekommen ist, sondern nur der Denkende an seines.

    Der Erschöpfungspunkt des Denkens

    Jahrelang habe ich geglaubt, die größte Begrenzung meiner Theoriearbeit liege in der Komplexität der Organisationen. Heute vermute ich, dass sie viel häufiger in den Kosten der nächsten Denkschleife lag. Mit Kosten meine ich dabei nicht nur Zeit und schon gar nicht Geld. Gemeint ist jene Mischung aus Konzentration, innerem Widerstand und der immer neuen Zumutung, die eigenen Gewissheiten wieder zur Disposition zu stellen. Zweifel ist intellektuell angesehen, solange er sich gegen die Gewissheiten anderer richtet. Teuer wird er dort, wo er die eigenen Begriffe betrifft. Wer eine Theorie entwickelt hat, investiert nicht nur Arbeit in sie. Er richtet nach und nach auch seine Wahrnehmung an ihr aus. Die Theorie beginnt, Antworten zu geben, noch bevor eine Frage vollständig gestellt ist. Gerade ihre Stärke kann dann verhindern, dass wir ihre Grenzen bemerken.

    Vielleicht liegt hierin ein weitgehend unterschätzter Grund dafür, dass Erkenntnisprozesse enden. Wir hören nicht immer auf, weil eine Frage beantwortet ist. Wir hören auf, weil eine weitere Antwort zu aufwendig wäre. Wir halten nicht jede Erklärung deshalb für überzeugend, weil sie alle Einwände überstanden hat. Manchmal hat sie nur jene Einwände überstanden, die wir noch hervorzubringen bereit waren. Der Erschöpfungspunkt des Denkens tarnt sich leicht als Gewissheit. Nach außen sieht beides gleich aus: Ein Satz steht. Ein Modell ist gezeichnet. Eine Entscheidung fällt. Nur der Weg dorthin unterscheidet sich.

    Künstliche Intelligenz und die nächste Denkschleife

    Vor einiger Zeit begann sich dieser Weg für mich zu verändern. Zunächst geschah nichts, was ich für theoretisch bedeutsam gehalten hätte. Ich experimentierte mit künstlicher Intelligenz, wie viele andere auch. Ich ließ Texte zusammenfassen, Formulierungen prüfen und erste Entwürfe kommentieren. Das war gelegentlich nützlich, gelegentlich banal und oft weniger spektakulär, als die öffentlichen Debatten vermuten ließen. Die Maschine wusste manches nicht, erfand Zusammenhänge und produzierte mit großer sprachlicher Sicherheit Sätze, deren Gedankenlosigkeit sich erst beim zweiten Lesen zeigte. Wer darin einen Ersatz für das eigene Denken suchte, konnte leicht schlechtere Ergebnisse schneller herstellen.

    Erst allmählich fiel mir auf, dass die Qualität der Antworten gar nicht das Entscheidende war. Interessanter war, was zwischen den Antworten geschah. Ich konnte eine Vermutung formulieren und sie im nächsten Moment angreifen lassen. Ich konnte eine Gegenposition einnehmen, ohne erst jemanden finden zu müssen, der bereit war, sie mit mir durchzuspielen. Ich konnte nach einem blinden Fleck fragen, eine alternative Lesart verlangen, denselben Gedanken aus einer anderen Theorie heraus betrachten oder eine Formulierung so lange verändern, bis sichtbar wurde, dass nicht der Satz, sondern bereits die zugrunde liegende Unterscheidung nicht trug. Jede einzelne dieser Operationen wäre auch zuvor möglich gewesen. Keine davon überstieg grundsätzlich meine Fähigkeiten. Neu war nicht die Möglichkeit. Neu war der Aufwand.

    Die nächste Denkschleife war plötzlich billig geworden. Sie kostete noch immer Aufmerksamkeit, Urteilskraft und die Bereitschaft, schlechte Vorschläge zurückzuweisen. Aber sie verlangte nicht mehr jedes Mal einen freien Nachmittag, ein weiteres Buch oder die Geduld eines Gesprächspartners. Zwischen einer Behauptung und ihrer Widerlegung lagen mitunter nur Sekunden. Ein Gedanke, den ich früher aus Erschöpfung festgehalten hätte, konnte noch einmal bewegt werden. Und noch einmal. Nicht weil die Maschine besser dachte, sondern weil sie den Widerstand verringerte, an dem mein Denken zuvor so häufig zum Stillstand gekommen war.

