Kategorie: Aktuelles

  • Folge 24: Die asymmetrische Schnittstelle im Recruiting

    Über Dienstleister, Organisationen und die systematische Entstehung von Erwartungsüberhängen

    Recruiting wird in vielen Organisationen aktuell mit großer Intensität betrieben. Neue Kanäle, neue Methoden, neue Dienstleister, neue Versprechen. Und dennoch zeigt sich in der Praxis immer wieder ein ähnliches Bild: steigender Erklärungsbedarf, interne Irritationen, unklare Zuständigkeiten und Diskussionen darüber, „wer was versprochen hat“.

    Diese Phänomene lassen sich nur begrenzt mit schlechter Kommunikation oder unzureichender Abstimmung erklären. Aus systemtheoretischer Perspektive liegt die Ursache tiefer. Sie liegt in der Art und Weise, wie Organisationen und externe Dienstleister strukturell miteinander gekoppelt sind – genauer: in einer asymmetrischen Schnittstelle, die häufig nicht als solche erkannt wird.

    Foto: Philipp Arnold, Berlin

    Schnittstellen sind Orte der Kopplung, nicht der Harmonie

    Schnittstellen entstehen überall dort, wo unterschiedliche Systeme Leistungen austauschen. Entscheidend ist dabei nicht der Austausch selbst, sondern die Verteilung von Abhängigkeit, Verantwortung und Möglichkeit zur Verweigerung.

    In einer symmetrischen Schnittstelle sind beide Seiten aufeinander angewiesen. Leistung und Gegenleistung sind gekoppelt. Beide Seiten können liefern oder verweigern. Genau diese wechselseitige Abhängigkeit erzeugt ein Eigeninteresse an Einigung und macht externe Steuerung weitgehend überflüssig.

    In einer asymmetrischen Schnittstelle ist diese Gegenseitigkeit aufgehoben. Nur eine Seite ist auf die Leistung der anderen angewiesen. Die liefernde Seite kann operieren, ohne strukturell auf eine Gegenleistung angewiesen zu sein. Die abhängige Seite hingegen trägt die Folgen – unabhängig davon, ob sie die Leistung initiiert, gesteuert oder inhaltlich verantwortet hat.

    Asymmetrische Schnittstellen sind kein Fehler. Sie sind effizient, skalierbar und in vielen Kontexten funktional. Problematisch werden sie dort, wo sie als symmetrisch behandelt werden, obwohl sie strukturell asymmetrisch sind.

    Recruiting als asymmetrische Schnittstelle zwischen Organisation und Dienstleister

    Die Zusammenarbeit zwischen Organisationen und Recruiting-Dienstleistern ist ein prototypisches Beispiel für eine asymmetrische Schnittstelle.

    Der Dienstleister erzeugt Sichtbarkeit, Reichweite und Kandidatenkontakte. Er kommuniziert nach außen, vereinfacht komplexe Realitäten und übersetzt organisationale Angebote in marktfähige Narrative. Erfolg wird gemessen an Leads, Kontakten und Conversion-Raten.

    Die Organisation hingegen trägt die Folgen dieser Kommunikation. Sie muss Erwartungen integrieren, erfüllen oder enttäuschen. Sie verantwortet Führung, Zusammenarbeit, Kultur, Vertragsgestaltung und langfristige Bindung. Sie haftet für das Bild, das am Markt entsteht – auch dann, wenn sie einzelne Aussagen weder formuliert noch entschieden hat.

    Die Leistung liegt auf der einen Seite, die strukturelle Verantwortung auf der anderen. Genau das definiert die Asymmetrie dieser Schnittstelle im Recruiting.

    Warum diese Asymmetrie häufig unsichtbar bleibt

    In der Praxis wird diese Asymmetrie selten explizit gemacht. Stattdessen wird implizit unterstellt, Dienstleister würden „im Sinne der Organisation“ handeln. Diese Erwartung ist nachvollziehbar, aber systemisch problematisch.

    Dienstleister operieren notwendigerweise aus ihrer eigenen Logik heraus. Sie verfügen weder über die Entscheidungsarchitektur der Organisation noch über deren interne Varianz. Wo diese Varianz hoch ist – etwa in Gruppen, Verbünden oder heterogenen Organisationen – entsteht zwangsläufig ein Übersetzungsproblem.

