Wahrheit gibt es nur zu Zweien – Die Aufmerksamkeitsökonomie funktioniert am liebsten allein

Wahrheit in der Aufmerksamkeitsökonomie ist ein fragiles Gut. Hannah Arendts Satz „Wahrheit gibt es nur zu Zweien“ dient Gabor Steingart als Leitspruch – doch ausgerechnet seine eigene mediale Umsetzung zeigt, wie leicht ein dialogischer Gedanke in der heutigen Empörungsökonomie zu einer Einwegkommunikation schrumpft.

Manchmal liest man ein Buch und spürt: Der Autor steht weniger auf der Seite der Wirklichkeit als auf der Bühne seiner Selbstinszenierung. Bei Gabor Steingarts Systemversagen tritt dieses Gefühl nicht langsam ein – es setzt sich fest wie ein Refrain, der von Kapitel zu Kapitel lauter wird.

Der Steingart der frühen Jahre war ein Journalist, der präzise beobachten konnte. Manchmal nüchtern. Manchmal streng. Aber fast immer belastbar. Der Steingart der Gegenwart wirkt dagegen wie jemand, der so tief in der Pose des „letzten Mahners“ steckt, dass er den Mechanismus reproduziert, den er kritisiert: die Logik der Empörungsökonomie.

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Das Schein-BIP – oder: Wenn ein statistischer Indikator zum Bösewicht stilisiert wird

Steingarts These vom „geschönten Bruttoinlandsprodukt“ wirkt zunächst dramatisch. Seine Argumentation: Der Staat nehme Schulden auf, gebe das Geld aus, dieses fließe ins BIP – also sei das Wachstum „unecht“.

Das ist rhetorisch stark – aber ökonomisch falsch.

Das BIP misst Wertschöpfung, nicht Solidität. Es bildet ökonomische Aktivität ab – unabhängig davon, ob sie klug oder verschwenderisch ist. Dass staatliche Ausgaben BIP-relevant sind, ist kein Skandal, sondern buchhalterische Normalität. Schulden sind Finanzierung – nicht Ergebnis.

Die Vorstellung, der Staat „schöne“ das BIP, weil er ausgibt, ist so, als würde man behaupten, ein Unternehmen verschönere seine Bilanz, weil es Gehälter zahlt.

Die Saldenmechanik als Störenfried im Empörungstheater

Ökonom Werner Koller hat die Debatte nüchtern geradegerückt. Seine saldenmechanische Wahrheit lautet:

  • Wo Schulden sind, sind Vermögen.

Privates Vermögen und staatliche Schulden sind zwei Seiten derselben Bilanz. Während Steingart den Untergang ausruft, stehen wir zeitgleich vor dem größten privaten Vermögenstransfer der deutschen Geschichte: 26 Billionen Euro Erbschaften.

Die Titanic-Analogie, die Steingart bemüht, wirkt merkwürdig, wenn das Schiff von einer Flotte privater Rettungsboote begleitet wird.

Die systemtheoretische Ironie: Das Buch tut, was es kritisiert

Steingarts Systemversagen kritisiert die Empörungsökonomie – und reproduziert sie gleichzeitig. Das Buch operiert mit klaren moralischen Achsen:

  • Helden und Schuldige
  • Aufstieg und Fall
  • Wahrheit und Verdrängung
  • Leistung und Simulation

Es folgt exakt jener Logik, die der Systemtheoretiker Niklas Luhmann als „Reduktion von Komplexität durch moralische Codierung“ beschreibt. Deutschland erscheint dort weniger als komplexe Gesellschaft denn als Bühne eines Niedergangsdramas.

Doch Systeme erleben keinen „Fall“. Sie erleben Funktionsstörungen, strukturelle Friktionen, Erwartungsprobleme. Die spektakuläre Dramaturgie ersetzt die nüchterne Analyse.

Die wahre Krise: Nicht das Land, sondern der öffentliche Diskurs

Steingart möchte zeigen, wie Deutschland sich selbst verliert. Doch der eigentlich beunruhigende Befund liegt woanders: Der Diskurs verliert seine analytische Selbstdisziplin.

Steingart ist dafür exemplarisch. Er ist brillant, rhetorisch stark – und zugleich Opfer der Logik, die er kritisiert: der Resonanzökonomie. Nicht die Wirklichkeit entscheidet, sondern die Erregung.

Würde Luhmann noch leben, er würde vermutlich sagen:

Steingart beschreibt nicht die Krise der Gesellschaft. Er performt sie.

Vielleicht wäre es Zeit für den alten Steingart

Für den Journalisten, der Komplexität ernst nahm. Für den Beobachter, der Strukturen analysierte. Für den Chronisten, der die Lage einer Gesellschaft ohne Alarmismus beschreiben konnte.

Der neue Steingart ist die Stimme einer Republik, die sich in der Feedback-Schleife ihrer eigenen Alarmismen verfängt. Der alte Steingart dagegen könnte helfen, diese Schleife zu durchbrechen.

Es bleibt die Hoffnung, dass er irgendwann wieder auftaucht.

Mehr zur Rolle von Kommunikation im öffentlichen und organisationalen Diskurs findest du im Artikel „Was eine schlechte Rede ausmacht – und was Organisationen daraus lernen können“.