    Die Kosten des Zweifelns

    An diesem Punkt drängte sich eine Vermutung auf, die zunächst größer klang, als mir lieb war: Vielleicht besteht die eigentliche Revolution künstlicher Intelligenz nicht darin, dass sie die Kosten der Arbeit senkt. Vielleicht senkt sie vor allem die Kosten des Zweifelns.

    Der Satz gefiel mir sofort, und gerade deshalb begann ich ihm zu misstrauen. Er besitzt jene Geschlossenheit, die Gedanken gefährlich macht. Er klingt bereits richtig, bevor geprüft ist, was genau an ihm stimmen könnte. Denn natürlich zweifelt eine künstliche Intelligenz nicht. Sie kennt weder das Unbehagen an der eigenen Gewissheit noch den Mut, eine Überzeugung preiszugeben, an der etwas hängt. Sie erzeugt sprachliche Möglichkeiten auf der Grundlage von Mustern. Der Zweifel bleibt menschlich, ebenso die Entscheidung, welcher Einwand Gewicht besitzt und welche Antwort nur überzeugend klingt. Auch die Verantwortung dafür, wann eine Denkschleife fortgesetzt und wann sie beendet werden muss, lässt sich nicht an ein Sprachmodell delegieren.

    Künstliche Intelligenz als Hebel

    Vielleicht ist es daher genauer, von einem Hebel zu sprechen. Ein Hebel ersetzt keine Kraft. Er erzeugt auch keine Absicht und entscheidet nicht, was bewegt werden soll. Er verändert das Verhältnis zwischen eingesetzter Kraft und erzielter Wirkung. Genau darin liegt seine Macht, aber auch seine Begrenzung. Ohne die menschliche Fähigkeit, Fragen zu stellen, Unterschiede zu erkennen und Urteile zu verantworten, bleibt künstliche Intelligenz ein bewegliches Instrument ohne festen Punkt. Sie kann Sätze produzieren, doch sie weiß nicht, welcher Satz eine Welt aus den Angeln hebt und welcher nur so klingt. Der feste Punkt entsteht dort, wo Erfahrung, Theorie und ein wirkliches Problem zusammentreffen. Erst dort kann der Hebel ansetzen.

    Damit verändert sich auch die Frage, die wir an künstliche Intelligenz richten. Solange wir wissen wollen, welche Arbeiten sie uns abnehmen kann, betrachten wir sie vor allem als Ersatz: für Recherche, Formulierung, Analyse, vielleicht irgendwann für ganze Tätigkeiten. Das ist verständlich, führt aber zu einer merkwürdig verengten Vorstellung ihres Wertes. Ein Werkzeug, das die Kosten einer weiteren Iteration senkt, muss nicht an die Stelle menschlicher Arbeit treten. Es kann menschliche Arbeit länger offenhalten. Es kann verhindern, dass aus Zeitnot eine Hypothese zur Wahrheit erklärt wird oder aus Erschöpfung eine Konvention zur Notwendigkeit. Sein größter Beitrag bestünde dann nicht darin, Denken überflüssig zu machen, sondern darin, uns eine weitere Runde zu ermöglichen, bevor wir mit dem Denken aufhören.

    Organisationsentwicklung länger offenhalten

    Für die Organisationsentwicklung ist das keine kleine Verschiebung. Organisationen leiden selten an einem vollständigen Mangel an Wissen. Meist ist erstaunlich viel von dem bekannt, was nicht funktioniert. Mitarbeitende kennen die Widersprüche, Führungskräfte sehen viele Nebenwirkungen, Kunden spüren die Folgen und selbst jene Regeln, über die alle klagen, haben gewöhnlich eine gut dokumentierte Entstehungsgeschichte. Das Problem liegt eher darin, dass dieses Wissen in Verfahren gerät, die es zu früh schließen. Eine Analyse muss zur Präsentation werden, die Präsentation zur Entscheidungsvorlage, die Vorlage zur Entscheidung. Unterwegs verschwinden Zweifel, weil sie den Prozess verlangsamen. Was als notwendige Handlungsfähigkeit erscheint, ist mitunter nur institutionalisierte Denkerschöpfung.