    Je leistungsfähiger der Dienstleister wird, desto stärker wirkt die Asymmetrie. Mehr Reichweite erzeugt mehr Erwartungen. Mehr Erwartungen erzeugen mehr Integrationsaufwand. Die Organisation gerät in eine reaktive Position, in der sie erklären, relativieren und nachjustieren muss.

    Dieses Muster ist kein individuelles Versagen, sondern eine strukturelle Folge ungeklärter Schnittstellen.

    Der typische Denkfehler: Kommunikation statt Struktur

    Häufige Reaktion auf diese Situation ist der Versuch, Kommunikation zu verbessern. Texte werden abgestimmt, Claims geschärft, Freigaben eingeführt. Diese Maßnahmen können Symptome lindern, lösen aber nicht das zugrunde liegende Problem.

    Das Problem liegt nicht in der Formulierung, sondern in der fehlenden Ordnung der Schnittstelle. Solange nicht geklärt ist, wer auf welcher Ebene was sagen darf, welche Aussagen organisationsweit gelten und wo bewusste Differenzierung notwendig ist, produziert jede externe Kommunikation Erwartungsüberhänge.

    Kommunikation kann Struktur nicht ersetzen. Sie macht Struktur lediglich sichtbar – oder verdeckt sie.

    Asymmetrie anerkennen, nicht beseitigen

    Entscheidend ist deshalb nicht, asymmetrische Schnittstellen zu vermeiden. Das ist weder realistisch noch sinnvoll. Entscheidend ist, sie bewusst zu gestalten.

    • die Asymmetrie explizit anzuerkennen
    • Verantwortlichkeiten klar zuzuordnen
    • Übergabepunkte zu definieren, an denen aus externer Leistung organisationale Entscheidung wird
    • Elemente von Symmetrie einzuziehen, wo Dynamik hoch ist

    Nicht durch Kontrolle, sondern durch Kopplung.

    Recruiting als Spiegel organisationaler Reife

    Recruiting ist ein besonders sensibles Feld, weil hier externe Kommunikation und interne Realität unmittelbar aufeinandertreffen. Wo Schnittstellen ungeklärt sind, zeigt sich das hier zuerst. Irritierte Bewerber sind kein Zufall, sondern ein Frühindikator.

    Organisationale Reife zeigt sich nicht darin, Erwartungen vollständig zu steuern, sondern darin, Asymmetrien zu erkennen und handhabbar zu machen. Wer das tut, entlastet nicht nur die eigene Organisation, sondern auch die Zusammenarbeit mit externen Partnern.

    Vielleicht liegt genau hier der nächste Entwicklungsschritt im Recruiting: nicht in noch mehr Methoden, sondern in einem klareren Verständnis der strukturellen Beziehungen, in denen diese Methoden wirken.

    Warum Symmetrisierung die eigentliche Führungsaufgabe in der Dienstleistersteuerung ist

    Wenn asymmetrische Schnittstellen erkannt sind, stellt sich zwangsläufig die nächste Frage: Wie gehen Organisationen damit um?

    In der Praxis zeigt sich dabei ein wiederkehrendes Muster. Asymmetrische Schnittstellen werden entweder ignoriert oder übersteuert. Beides führt langfristig zu Reibung. Auffällig selten thematisiert wird dabei die eigentliche Führungsaufgabe: die bewusste Symmetrisierung von Schnittstellen.

    Asymmetrische Schnittstellen brauchen Führung – nicht Kontrolle

    Viele Organisationen reagieren mit mehr Kontrolle: detaillierte Briefings, enge Freigaben, Reporting, Eskalationsroutinen. Systemisch betrachtet ist das ein verständlicher, aber kurzsichtiger Reflex.

    Kontrolle ersetzt keine Struktur, sie kompensiert sie nur temporär. Führung beginnt hier nicht mit mehr Steuerung, sondern mit der Frage, ob Steuerung überhaupt das geeignete Mittel ist.

