Die Art, wie wir über Menschen denken, prägt die Art, wie wir Organisationen gestalten
Diese scheinbar triviale Einsicht entfaltet enorme Wirkung, sobald sie systemisch verstanden wird. Organisationen sind keine technischen Gebilde, sondern soziale Systeme, deren Struktur nicht nur aus Prozessen und Regeln besteht, sondern aus Annahmen – darüber, was Menschen motiviert, was sie brauchen, um wirksam zu sein, und wie sie geführt werden sollten.

Foto: Philipp Arnold, Berlin
Theorie X und Y – zwei Sichtweisen auf den Menschen
Douglas McGregor hat mit seiner Unterscheidung zwischen Theorie X und Theorie Y einen Denkrahmen geschaffen, der bis heute aktuell ist. X geht davon aus, dass Menschen ohne Druck und Kontrolle nicht arbeiten würden. Y hingegen geht davon aus, dass Menschen Verantwortung suchen, sich selbst organisieren und durch Sinn motiviert sind.
Beides sind keine Wahrheiten – es sind Menschenbilder. Und sie wirken wie selbsterfüllende Prophezeiungen.
Kontext zur Serie: In Folge 14 haben wir gesehen, dass Wirklichkeit in Kanzleien nicht objektiv entsteht, sondern kommunikativ konstruiert wird. Menschenbilder wirken in diesem Prozess wie unsichtbare Filter – sie entscheiden, wie Organisation beobachtet und gestaltet wird.
Welche Menschenbilder prägen die Steuerberatung?
In der Steuerberatung dominiert seit Jahrzehnten ein Modell, das stark an Theorie X erinnert. Kontrolle, Genauigkeit, Verfahrenstreue und klare Zuständigkeiten sichern Qualität – und spiegeln zugleich ein Misstrauen gegenüber Selbstorganisation.
Doch die Umwelt verändert sich: Märkte werden komplexer, Technologien disruptiver, Mitarbeitende fordern Sinn und Beteiligung. In dieser Dynamik wird klar: Das X-Modell stößt an Grenzen. Kontrolle schafft Ordnung, aber keine Motivation. Regeln geben Sicherheit, aber keine Energie.
Die zentrale Frage lautet: Welches Menschenbild trägt unsere Organisation? Und: Welche Strukturen ergeben sich daraus?
Vom Denken zur Struktur: Warum Menschenbilder nicht privat bleiben
Menschenbilder sind keine privaten Meinungen – sie übersetzen sich in Organisation. In Rollenbeschreibungen, Führungsstile, Anreizsysteme.
Wer glaubt, dass Menschen nur unter Druck leisten, baut Strukturen, die Druck erzeugen: Kontrolle, Mikromanagement, Zielvorgaben. Und bekommt genau das Verhalten, das dieses Bild bestätigt – geringe Eigenverantwortung, Angst vor Fehlern, Dienst nach Vorschrift.
Wer dagegen Verantwortung zutraut, schafft Strukturen, die Vertrauen ermöglichen. Delegation wird zum Wachstumsfeld. Die Frage verschiebt sich: von „Wie verhindern wir Fehler?“ zu „Wie lernen wir daraus?“
McGregors eigentliche Erkenntnis
McGregors Verdienst liegt nicht in der Gegenüberstellung von Gut und Böse, sondern in der Erkenntnis, dass Menschenbilder in der Steuerberatung – wie in jeder Organisation – nicht neutral sind. Sie gestalten Systeme und werden durch sie verstärkt. Das bedeutet: Veränderung beginnt nicht bei Tools oder Werten, sondern bei den unausgesprochenen Annahmen über den Menschen.
Die Herausforderung: Das eigene Bild hinterfragen
Der Wechsel von Theorie X zu Y ist kein Appell, sondern eine systemische Aufgabe. Neue Werteplakate genügen nicht. Entscheidend ist: Welche Annahmen liegen unseren Strukturen zugrunde? Werden Entscheidungen wirklich delegiert oder nur simuliert? Gibt es Räume für Selbstverantwortung – oder nur enge Grenzen mit neuem Etikett?
Beobachte, wo Theorie X in der Kanzlei sichtbar wird. Wo sie gebraucht wird – etwa bei regulatorischen Pflichten. Und wo sie Entwicklung hemmt – bei Innovation, Teamführung, Mandantenorientierung. Nur wer beobachtet, statt sofort zu verändern, erkennt, welche strukturellen Voraussetzungen Wandel wirklich braucht.
Fazit: Menschenbilder sind systemrelevant
In der Steuerberatung wird viel über Fachkräftemangel, Digitalisierung und Effizienz gesprochen – seltener über die Denkmuster, die Organisationen prägen. Menschenbilder in der Steuerberatung sind der unsichtbare Rahmen, aus dem Führung, Zusammenarbeit und Struktur entstehen. McGregors Theorie X und Y bietet keinen Change-Fahrplan, aber einen Spiegel. Wer hineinschaut, erkennt Kultur – und die Chance, Zukunftsfähigkeit nicht nur zu wollen, sondern zu gestalten.
Serie „Neue Arbeitswelt in der Steuerberatung“ – Folge 13