    Wenn künstliche Intelligenz die Kosten weiterer Denkschleifen senkt, könnte sie deshalb für Organisationen interessanter werden, als es die derzeitige Produktivitätsdebatte erkennen lässt. Man könnte strategische Annahmen nicht nur effizienter formulieren, sondern systematischer irritieren. Man könnte vor einer Reorganisation mehr Gegenmodelle durchspielen, Nebenfolgen aus verschiedenen Perspektiven beschreiben und die Sprache einer Entscheidung daraufhin untersuchen, welche Wirklichkeit sie bereits voraussetzt. Man könnte Erfahrungswissen aus vielen Teilen der Organisation miteinander ins Gespräch bringen, ohne so zu tun, als ließe es sich widerspruchsfrei zu einem Gesamtbild verrechnen. Vor allem könnte man Zweifel länger zulassen, ohne deshalb auf Entscheidungen verzichten zu müssen.

    Doch auch hier zeigt sich die Ambivalenz des Hebels. Dieselbe Technik, die eine Organisation beweglicher im Denken machen kann, kann ihr ebenso dabei helfen, ihre bestehenden Gewissheiten schneller zu vervielfältigen. Wer nur Bestätigung verlangt, wird Bestätigung erhalten. Wer Effizienz zum einzigen Maßstab macht, wird vor allem effizientere Schließungen produzieren. Ein langer Hebel ist noch keine kluge Bewegung. Je größer seine Wirkung, desto wichtiger wird die Frage nach dem festen Punkt. Für Organisationen heißt das: Die Qualität des Einsatzes künstlicher Intelligenz entscheidet sich nicht zuerst an der Leistungsfähigkeit des Modells, sondern an ihrer Fähigkeit, echte Fragen auszuhalten. Wo Widerspruch unerwünscht ist, wird auch die beste Technologie keinen Zweifel ermöglichen. Sie wird dem bereits Beschlossenen nur eine modernere Sprache geben.

    Ein Hebel für Unterschiede

    Vielleicht berührt diese Entwicklung deshalb den Kern dessen, was Organisationsentwicklung immer schon sein wollte. Nicht die Organisation von außen nach einem besseren Plan umzubauen, sondern ihre Fähigkeit zur Selbstbeobachtung zu erweitern. Eine Organisation verändert sich, wenn sie Unterschiede wahrnehmen kann, die ihr zuvor entgangen sind, und wenn sie daraus andere Entscheidungen ermöglicht. Künstliche Intelligenz wäre in diesem Verständnis weder Beraterin noch Entscheiderin und schon gar nicht das neue Zentrum der Organisation. Sie wäre ein Medium, in dem zusätzliche Beobachtungen mit geringerem Aufwand erzeugt, verglichen und verworfen werden können. Ein Hebel für Unterschiede, nicht eine Maschine für Wahrheiten.

    Kurt Lewin wird der Satz zugeschrieben, nichts sei so praktisch wie eine gute Theorie. Nach vielen Jahren in der Organisationsentwicklung erscheint mir dieser Satz noch immer richtig, vielleicht sogar richtiger als zu Beginn meiner Arbeit. Eine gute Theorie liefert keine einfachen Antworten. Sie verändert, was wir überhaupt als Frage erkennen können. Doch vielleicht braucht eine gute Theorie heute eine Ergänzung. Ihre praktische Kraft hängt nicht allein davon ab, wie treffend sie die Welt beschreibt. Sie hängt auch davon ab, ob wir bereit und in der Lage sind, sie weiterzubewegen, wenn sie uns allzu vertraut geworden ist.

