Ich habe einen Fehler gemacht.

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Mein Hotel heißt Zehn-Brunnen und liegt in Renningen. Also bin ich in Renningen ausgestiegen. Das war geografisch korrekt und praktisch ziemlich dämlich, denn Malmsheim wäre näher gewesen. Eine Erfahrung, in der Ambiguitätstoleranz ganz konkret wurde.

Als ich das bemerkte, hatte ich zwei Möglichkeiten. Ich konnte ungefähr eine halbe Stunde auf die nächste S-Bahn warten und eine Station weiterfahren oder die rund zwei Kilometer zu Fuß gehen. Zwei Kilometer erschienen mir überschaubar, also entschied ich mich fürs Laufen.

Der Weg führte mich aus Renningen hinaus und über asphaltierte Wirtschaftswege durch die Felder in Richtung Malmsheim. Ich rollte meinen kleinen Kabinenkoffer auf vier Rollen neben mir her, darauf den Computer-Rucksack gestapelt und die Jacke, die ich bei dem warmen Wetter nicht brauchte, über das Gepäck gelegt. Es war unverkennbar, dass hier kein Wanderer unterwegs war, sondern jemand, der eigentlich nur zu seinem Hotel wollte.

Ein kurzes Stück führte die Route allerdings über die Renninger Straße außerhalb der Ortschaft, in Ermangelung eines Fußwegs in der Auto-Region Stuttgart. Also lief ich links, dem Verkehr entgegen. Vorschriftsmäßig, aber offenbar irritierend genug, um einige Autofahrer zum Hupen zu bewegen.

Bald bog ich wieder auf einen Wirtschaftsweg ab, und es wurde ruhig. Felder, ein paar Bäume, in der Ferne die nächsten Häuser. Eine Gegend, die ich unter normalen Umständen vermutlich nie betreten hätte, weil es für mich schlicht keinen Grund gegeben hätte, dort entlangzulaufen.

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Ein Skulpturenpfad zwischen Renningen und Malmsheim

Und dann stand da mitten auf dem Acker eine Skulptur.

Ich blieb stehen. Eine hohe, dunkle, abstrakte Form, die sich nach oben streckte und an einen startenden Vogel erinnerte. Was machte so etwas hier draußen zwischen den Feldern?

Ich ging näher heran, schaute sie mir an und lief weiter. Wenig später tauchte die nächste Arbeit auf. Zwei mächtige helle Steinformen standen einander gegenüber, dazwischen ein schmaler Raum, der fast wichtiger wirkte als die beiden Körper selbst. Danach entdeckte ich weitere Arbeiten. Allmählich begriff ich, dass ich nicht zufällig über ein einzelnes Kunstwerk gestolpert war. Hier verlief tatsächlich ein Skulpturenpfad durch die Landschaft zwischen Renningen und Malmsheim.

Davon hatte ich vorher nichts gewusst. Ich hatte nichts recherchiert, keinen kulturellen Zwischenstopp vorgesehen und keine Sehenswürdigkeit auf einer Liste, die ich noch abhaken wollte. Ich war schlicht am unpraktischen Bahnhof ausgestiegen und lief mit meinem Rollkoffer zum Hotel.

Vielleicht war es gerade diese völlige Absichtslosigkeit, die mich an der Entdeckung so faszinierte. Denn eine halbe Stunde zuvor hatte ich noch vor einem ziemlich banalen Problem gestanden. Mein Plan war nicht aufgegangen, und die naheliegende Reaktion wäre gewesen, den Fehler möglichst schnell zu korrigieren. Auf die nächste Bahn warten, eine Station weiterfahren und damit wieder dort ansetzen, wo ich bei richtiger Planung ohnehin gelandet wäre.

Das wäre vernünftig gewesen. Und ich hätte den Skulpturenpfad mit großer Wahrscheinlichkeit nie gesehen.

Ambiguitätstoleranz: Möglichkeiten offenlassen

Interessant daran finde ich weniger den Fehler als den kurzen Zustand, den er erzeugt hat. Solange ein Plan funktioniert, reduziert er Möglichkeiten und schafft Eindeutigkeit. Genau dafür machen wir Pläne. Wir müssen nicht an jeder Stelle neu entscheiden, sondern können einem vorgesehenen Verlauf folgen. Erst wenn etwas davon abweicht, öffnet sich plötzlich wieder ein Raum verschiedener Möglichkeiten. Man kann versuchen, möglichst schnell zum ursprünglichen Plan zurückzukehren. Man kann aber auch einen anderen Anschluss wählen, ohne schon zu wissen, was daraus entsteht.

Diese Uneindeutigkeit ist nicht unbedingt angenehm. Vielleicht erklärt gerade das unseren starken Impuls, Abweichungen möglichst schnell zu korrigieren. Wir beseitigen damit nicht nur einen Fehler, sondern auch die Unsicherheit darüber, wie es nun weitergehen soll.

Ambiguitätstoleranz bekommt für mich an solchen Kleinigkeiten eine sehr konkrete Bedeutung. Sie besteht nicht darin, Unsicherheit toll zu finden, Fehler zu romantisieren oder absichtlich falsche Bahnhöfe auszuwählen. Es geht eher um die Fähigkeit, eine entstandene Uneindeutigkeit einen Moment bestehen zu lassen, ohne sie reflexhaft wieder in Eindeutigkeit zu überführen.

Das unterscheidet die Geschichte für mich auch von der vertrauten Erzählung, Fehler seien Chancen und aus Fehlern könne man lernen. Mein Fehler hatte keine eingebaute Botschaft und der Skulpturenpfad war auch keine Belohnung für meine Flexibilität. Es gab lediglich plötzlich mehr als eine mögliche Fortsetzung. Eine davon habe ich gewählt.

Der Skulpturenpfad war währenddessen die ganze Zeit dort. Mein Irrtum hat ihn weder geschaffen noch für mich bereitgestellt. Er hat lediglich eine Abfolge von Entscheidungen entstehen lassen, in der etwas für mich sichtbar wurde, das der ursprüngliche Plan zuverlässig ausgeblendet hätte.

Vielleicht liegt genau darin die produktive Seite der Uneindeutigkeit. Ein Plan reduziert Möglichkeiten, und das ist seine große Stärke. Eine Abweichung hebt einen Teil dieser Reduktion vorübergehend auf. Damit entsteht Unsicherheit, zugleich werden Anschlüsse möglich, die vorher gar nicht zur Auswahl standen.

Ich bin also in Renningen ausgestiegen, obwohl Malmsheim praktischer gewesen wäre. Das Hotel habe ich trotzdem gefunden.

Nur eben nicht auf dem vorgesehenen Weg.