Vom Orchester zum Jazzensemble: Führung neu denken in der Steuerberatung

Die Steuerberatung steht an einem Scheideweg. Technologie, Gesetzesdynamik und Mandantenerwartungen verschieben die Bedingungen des Handelns mit hoher Wucht. Viele Kanzleien reagieren mit Optimierung: schnellere Prozesse, digitalisierte Abläufe, straffere Workflows. Doch solche Reaktionen greifen häufig zu kurz – sie verändern das Wie der Arbeit, nicht aber das Wer und Warum. Genau hier setzt das Konzept des Future Leadership an: ein Führungsverständnis, das nicht mehr entscheidet, sondern ermöglicht.

Foto: Philipp Arnold, Berlin

Die Logik von Jazz und Fußball als Führungsparadigma

In meinem Buch „Neue Arbeitswelt in der Steuerberatung“ beleuchte ich, wie Teams wie Jazzensembles oder Fußballmannschaften zum Modell für moderne Führung werden können. In beiden Fällen existiert Struktur – doch sie ist nicht statisch, sondern relational, interaktiv, emergent.

  • Jazz: Musiker spielen nicht einfach Noten ab. Sie hören einander, reagieren, improvisieren – innerhalb eines gemeinsamen Rahmens. Der Rahmen gibt Orientierung, aber nicht jeden Ton.
  • Fußball: Spieler kennen ihre Rollen, wissen das System, aber Tempo, Raum und Aktionen entstehen situativ aus der Bewegung. Jeder Impuls kann das Spiel verändern.

Diese Metaphern tragen nicht bloß ästhetisch. Sie veranschaulichen eine Führung, die weniger dirigiert und mehr orchestriert. Führungskräfte schaffen einen Rahmen, in dem spontane Impulse möglich sind, ohne dass das Ganze auseinanderbricht.

In Steuerberatungskanzleien kann Future Leadership so aussehen:

  • Empowerment & Teilhabe: Mitarbeitende werden eingeladen, an Entscheidungen mitzuwirken – Zugehörigkeit und Motivation wachsen.
  • Transparenz & Kommunikation: Führung teilt Richtungsentscheidungen, Unsicherheiten und Beweggründe – das Verständnis für das Ganze steigt.
  • Lernen & Anpassung: Fehler und Irritationen sind keine Störungen, sondern Signale. Dynamik wird zum Modus, nicht zur Ausnahme.

Warum klassische Führung in der Steuerberatung an Grenzen stößt

Die traditionelle Kanzleiführung hat viele Vorteile: Klarheit, Verantwortungszuordnung, Effizienz. Aber sie basiert auf Steuerung, Vorhersagbarkeit, Sicherheit. In einer Welt, in der Mandanten mit mehr Komplexität kommen und Gesetzgebung sich permanent wandelt, gerät dieses Modell ins Rutschen.

Strukturen, die als sichere Inseln gedacht waren, werden zu Grenzen. Führung, die Entscheidungen top-down trifft, wird zum Flaschenhals. Innovation wird ausgebremst. Und Kommunikation, die sich modern gibt, bleibt wirkungslos, wenn Entscheidungslogik und Beteiligung nicht im Einklang sind.

Future Leadership bricht mit der Illusion, dass Führung alles planen kann – und ersetzt Steuerung durch Ermöglichung.

Neue Arbeitswelt in der Steuerberatung

Future Leadership lehnt die Rhetorik ab, Führung handle durch bloße Präsenz oder Autorität. Stattdessen verschiebt sich das Selbstverständnis von Führung: von „jemand, der entscheidet“ zu „jemand, der Bedingungen ermöglicht“.

Kultur, Verhalten und Struktur im Dreiklang

Eine zentrale Einsicht: Kultur lässt sich nicht direkt verändern. Sie ist das Echo der Verhältnisse und des Verhaltens innerhalb eines strukturellen Rahmens. Will man Verhalten ändern, müssen sich zuerst die Verhältnisse ändern – Strukturen, Räume, Entscheidungslogiken.

Oder anders gesagt: Kultur entsteht nicht durch Appelle, sondern durch Gestaltung. Sie verändert sich nicht durch direkten Zugriff, sondern durch indirekte Irritation. Wer Kultur beeinflussen will, sollte bei den Bedingungen ansetzen, unter denen Menschen handeln.

Wenn Führungskräfte Kultur beobachten und daraus Schlüsse ziehen – etwa, dass Entscheidungen zu zentral sind oder Feedback zu selten – entsteht Lernen. Nicht linear, aber stetig. Kleine Impulse, Widersprüche und Irritationen erzeugen Bewegung. Und diese Bewegung verändert das Schattenmuster einer Organisation.

Was das konkret in der Kanzlei bedeutet

  • Kleine Experimente wagen – Mitwirkung, autonome Projekte oder Rollentausch ausprobieren, um strukturelle Schwellen sichtbar zu machen.
  • Reflexionsräume schaffen – Foren etablieren, in denen Muster beobachtet werden, ohne sofort bewertet zu werden.
  • Entscheidungsdezentralisierung prüfen – Welche Entscheidungen müssen zentral bleiben, welche können delegiert werden?
  • Performance als Resonanz verstehen – Nicht nur Output messen, sondern auch Teamdynamik, Feedback und Konfliktkultur beobachten.
  • Langsamkeit zulassen – Echte Transformation braucht Zeit, Pausen und Geduld mit dem Prozess.

Future Leadership ist kein Label, sondern eine Haltung. Sie zeigt sich in konkreten Strukturen, nicht in Parolen. Für die Steuerberatung heißt das: weniger Kontroll-Kaskade, mehr Rahmengestaltung. Weniger Führung als Überblick, mehr Führung als Resonanzarbeit.

Wer das erkennt, bleibt beweglich – ohne sich in Aktionismus zu verlieren.

Mehr dazu im Artikel „Führung in der Steuerberatung – Weniger Steuerung, mehr Orientierung“.