    Archimedes verlangte einen festen Punkt, um die Welt aus den Angeln zu heben. Für das Denken liegt dieser Punkt womöglich nicht außerhalb unserer Welt, sondern dort, wo wir uns erlauben, die eigene Beobachtung noch einmal zu beobachten. Künstliche Intelligenz nimmt uns diese Bewegung nicht ab. Aber sie kann den Hebel verlängern. Ob wir mit ihm Gewissheiten zementieren oder neue Möglichkeiten öffnen, bleibt unsere Entscheidung. Vielleicht ist genau das ihre größte Wirkung: nicht dass sie für uns denkt, sondern dass sie den Augenblick hinausschiebt, in dem wir glauben, mit dem Denken fertig zu sein.



    Über den Autor Ralf Haase arbeitet als Organisationsentwickler, Speaker und Autor an der Frage, wie Steuerberatungskanzleien Wachstum, Führung und Zusammenarbeit strukturell besser verarbeiten können. Sein Fokus liegt auf Organisationsarchitektur, Entscheidungslogik und der Entlastung unternehmerischer Verantwortung.

  • „Meine Mitarbeitenden übernehmen einfach keine Verantwortung.“

    Kaum eine Aussage höre ich in meiner Arbeit als Organisationsentwickler häufiger als diese. Sie fällt in Geschäftsführerbesprechungen, in Workshops mit Führungskräften und in Beratungsgesprächen. Fast immer steht sie am Ende einer Entwicklung, in der Entscheidungen nicht dort getroffen werden, wo sie getroffen werden sollten, sondern immer wieder auf dem Schreibtisch derselben Person landen. Dabei wird schnell vermutet, dass Mitarbeitende keine Verantwortung übernehmen.

    Wenn das Problem vorschnell beim Menschen gesucht wird

    Bemerkenswert ist dabei weniger die Aussage selbst als die Geschwindigkeit, mit der die Diagnose feststeht. Das Problem scheint im Menschen zu liegen. Mitarbeitende denken nicht mit. Sie übernehmen keine Verantwortung. Sie wollen sich absichern. Sie sind nicht entscheidungsfreudig genug. Oder die Führungskraft kann einfach nicht loslassen.

    Mich überzeugt diese Art der Diagnose schon lange nicht mehr.

    Nicht weil sie grundsätzlich falsch wäre. Menschen können Verantwortung vermeiden. Sie können überfordert sein, Kompetenzen fehlen oder Entscheidungen scheuen. Das alles kommt vor. Was mich beschäftigt, ist etwas anderes. Warum beginnt unsere Suche nach den Ursachen fast immer beim Menschen?

    Foto: Philipp Arnold, Berlin

    Genau darin sehe ich einen der häufigsten Diagnosefehler in Organisationen.

    Steigen die Krankenstände, wird über die Belastbarkeit der Mitarbeitenden gesprochen. Kündigen Leistungsträger, wird mangelnde Loyalität diagnostiziert. Entstehen Konflikte, geraten schwierige Persönlichkeiten in den Mittelpunkt. Funktioniert Delegation nicht, fehlt angeblich die Verantwortungsbereitschaft. Das beobachtbare Phänomen wechselt. Die Beobachtungsebene bleibt dieselbe. Wir erklären organisatorische Phänomene psychologisch.

    Organisationen prägen Verhalten

    Dabei entsteht Verhalten niemals im luftleeren Raum. Organisationen schaffen die Bedingungen, unter denen Menschen arbeiten, entscheiden und miteinander kommunizieren. Sie legen Rollen fest, definieren Zuständigkeiten, gestalten Informationswege, entwickeln Routinen und schaffen Entscheidungsprämissen. Genau diese Strukturen bestimmen mit darüber, welches Verhalten wahrscheinlich wird und welches nicht.

    Deshalb beginnt Organisationsentwicklung für mich mit einer anderen Reihenfolge der Diagnose.

    Ich frage zuerst nach der Organisation:

    • Welche Entscheidungsprämissen gelten?
    • Welche Erwartungen widersprechen sich?
    • Wo sind Rollen unklar?
    • Welche Informationen fehlen?
    • Welche Entscheidungen werden immer wieder eskaliert?
    • Welche Routinen erzeugen genau das Verhalten, das anschließend einzelnen Menschen zugeschrieben wird?

