Folge 5: Selbstorganisation heißt nicht „Jeder macht, was er will“ – sondern: „Alle wissen, was sie tun“

Ein Praxisbeispiel aus der Steuerberatung:

Was passiert, wenn Mitarbeitende ihre eigene Vergütung bestimmen – und warum das nur mit konsequenter Transparenz und klaren Strukturen funktioniert.


Selbstorganisation braucht Strukturen – nicht Heldentum
Foto: Philipp Arnold, Berlin

Was, wenn Mitarbeitende ihre eigene Vergütung bestimmen?

In der Kanzlei von Joerg Eckstaedt ist das Realität. Seit Jahren legen dort nicht die Inhaber, sondern die Mitarbeitenden selbst Höhe und Verteilung einer zusätzlichen Vergütung fest. Möglich macht das eine radikal transparente und dezentral organisierte Struktur: Alle Zahlen sind bei DAS STEUERBÜRO offen, Entscheidungen finden dort statt, wo die Kompetenz liegt: beim Team. Selbst Neueinstellungen oder Mandatsannahmen sind kollektive Entscheidungen.

Geführte Selbstorganisation statt klassischer Führung

Joerg betreibt eine Kanzlei, in der klassische Führungslogiken außer Kraft gesetzt sind – nicht aus Rebellion, sondern aus Konsequenz. Die Mitarbeitenden bestimmen selbst über Boni, Arbeitszeiten, Mandatsannahmen und Neueinstellungen. Grundlage ist ein hohes Maß an Transparenz: alle Zahlen sind offen, alle Rollen mit Verantwortung verbunden.

„Geführte Selbstorganisation“ heißt: Verantwortung ist keine Frage der Person, sondern der Verhältnisse.

Nur wenn das System die Bedingungen bereitstellt, unter denen Entscheidungen tragfähig getroffen werden können, funktioniert Selbststeuerung wirklich.

Vertiefend dazu: In Folge 4 „Zusammenarbeit in der Steuerberatung neu denken“ wird gezeigt, weshalb Wertschöpfung ein kollektives Geschehen ist und individuelle Leistung oft überschätzt wird.

Die Bedingungen, die Selbstorganisation tragen

  • Entscheidungskompetenz an Sachkompetenz koppeln, nicht an Status.
  • Konflikte nicht vermeiden, sondern kooperativ und transparent begleiten.
  • Führung als Raum schaffende Struktur verstehen – nicht als steuernde Instanz.
  • „Spielen“ im Sinne von Souveränität im Umgang mit Ambiguität kultivieren.

„Naiver Höchstleister“ – warum gutes Organisieren oft ungewohnt ist

Dass Joerg sich selbst als „naiver Höchstleister“ bezeichnet – im Vokabular von Dr. Gerhard Wohland jemand, der ohne theoretisches Vorwissen die richtigen strukturellen Entscheidungen trifft – verweist auf eine zentrale Erkenntnis:

Viele Prinzipien guter Organisation sind nicht neu, sondern ungewohnt und oft unter der Oberfläche traditioneller Industriebetriebslogiken verborgen.

Vertrauen strukturell einlösen – nicht romantisieren

Joergs Kanzlei ist mehr als ein Beispiel für New Work. Sie ist ein konkreter Beweis dafür, dass Vertrauen nicht naiv ist, sondern produktiv, wenn es strukturell eingelöst wird. Wertschöpfung entsteht nicht durch Kontrolle, sondern durch geteilte Verantwortung – dort, wo Strukturen diese Verantwortung ermöglichen.

Übrigens: Joerg war auch Gesprächspartner im Audiomaterial zu meinem Buch. Wer hören will, wie das klingt, wenn Theorie und Praxis einander nicht bekämpfen, sondern befruchten, sollte in das Audio Material meines Buches reinhören.


Fazit: Selbstorganisation ist Organisationsarbeit

Selbstorganisation heißt nicht „weniger Führung“, sondern andere Führung: Strukturen, die Verantwortung ermöglichen, Konflikte nutzbar machen und Kompetenz dahin bringen, wo sie gebraucht wird – ins Team.

Serie „Neue Arbeitswelt in der Steuerberatung“ – Folge 5


Ralf Haase ist Systemtheoretiker und Keynote-Speaker für eine neue Arbeitswelt in der Steuerberatung. Er arbeitet mit Steuerberatungskanzleien und angrenzenden Branchen an wirksamer Zusammenarbeit und moderner Organisation.

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