Wenn Effizienz zur Falle wird

Warum Steuerberatung neue Wege braucht

Die Steuerberatung kommt aus einer Welt der Klarheit. Aus einer Ordnung, die auf Stabilität, Wiederholung und Kontrolle gesetzt hat. Diese Ordnung war jahrzehntelang wirksam, aber nicht, weil sie per se überlegen war, sondern weil sie zur Umwelt passte. Märkte waren berechenbar. Mandantenverhältnisse langfristig. Gesetze stabil. Organisation konnte sich auf Effizienz fokussieren.

Doch genau diese Umwelt ist verschwunden. Der Wandel, den wir heute erleben, ist kein konjunktureller Ausschlag, sondern eine tektonische Verschiebung. Es geht nicht nur darum, anders zu arbeiten. Es geht darum, Arbeit neu zu denken.

Das Erbe des Taylorismus

Der Taylorismus hat in der Steuerberatung eine tiefe Spur hinterlassen. Arbeitsteilung, klare Zuständigkeiten, standardisierte Abläufe – all das schuf eine Welt, in der Leistung messbar, Mitarbeit planbar, Qualität kontrollierbar erschien. Diese Logik prägt bis heute die Aufbauorganisation vieler Kanzleien. Sie wirkt in Ausbildungswegen, in Führungshaltungen, in der Art, wie „gute Arbeit“ verstanden wird.

Doch diese Optimierungslogik hat einen Preis: Sie produziert eine Organisation, die mit Abweichung schlecht umgehen kann. Eine Organisation, die gut funktioniert, aber nur solange sich die Umwelt nicht grundlegend verändert.

Warum diese Logik heute an ihre Grenzen stößt, zeigt der Beitrag „Taylorismus in der Steuerberatung – Warum alte Arbeitslogiken heute nicht mehr tragen“.

Foto: Philipp Arnold, Berlin

Die neue Umwelt: volatil, komplex, widersprüchlich

Heute stehen Kanzleien unter einem anderen Druck. Es geht nicht mehr nur darum, effizient zu sein, sondern adaptiv. Wer heute bestehen will, muss nicht nur korrekt beraten, sondern auch mit Unsicherheit umgehen können. Muss technologieoffen agieren, ohne in blinden Aktionismus zu verfallen. Muss auf dem Papier präzise und in der Praxis flexibel sein.

Hier stößt der tayloristische Reflex an seine Grenzen. Denn in einer dynamischen Umwelt wird Effizienz in der Steuerberatung zur Falle: Wer zu lange an eingespielten Prozessen festhält, riskiert die Anschlussfähigkeit. Wer Komplexität wegoptimieren will, verliert den Blick für Relevanz.

Veränderungsfähigkeit als Systemkompetenz

Veränderungsfähigkeit ist kein Mindset-Problem und keine Frage der Motivation. Sie ist eine systemische Kompetenz. Eine Organisation, die auf Kontrolle getrimmt ist, erzeugt Widerstand gegen Wandel. Sie macht es Menschen schwer, anders zu denken – nicht, weil sie nicht wollen, sondern weil das System es ihnen nicht erlaubt.

Der Weg zu mehr Veränderungsfähigkeit führt nicht über Change-Projekte mit neuen Tools, sondern über ein neues Verständnis von Zusammenarbeit: Mehr Selbstorganisation, mehr Resonanz, weniger Vorgabe. Die Organisation wird nicht mehr als Maschine, sondern als lernfähiges System verstanden.

Interdisziplinarität als strukturelle Antwort

In diesem neuen Denken gewinnen interdisziplinäre Teams an Bedeutung. Denn Steuerberatung ist längst nicht mehr rein steuerlich. Es geht um IT, um Prozessgestaltung, um betriebswirtschaftliche Weichenstellungen. Wer diese Komplexität abbilden will, muss Perspektiven verknüpfen.

Interdisziplinarität ist dabei keine schöne Idee, sondern ein strategischer Imperativ. Nur wenn Menschen mit unterschiedlichen Kompetenzen zusammenarbeiten, kann eine Kanzlei Komplexität bewältigen, statt sie zu verdrängen. Doch das funktioniert nur, wenn die Struktur den Dialog ermöglicht – wenn Silos aufgebrochen, Machtgefälle hinterfragt und neue Formen der Führung etabliert werden.

Führung muss heute weniger wissen, aber mehr ermöglichen. Es geht nicht mehr um Kontrolle, sondern um die Gestaltung von Bedingungen, unter denen Unterschiedlichkeit wirksam werden kann.

Der neue Erfolgsfaktor: Lernfähigkeit

Der wahre Engpass ist nicht die Digitalisierung. Es ist auch nicht der Fachkräftemangel. Der wahre Engpass ist die Fähigkeit, zu lernen – nicht als individuelle Kompetenz, sondern als kollektive Leistung. Lernfähigkeit entsteht dort, wo Unterschiedlichkeit nicht homogenisiert, sondern genutzt wird. Wo Irritation nicht als Störung, sondern als Startpunkt von Entwicklung gilt.

Die Steuerberatung der Zukunft wird nicht von denen gemacht, die am besten rechnen können, sondern von denen, die mit Unsicherheit umgehen können, ohne in Panik zu verfallen. Von denen, die Strukturen bauen, die Wandel ermöglichen. Und von denen, die den Mut haben, das eigene Systemverständnis zu hinterfragen.


Fazit: Zukunft gestalten statt Prozesse optimieren

Die Zukunft ist nicht etwas, das man erreicht – sie ist etwas, das man gestaltet. Gemeinsam. Systemisch. Interdisziplinär. Effizienz in der Steuerberatung bleibt wichtig, doch ohne Lernfähigkeit und Anpassung verliert sie ihre Wirkung. Kanzleien, die beides verbinden, werden nicht nur stabil bleiben, sondern zukunftsfähig handeln.