Die PogoFORMline als Organisationskompetenz in der Steuerberatung
Die typische Woche in einer mittelständischen Steuerkanzlei klingt nach Ordnung: Fristenkalender, ESt-Spitzen, Umsatzsteuer-Voranmeldungen, Bescheide, Einsprüche, Jahresabschlüsse. Alles hat seinen Platz, alles seine Uhrzeit. Und doch fühlt es sich für viele Partner, Teamleiterinnen und Mitarbeitende nicht nach Ordnung an, sondern nach Übersteuerung. Zu viele Parallelvorgänge, zu wenig Klarheit, zu laute Erwartungen.
Man reagiert. Man beruhigt. Man „optimiert Prozesse“.
Und trotzdem bleibt die innere Unruhe.

Bild erstellt mit ChatGPT 5
Die Grundannahme, dass Organisationen keine Maschinen sind, sondern Kommunikationssysteme, prägt meine Arbeit. Organisationen bestehen nicht aus Menschen, sondern aus Kommunikation; und Kommunikation ist kein bloßer Transport von Informationen, sondern ein sozialer Vorgang, der Sinn selektiert. Gitta Peyn hat diesen Gedanken mit ihrer „Pogofähigkeit“ irritiert und erweitert: Stabilität und Leistungsfähigkeit entstehen nicht durch mehr Kontrolle, sondern durch bessere Formen von Kommunikation. Die reife Form, mit Widersprüchen zu arbeiten, nennt sie PogoFORMline – einen strukturierten „Tanz mit Paradoxien“. Für die Steuerberatung ist das eine Einladung, Kommunikationsformen so zu gestalten, dass Spannung nicht vermieden, sondern produktiv verarbeitet wird.
Kontext zur Serie: In Folge 12 haben wir gezeigt, warum Wertschöpfung in der Steuerberatung heute zwischen Präzision und Komplexität vermittelt werden muss.
Die PogoFORMline in der Steuerberatung liefert dafür eine konkrete Kommunikationsform.
Beispiel: „Wir brauchen gleichzeitig Tempo und Sorgfalt“
Ein klassischer Kanzlei-Satz. Alle nicken – und alle wissen, dass dieser Doppelanspruch Konflikte produziert. Ein Team fordert „saubere Vorarbeit“ vom Mandanten, der Mandant fordert „schnelle Ergebnisse“, die Partner fordern „Wirtschaftlichkeit“, die Fachlichkeit fordert „Richtigkeit“. Vier legitime Erwartungen, die sich rhythmisch überlagern – und im Meeting oft moralisiert werden: „Die Fachabteilung bremst“, „das Front-Office verspricht zu viel“, „die Partner sehen nur Deckungsbeiträge“.
Das ist kein Haltungsproblem, sondern ein Formproblem. Unsere Kommunikation versucht Gegensätze entweder zu harmonisieren oder gegeneinander aufzuladen. Beides schwächt das System. Die PogoFORMline schlägt einen dritten Weg vor: die bewusste Choreografie der Gegensätze – nicht „entweder oder“, nicht „alles zugleich“, sondern abwechselnd, koordiniert, mit klaren Übergaben.
Theorie – aber bitte arbeitsfähig
Warum braucht es dafür Theorie? Weil ohne präzise Beobachtungssprache jedes „Wir reden mal offen“ wieder in alte Muster kippt. Peyn verankert die Pogo-Idee systemisch-konstruktivistisch (Realkonstruktivismus):
- Wirklichkeit in Organisationen ist das, was Kommunikationsformen als „real“ stabilisieren.
- Missverständnis ist normal – und nützlich, weil es neue Anschlussmöglichkeiten schafft.
- Kooperation entsteht nicht durch Gleichklang, sondern durch kontrollierte Asymmetrie.
In der Praxis heißt das: Unterschiedliche „Stimmen“ bekommen definierte Rollen im Ablauf. Sinnbilder bei Peyn sind u. a. „Drillmaster“ (Struktur & Maßstab), „Precht“ (Deutung & Sinn), „Gedankenleser“ (Resonanz & Empathie) und „Private First Class“ (Pragmatik & Vollzug). Der Clou ist nicht der Name, sondern die Reihenfolge und der Rhythmus, in dem sie sprechen.
