Entscheidungsarchitektur in Organisationen ist heute kein Randthema mehr, sondern eine Überlebensfrage. Organisationen stehen unter permanenter Entscheidungsüberforderung – und reagieren mit sehr unterschiedlichen Strukturangeboten. Palantir und Holakratie sind zwei scheinbar gegensätzliche Antworten auf dieselbe systemische Zumutung.
Auf den ersten Blick könnten sie kaum weiter auseinanderliegen. Hier ein umstrittener US-Softwarekonzern, der Sicherheitsbehörden mit Analyseplattformen versorgt und sich offen zu einer harten Ordnungspolitik bekennt. Dort ein Organisationsmodell, das mit Selbstorganisation, klaren Rollen und verteilter Verantwortung wirbt.
Und doch reagieren beide auf dieselbe Herausforderung: Entscheiden unter Bedingungen permanenter Überforderung.
Die eigentliche Krise: Entscheidung statt Macht
Moderne Organisationen leiden weniger an zu viel Macht als an zu viel Kontingenz. Zu viele Informationen. Zu viele Abhängigkeiten. Zu viele Erwartungen an Fehlerfreiheit.
Die klassische Hierarchie versagt unter diesen Bedingungen nicht aus moralischen Gründen, sondern aus schierer Überlastung. Entscheidungen werden vertagt, vermieden oder in Verfahren ausgelagert.
Genau hier setzen sowohl Palantir als auch Holakratie an. Sie zielen nicht auf bessere Entscheidungen, sondern auf Entlastung von Entscheidungszumutung.

Vorstrukturierung statt Entscheidung
Weder Palantir noch Holakratie automatisieren Entscheidungen im engeren Sinn. Sie automatisieren das, was der Entscheidung vorausgeht.
- Palantir verbindet Daten, erkennt Muster, priorisiert Optionen.
- Holakratie definiert Rollen, klärt Zuständigkeiten, formalisiert Prozesse.
In beiden Fällen sinkt die Unwahrscheinlichkeit von Entscheidungen – nicht weil sie richtiger werden, sondern weil sie plausibler erscheinen.
Das ist der eigentliche Gewinn. Und das eigentliche Risiko.
Zwei Erzählungen – ein Mechanismus
Die Unterschiede liegen weniger in der Struktur als in der Semantik:
- Palantir operiert mit einer Ordnungserzählung: Sicherheit duldet keine Ambivalenz.
- Holakratie operiert mit einer Emanzipationserzählung: Klarheit ersetzt Hierarchie.
Strukturell geschieht in beiden Fällen dasselbe: Verantwortung wird in die Architektur verlagert.
Der blinde Fleck formalisierter Freiheit
Holakratie gilt als menschenzugewandt, Palantir als autoritär. Diese Unterscheidung beruhigt – greift aber zu kurz.
Auch formalisierte Selbstorganisation erzeugt blinde Flecken. Wer scheitert, hat nicht falsch entschieden, sondern das System falsch angewendet.
Macht verschwindet nicht. Sie wird unsichtbar.
Wenn Systeme entscheiden
Palantir zeigt, wie Demokratien Entscheidungsfähigkeit technisch zurückgewinnen wollen. Holakratie zeigt, wie Organisationen Entscheidungsfähigkeit organisatorisch absichern.
Beides ist wirksam. Beides ist verführerisch. Und beides beantwortet dieselbe Frage unzureichend:
Nicht: Wie werden wir entscheidungsfähiger?
Sondern: Wie bleiben wir verantwortlich, während wir entscheiden?
Die eigentliche Alternative
Die Alternative liegt weder im Tool noch im Modell.
Sie liegt in der bewussten Gestaltung von Entscheidungsräumen, die Ambivalenz nicht eliminieren, sondern aushalten:
- Verantwortung bleibt sichtbar.
- Strukturen bleiben irritierbar.
- Technik darf widersprochen werden.
- Macht wird benannt – nicht versteckt.
Das ist anstrengender als Holakratie. Langsamer als Palantir. Aber es ist die einzige Form, die Freiheit nicht simuliert.
Eine unbequeme Schlussbemerkung
Palantir sagt: Vertraut den Daten.
Holakratie sagt: Vertraut dem Prozess.
Die entscheidende Frage lautet jedoch:
Wo behalten wir das Recht, beidem zu misstrauen?
Denn dort, wo Systeme unantastbar werden, beginnt nicht Effizienz.
Dort beginnt Entmündigung.