    Erst wenn sich dort keine tragfähige Erklärung finden lässt, richte ich den Blick auf Kompetenz, Erfahrung oder persönliche Eignung.

    Diese Reihenfolge ist kein Dogma. Sie ist eine Heuristik. Sie schützt davor, Symptome mit Ursachen zu verwechseln.

    Verantwortung übernehmen braucht klare Entscheidungsräume

    Gerade beim Thema Delegation lässt sich das gut beobachten. Viele Führungskräfte investieren enorme Energie in bessere Delegationsgespräche. Sie formulieren Aufgaben präziser, geben ausführlichere Anweisungen oder schaffen bewusst mehr Freiräume. All das kann sinnvoll sein. Es beantwortet jedoch nicht die entscheidende Frage:

    Ist überhaupt klar, wer innerhalb welcher Grenzen entscheiden darf?

    Solange Entscheidungsräume nur im Kopf des Inhabers existieren, wird jede Delegation zur Einladung für Rückfragen. Mitarbeitende stehen dann nicht vor einem Motivationsproblem, sondern vor einem Orientierungsproblem. Sie wissen nicht, wo ihr Entscheidungsraum endet und der der Führungskraft beginnt. Also fragen sie nach. Aus einer Rückfrage wird eine Rückdelegation. Aus einer Ausnahme wird Routine. Irgendwann trifft der Inhaber operative Entscheidungen, obwohl genau diese längst in der Organisation hätten verankert sein sollen.

    Der Rücksprung-Test

    Ich habe mir angewöhnt, dieses Muster mit einer einfachen Beobachtung zu prüfen. Ich nenne sie den Rücksprung-Test.

    Welche Entscheidungen springen immer wieder zu derselben Person zurück?

    Nicht einmal.

    Nicht in einer Krise.

    Sondern immer wieder.

    Jeder Rücksprung ist zunächst kein Beweis für mangelnde Verantwortung. Er ist ein Hinweis darauf, dass die Organisation genauer betrachtet werden sollte. Vielleicht fehlt eine Entscheidungsprämisse. Vielleicht widersprechen sich Erwartungen. Vielleicht existiert ein Entscheidungsraum nur implizit. Vielleicht produziert die Organisation selbst genau den Rücksprung, den sie anschließend ihren Mitarbeitenden vorwirft.

    Der Rücksprung-Test funktioniert allerdings nicht nur bei Delegation. Er beschreibt ein allgemeineres Prinzip. Immer wenn Organisationen ihre Probleme zuerst im Menschen suchen, verkürzen sie ihre eigene Diagnose. Sie suchen nach Schuldigen und Helden, obwohl sie zunächst ihre eigenen Strukturen beobachten müssten.

    Gute Führung beginnt mit einer anderen Diagnose

    Genau dort beginnt für mich gute Führung.

    Nicht beim Appell zu mehr Verantwortung.

    Nicht bei der Suche nach den richtigen Persönlichkeiten.

    Nicht bei der Hoffnung auf mehr Motivation.

    Gute Führung beginnt dort, wo sie aufhört, nach Schuldigen und Helden zu suchen. Sie beginnt mit der Bereitschaft, die eigene Organisation als möglichen Mitverursacher des beobachtbaren Problems zu betrachten.

    Das verändert nicht nur den Blick auf Delegation. Es verändert den Blick auf Organisation insgesamt.

    Denn das eigentliche Problem ist selten das beobachtbare Phänomen. Es ist die Beobachtungsebene, auf der wir versuchen, es zu erklären.



    Über den Autor Ralf Haase arbeitet als Organisationsentwickler, Speaker und Autor an der Frage, wie Steuerberatungskanzleien Wachstum, Führung und Zusammenarbeit strukturell besser verarbeiten können. Sein Fokus liegt auf Organisationsarchitektur, Entscheidungslogik und der Entlastung unternehmerischer Verantwortung.