Kanzlei-Übertragung in vier Schritten
1. Form vor Inhalt
Bevor wir streiten, wie wir etwas lösen, klären wir, wer mit welcher Stimme spricht. Beispiel Jour fixe „Abschlussstraße“:
- Start Drillmaster: „Welche Fristen, welche Risiken, welche Mindeststandards?“
- Dann Precht: „Wozu tun wir das? Was ist der Mandantennutzen? Wo interpretieren wir zu eng/zu weit?“
- Dann Gedankenleser: „Wer ist wovon betroffen? Welche Belastung entsteht? Welche Entlastung ist möglich?“
- Abschluss Private First Class: „Was machen wir bis nächsten Dienstag konkret anders?“
2. Reversibilität als Standard
Angelehnt an Axelrods Kooperationslogik: Systeme lernen in kleinen, rückholbaren Schritten. In der Kanzlei: Pilot statt Big Bang – drei Mandate, zwei Wochen, klare Stop/Scale-Kriterien. So bleibt der Pogo beweglich, ohne das System zu destabilisieren.
3. Semantische Hygiene
Sprache ist das Betriebssystem der Organisation. Wörter wie „alle“, „müssen“, „eigentlich“ erzeugen Scheinstreit. Ersetze sie durch Kontext & Kriterien: Nicht „Wir müssen schneller werden“, sondern „Für EÜR-Mandate < 50 Belege testen wir eine 24-Stunden-Rückmeldung. Kriterium: < 5 % Korrekturen.“
4. Rollen für Gegenrede
Peyn spricht sinngemäß von „produktiver Antithese“. In der Kanzlei wird daraus ein Kontextanwalt pro Sitzung: eine Person mit Mandat, dominante Deutungen zu irritieren. Leitfragen: „Was wäre das Gegenteil? Welche Annahme halten wir für gesichert – woran würden wir erkennen, dass sie falsch ist?“
„Aber wir brauchen doch Verlässlichkeit!“
Genau deshalb braucht es Rhythmus statt Dauerfeuer. Die PogoFORMline in der Steuerberatung ist kein Chaos, sondern präzise getaktete Instabilität. Stabil ist die Form, nicht der Inhalt. Der Inhalt darf springen, solange die Übergaben stimmen. Viele Transformationsansätze scheitern, weil man Menschen verändern will, statt Kommunikationsbedingungen zu gestalten.
Peyns theoretischer Unterbau: Kommunikation – nicht Psychologie – bildet die Organisation. Wenn die Form stimmt, folgt das Verhalten. Befreiend für den Alltag: Niemand muss „besserer Mensch“ werden. Wir brauchen bessere Formen, in denen unterschiedliche Logiken anschlussfähig werden: Qualität, Tempo, Wirtschaftlichkeit, Mandantenbeziehung.
Ein kleines Labor: der „Pogo-Slot“
- Wählt einen „heißen“ Ablauf (z. B. Rückfragen an Mandanten).
- 45 Minuten „Pogo-Slot“ mit klarer Reihenfolge der Stimmen.
- Eine reversible Veränderung vereinbaren, zwei Wochen testen, dann messen.
- Retro mit zwei Fragen: „Was hat irritiert – und was davon war nützlich?“
Irritation als Ressource. Und es ist Steuerberatung pur: Substanz, Nachweis, Wirkung.
Warum „Tanzen“?
Weil das Bild stimmt. Der Pogo ist ein rauer Tanz. Man stößt sich, verliert kurz den Stand, findet ihn neu. Die Form verhindert, dass es zur „Schlägerei“ wird. Genau das brauchen Kanzleien in einer schneller taktenden Umwelt: Eine Form, die Stöße aushält und Beweglichkeit erzeugt. Die PogoFORMline liefert die Partitur.
Mein Appell an die Branche: Lasst uns aufhören, „Change“ zu predigen. Lasst uns anfangen, Kommunikation zu komponieren. Dann wird die Steuerberatung nicht bloß effizienter, sondern intelligenter.
Diskussionsfrage: Wo in deiner Kanzlei wäre ein 45-Minuten-Pogo-Slot nächste Woche am wirksamsten?
Fazit
Die PogoFORMline in der Steuerberatung macht Gegensätze bearbeitbar, ohne sie zu leugnen. Sie schafft eine robuste Form, in der Tempo und Sorgfalt, Wirtschaftlichkeit und Mandantenorientierung, Fachlogik und Zusammenarbeit produktiv aufeinander treffen. Nicht Kontrolle, sondern Form stiftet Stabilität.
Referenzen
Gitta Peyn: Pogofähigkeit (u. a. Kapitel zu Kommunikation, Sprache, Komplexitätsmanagement, Realkonstruktivismus, PogoFORMline).
Niklas Luhmann: Soziale Systeme.
Robert Axelrod: The Evolution of Cooperation.