    Symmetrisierung ist keine Harmonieübung

    Symmetrisierung bedeutet nicht Gleichmacherei und auch nicht Partnerschaftsrhetorik. Sie bedeutet, gegenseitige Abhängigkeit herzustellen, wo bislang einseitige Abhängigkeit besteht.

    Symmetrisierung ist damit kein moralisches Konzept, sondern ein organisatorisches Designprinzip.

    Dienstleistersteuerung als Strukturfrage

    Dienstleister sind eigenständige Systeme mit eigener Logik, eigenen Erfolgsmaßen und eigener Rationalität. Führung besteht nicht darin, diese Logik zu kontrollieren, sondern darin, die Schnittstelle zwischen beiden Systemen so zu gestalten, dass Selbstregulation möglich wird.

    Wie Symmetrisierung konkret aussehen kann

    • klare Definition dessen, was ein „fertiges“ Leistungsergebnis ist
    • explizite Übergabepunkte, an denen Verantwortung wechselt
    • gemeinsame Kriterien für Erfolg, nicht nur für Lieferung
    • Begrenzung von Sagbarkeit dort, wo Folgen einseitig getragen werden
    • Transparenz über interne Varianz statt pauschaler Vereinfachung

    Führung heißt, Schnittstellen zu gestalten – nicht Menschen zu steuern

    Führung wirkt vor allem über Strukturen. Wer asymmetrische Schnittstellen nicht gestaltet, delegiert Führung an Steuerungsmechanismen. Wer sie symmetrisiert, ermöglicht Selbstorganisation.

    Die häufigste Fehlannahme

    Asymmetrische Schnittstellen sind billig in der Einrichtung, aber teuer im Betrieb. Symmetrische Schnittstellen sind aufwendiger in der Gestaltung, aber stabil im Alltag.

    Schlussgedanke

    Dienstleistersteuerung ist kein operatives Thema. Sie ist eine Führungsaufgabe.

    Wer asymmetrische Schnittstellen erkennt, aber nicht symmetrisiert, wird steuern müssen. Wer symmetrisiert, kann führen.

    Genau hier liegt ein unterschätzter Hebel organisationaler Wirksamkeit.

    Serie „Neue Arbeitswelt in der Steuerberatung“ – Folge 24


  • Folge 23: Arbeit gestalten heißt Organisation ernst nehmen

    Von Rahmenbedingungen, Illusionen und der stillen Macht der Personalisierung

    Arbeit gestalten heißt Organisation ernst nehmen – nicht nur über Haltung zu sprechen. Wenn über die Zukunft der Arbeit gesprochen wird, entsteht oft ein merkwürdiger Kurzschluss. Neue Arbeit wird mit neuen Haltungen verwechselt, Transformation mit Methoden, Veränderung mit Motivation. Organisationen investieren in Programme, Trainings und Leitbilder und wundern sich, warum sich im Alltag wenig ändert.

    Dabei liegt der Kern des Problems nicht im Wollen der Menschen, sondern in den Bedingungen, unter denen sie arbeiten.

    Arbeit ist kein individuelles Projekt. Sie ist immer Ergebnis organisationaler Rahmung. Wer Arbeit gestalten will, muss deshalb weniger über Menschen sprechen und mehr über Strukturen. Über Entscheidungswege. Über Rollen. Über Zuständigkeiten. Über das, was möglich ist, und über das, was systematisch verhindert wird.

    Wenn gute Absichten nicht ausreichen

    Gerade in der Steuerberatung zeigt sich diese Spannung besonders deutlich. Die Branche steht unter enormem Druck: Digitalisierung, Fachkräftemangel, steigende Komplexität, wachsende Erwartungen von Mandanten und Mitarbeitenden. Viele Kanzleien reagieren darauf mit dem Ruf nach New Work, nach moderner Führung, nach mehr Sinn, mehr Flexibilität, mehr Menschlichkeit.

    Doch all diese Begriffe greifen zu kurz, wenn sie nicht in tragfähige Arbeitsstrukturen übersetzt werden.

    New Work ist kein Dogma. Und es ist erst recht kein Möbelkonzept. Es ist ein Prozess der bewussten Gestaltung von Rahmenbedingungen, die Selbstorganisation ermöglichen, Verantwortung klären und Lernen erlauben. Nicht als Selbstzweck, sondern im Dienst der Wertschöpfung.

