Kulturwandel statt Kosmetik
New Work in der Steuerberatung ist weit mehr als ein modernes Etikett für flexible Arbeitszeiten oder Tischkicker im Büro. Wer den Gedanken ernst nimmt, erkennt: Es geht um einen tiefgreifenden Kulturwandel – um Strukturen, die Verantwortung ermöglichen, statt sie zu kontrollieren. Und um die Frage, wie Arbeit in Steuerkanzleien wieder sinnstiftend und zukunftsfähig gestaltet werden kann.

Foto: Philipp Arnold, Berlin
New Work: mehr als ein Wohlfühlkonzept
New Work klingt freundlich, modern, fast gemütlich. Doch wer es ernst nimmt, erkennt schnell: Dahinter verbirgt sich kein Feelgood-Programm, sondern ein radikales Umdenken. Eine Kulturveränderung, die tiefer reicht als Benefits, Gleitzeit oder Homeoffice – und eine Zumutung für Systeme, die sich in Effizienzlogiken eingerichtet haben.
Gerade Steuerkanzleien sind von dieser Zumutung besonders betroffen. Sie bewegen sich in einem Spannungsfeld zwischen Exaktheit, Reproduzierbarkeit und Regelbindung. Strukturen, die historisch Stabilität garantiert haben, werden heute zu Barrieren für Lernfähigkeit und echte Zusammenarbeit. Die Folge: Viele Kanzleien spüren, dass sich etwas verändern muss – wissen aber nicht, wo sie ansetzen sollen.
Was ist New Work – und was ist es nicht?
Frithjof Bergmanns Idee von New Work war keine Managementstrategie, sondern eine kulturelle Provokation. Im Zentrum stand die Frage, wie Arbeit Menschen stärken kann, statt sie zu entfremden. Das ist kein Wohlfühlanspruch, sondern ein strukturelles Thema: Organisationen, die Menschen auf Funktionen reduzieren, verschenken Potenzial – und gefährden ihre Zukunftsfähigkeit.
In der Steuerberatung wird New Work häufig als Methodenbaukasten verstanden, um die Arbeitgebermarke zu modernisieren. Doch diese Verkürzung greift zu kurz. Sobald Selbstorganisation, Eigenverantwortung oder Future Leadership ernst gemeint werden, verändert sich das Betriebssystem der Organisation selbst. Wer das übersieht, landet bei schöner Oberfläche ohne strukturelle Veränderung.
Warum das für Kanzleien mehr ist als ein Trend
Steuerberatung agiert zwischen rechtlicher Klarheit und wirtschaftlicher Dynamik. Genau hier liegt die systemische Brisanz: Was Stabilität sichern soll, wird zum Risiko, wenn es auf Komplexität mit Standardisierung antwortet. Die Branche braucht nicht mehr Prozesse, sondern mehr Denkfreiheit – nicht mehr Vorschriften, sondern Prinzipien.
Viele Kanzleien reagieren auf den Fachkräftemangel mit Flexibilisierung. Doch Flexibilität ersetzt keine Kultur. Wenn Mitarbeitende zwar im Homeoffice arbeiten, aber keine Mitsprache haben, entsteht keine Freiheit – sondern Frustration. New Work in der Steuerberatung beginnt nicht bei Tools, sondern bei der Frage: Wofür wollen wir Verantwortung übernehmen?
Führung im Wandel: Von Steuerung zu Kontextgestaltung
Klassische Führung beruhte lange auf Kontrolle, Fachwissen und Klarheit. Heute braucht es etwas anderes: Kontextintelligenz. Führung wird zur Fähigkeit, Unsicherheit produktiv zu halten – ohne in Aktionismus oder Rückzug zu verfallen.
In der Praxis heißt das: Entscheidungen unter Unsicherheit ermöglichen. Räume schaffen, in denen Konflikte nicht vermieden, sondern konstruktiv bearbeitet werden. Verantwortung sichtbar machen – nicht nur delegieren. Agile Formate entfalten nur dann Wirkung, wenn sie nicht als Technik verstanden werden, sondern als Einladung zu geteilter Verantwortung. Wo Steuerung alles entscheidet, wird Agilität zur Bürokratie mit anderem Namen.
Interdisziplinarität als neue Grundlogik
Mandate sind selten eindimensional. Steuerrecht, Digitalisierung, Unternehmensführung und regulatorische Anforderungen greifen ineinander. Wer weiter in Fachsilos denkt, verliert Anschluss. New Work in der Steuerberatung bedeutet, interdisziplinäre Zusammenarbeit nicht nur zu ermöglichen, sondern systematisch zu verankern – und Expertise neu zu definieren.
New Work ist kein Konzept – sondern ein Möglichkeitsraum
New Work ist kein Toolset, sondern ein Denkraum. Es gibt keine Blaupause, aber es gibt Fragen, die Orientierung geben:
- Wofür lohnt es sich, Verantwortung zu übernehmen?
- Wo verhindern Strukturen das, was eigentlich möglich wäre?
- Welche Art von Führung braucht es, damit Teams nicht nur arbeiten, sondern gestalten?
In Folge 9 haben wir beschrieben, warum Komplexität neue Beratungsformen verlangt. New Work ist eine dieser Antworten – sie ersetzt keine Regeln, sie verändert den Umgang damit.
Fazit: New Work in der Steuerberatung heißt Haltung statt Hype
New Work in der Steuerberatung ist keine Reaktion auf Fachkräftemangel oder Digitalisierung. Es ist eine Einladung zur Selbstreflexion. Für Organisationen, die mehr sein wollen als korrekt. Steuerkanzleien, die sich auf diesen Weg machen, arbeiten nicht nur anders – sie denken anders. Und sie verändern die Branche von innen heraus: durch Kultur, nicht durch Kosmetik.
Wie erlebst du den Wandel hin zu New Work in deiner Kanzlei? Teile deine Erfahrungen, Gedanken oder offenen Fragen unten in den Kommentaren – oder vernetze dich mit mir auf LinkedIn, um den Kulturwandel in der Steuerberatung gemeinsam weiterzudenken.
Serie „Neue Arbeitswelt in der Steuerberatung“ – Folge 10