    Denn Arbeit wird nicht dadurch besser, dass sie gut gemeint ist. Sie wird besser, wenn sie anschlussfähig organisiert ist.

    Wenn Veränderung zur Fassade wird

    Viele Veränderungsvorhaben scheitern genau an dieser Stelle. Sie richten sich an Einstellungen, wo eigentlich Strukturen gemeint sind. Sie appellieren an Haltung, wo Entscheidungslogiken fehlen. Sie versuchen, Mindsets zu verändern, während die Organisation unverändert bleibt.

    Das erzeugt Zynismus.

    Wenn Menschen ständig aufgefordert werden, sich zu entwickeln, während sich ihre Arbeitsbedingungen nicht verändern, entsteht eine stille Entwertung. Veränderung wird dann zum Selbstzweck. Und New Work zur Fassade.

    Gerade deshalb ist der Begriff „Change Management“ so trügerisch. Veränderung lässt sich nicht managen wie ein Projekt. Change geschieht ohnehin – permanent, unplanbar, oft widersprüchlich.

    Organisationen können Veränderung nicht steuern. Aber sie können Bedingungen schaffen, unter denen Entwicklung wahrscheinlicher wird. Nicht durch Kontrolle, sondern durch Struktur. Nicht durch Motivation, sondern durch Klarheit.

    Wenn Beziehung Struktur ersetzt

    Doch genau hier beginnt eine weitere, oft übersehene Dynamik.

    Denn wenn Organisationen diese Strukturen nicht ausbilden, entsteht kein Vakuum. Systeme lassen Leerräume nicht offen. Sie füllen sie. Und sehr häufig füllen sie sie mit Beziehung. Was als Stärke beginnt, wird zur stillen Ersatzlösung.

    In vielen Organisationen wird Führung zunächst personalisiert gelebt. Entscheidungen werden im Gespräch getroffen, Probleme bilateral geklärt, Unsicherheiten durch Nähe abgefedert. Der Satz „Sprich mich einfach an“ steht für Pragmatismus, für Offenheit, für Verantwortungsübernahme.

    In frühen Phasen ist das hoch wirksam. Personalisierung macht schnell. Sie reduziert Reibung. Sie schafft Vertrauen. Doch mit wachsender Komplexität verändert sich ihre Funktion.

    Wenn Komplexität nicht mehr personalisierbar ist

    Mit zunehmender Größe entstehen Fragen, die nicht mehr situativ beantwortet werden können. Fragen nach Fairness, nach Zugehörigkeit, nach Vergleichbarkeit. Fragen, die nicht einzelne Fälle betreffen, sondern Muster.

    Und genau hier zeigt sich ein typisches Organisationsphänomen: Strukturelle Fragen werden weiterhin relational bearbeitet. Statt Entscheidungen zu formalisieren, werden sie personalisiert. Statt Regeln zu entwickeln, werden Gespräche geführt. Statt Klarheit zu schaffen, wird Nähe angeboten.

    Das wirkt verbindlich, ist es aber nicht.

    Denn Entscheidungen, die an Gespräche gebunden sind, existieren nur solange diese Gespräche stattfinden. Wird ein Termin verschoben, verschwindet auch die Entscheidung.

    Organisation wird situativ.

    Damit entsteht eine paradoxe Bewegung: Je mehr Beziehung eingesetzt wird, desto weniger Struktur entsteht. Je weniger Struktur entsteht, desto mehr Beziehung wird benötigt.

    Ein Kreislauf, der lange unauffällig bleibt.

    Die stille Entstehung von Kompensationsrollen

    In dieser Phase entstehen besondere Rollen. Menschen, die vermitteln, einordnen, erklären. Die Spannungen aufnehmen, bevor sie eskalieren. Sie übersetzen Erwartungen, moderieren Konflikte, stabilisieren den Alltag. Sie halten das System arbeitsfähig. Nicht, weil sie entscheiden dürfen. Sondern weil sie kompensieren, was nicht entschieden ist.

    Diese Rollen sind hoch engagiert. Und zugleich hoch gefährdet. Denn sie tragen Verantwortung ohne Entscheidungsprämissen. Sie sind Adresse für Fragen, ohne über die Grundlagen der Antworten zu verfügen.

    Das fühlt sich zunächst wie Wirksamkeit an. Später wie Erschöpfung. Nicht wegen Arbeitsmenge. Sondern wegen struktureller Unmöglichkeit.

    Organisation ernst nehmen: Entscheidungen statt Beziehung als Ersatzstruktur
    Beziehung kann Entscheidung ermöglichen – aber sie darf Entscheidung nicht ersetzen.

    Warum Organisation nicht über Personen funktionieren kann

    Organisationen funktionieren langfristig nicht über Personen, sondern über Entscheidungen. Beziehung kann Entscheidung ermöglichen, aber sie darf sie nicht ersetzen.

    Wo Personalisierung dauerhaft Struktur ersetzt, wird Führung fragil. Nicht aus Unfähigkeit, sondern aus Abhängigkeit. Das System wird abhängig von der Verfügbarkeit Einzelner.

    Orientierung entsteht nicht durch Regeln, sondern durch Präsenz. Das ist belastbar – solange alle da sind. Doch Organisation ist genau dafür da, auch dann zu funktionieren, wenn Personen wechseln, fehlen oder andere Prioritäten haben.

    Hier zeigt sich eine zentrale Unterscheidung organisationaler Reife: Nicht, ob Beziehungen gut sind. Sondern ob Entscheidungen unabhängig von Beziehungen gelten.

    Struktur ist nicht das Gegenteil von Menschlichkeit. Sie ist ihre Voraussetzung.

    Denn erst verlässliche Rahmenbedingungen ermöglichen es Menschen, Verantwortung zu übernehmen, ohne sich selbst zu verbrauchen. Erst klare Entscheidungslogiken machen Arbeit kalkulierbar. Erst tragfähige Organisation entlastet Beziehung.

    Der blinde Fleck vieler Debatten über neue Arbeit

    Vielleicht liegt genau hier der blinde Fleck vieler Debatten über neue Arbeit.

    Nicht zu wenig Haltung ist das Problem. Nicht zu wenig Motivation. Nicht zu wenig Sinn. Sondern die stille Erwartung, dass Menschen tragen sollen, was Organisation nicht entschieden hat.

    Wo Strukturen fehlen, springen Personen ein. Wo Regeln unklar bleiben, entsteht Beziehung. Wo Entscheidungslogiken nicht benannt sind, wird moderiert, vermittelt, erklärt.

    Das wirkt lange wie Engagement. Und wird oft auch so gelesen. Doch was hier entsteht, ist keine Stärke. Es ist eine Form der Überlastung, die sich leise tarnt. Denn Verantwortung, die dauerhaft an Personen gebunden bleibt, verbraucht genau das, was sie eigentlich schützen soll: Beziehung, Vertrauen und Verlässlichkeit.

    Organisationen werden dann nicht geführt, sondern getragen. Nicht entschieden, sondern kompensiert. Solange die richtigen Menschen verfügbar sind, funktioniert das. Fallen sie weg, zeigt sich, dass nicht Wissen fehlte, sondern Struktur.

    Wann Organisation wirklich beginnt

    Organisationelle Reife zeigt sich nicht darin, wie gut Gespräche geführt werden. Auch nicht darin, wie offen Führung wirkt. Sondern darin, ob Orientierung bestehen bleibt, wenn niemand spricht. Ob Entscheidungen gelten, auch ohne Nähe. Ob Rollen tragen, auch ohne Persönlichkeit.

    Struktur ist dabei kein Gegenentwurf zu Beziehung. Aber sie ist ihre Entlastung.

    Denn erst dort, wo Verantwortung nicht länger an Personen gebunden bleibt, entsteht Organisation im eigentlichen Sinn. Nicht als Regelwerk. Nicht als Methode. Nicht als Programm. Sondern als verlässlicher Rahmen, der Menschen erlaubt, Verantwortung zu übernehmen, ohne sich selbst zu verbrauchen.

    Vielleicht beginnt die Zukunft der Arbeit genau an dieser unspektakulären Stelle. Nicht dort, wo neue Begriffe eingeführt werden. Nicht dort, wo Leitbilder formuliert werden. Sondern dort, wo Organisation aufhört, von Menschen getragen zu werden und beginnt, Menschen zu tragen.

    Serie „Neue Arbeitswelt in der Steuerberatung“ – Folge 23


  • Folge 22: Vertrauen in Organisationen – ein Systemeffekt

    Warum Vertrauen mehr ist als ein gutes Gefühl

    Vertrauen in Organisationen gilt in vielen Unternehmen als weiches, beinahe esoterisches Element der Zusammenarbeit: ein Bonus, den man erhält, wenn man sich nett verhält. Tatsächlich aber ist Vertrauen weder ein “Gefühl”, das sich irgendwo einkaufen ließe, noch ein Bonus, den man sich mit rhetorisch geschliffener Kommunikation verdienen kann. Es ist kein Beziehungszauber und keine moralische Kategorie. Vertrauen ist eine systemisch emergente Größe. Es entsteht aus wiederholten Erfahrungen, aus klaren Strukturen sowie aus der Passung von Kommunikation, Handlung und Konsequenz. Vertrauen bildet sich, wenn Strukturen, Regeln, Rollen und Verantwortlichkeiten so gestaltet sind, dass sie Verlässlichkeit ermöglichen – nicht nur zwischen Personen, sondern innerhalb des sozialen Systems.

    Foto: Philipp Arnold, Berlin

    Die zentrale Frage lautet: Können Menschen sich darauf verlassen, dass das System hält, was es implizit verspricht? Wo Vertrauen in Unternehmen nur auf Lippenbekenntnissen basiert, entsteht eine paradoxe Realität: Es gibt formale Lob- und Feedbackmechanismen, aber keine strukturellen Bedingungen, die Vertrauen wirklich tragen. Wer sich nicht auf Absprachen, Prozesse und Führung verlassen kann, zieht sich früher oder später zurück – nicht aus Bequemlichkeit, sondern aus systemischem Selbstschutz. Vertrauen ist dann kein Ideal, sondern schlicht Voraussetzung für Beteiligung.

    Vertrauen in Organisationen ist kein Startkapital, sondern ein Ergebnis

    Vertrauen entsteht nicht im Kopf einzelner Individuen. Es bildet sich in sozialen Systemen – dort, wo die Realität verlässliche Muster zeigt:

    • Was angekündigt wird, geschieht tatsächlich.
    • Was versprochen wird, wird eingelöst.
    • Widersprüche zwischen Anspruch und Praxis werden nicht überdeckt, sondern bearbeitet.

    Menschen vertrauen nicht, weil sie es wollen, sondern weil das System ihnen wiederholt zeigt, dass sie sich darauf verlassen können. Wenn Aussagen und Taten im Einklang stehen, wächst Verlässlichkeit. Wenn hingegen wiederholt Inkonsistenzen auftreten, reagiert das System mit Misstrauen – nicht aus persönlicher Skepsis, sondern als funktionale Schutzreaktion gegenüber Irritation.

    Misstrauen ist dabei nicht das Gegenteil von Vertrauen. Es ist seine systemische Schwester: eine notwendige Antwort auf Rahmenbedingungen, die das Einlösen von Erwartungen strukturell verhindern. Es schützt – nicht aus Misstrauen gegenüber Menschen, sondern gegenüber einem System, das Erwartungen weckt, die es nicht erfüllen kann.

    Deshalb gilt: Wer Vertrauen ermöglichen will, muss keine Gefühle beeinflussen, sondern Bedingungen gestalten.

    Vertrauen und Kontrolle in Organisationen: eine Frage der Gestaltung

    Vertrauen und Kontrolle werden oft als Gegensätze gedacht: Entweder wir vertrauen oder wir kontrollieren. Doch systemisch betrachtet ist diese Unterscheidung eine falsche Alternative. Die zentrale Frage lautet nicht: Vertrauen oder Kontrolle? Sondern: Welche Form von Kontrolle schafft Vertrauen und welche zerstört es?

    Kontrolle, die Vertrauen ermöglicht, hat bestimmte Merkmale:

    • Sie ist transparent und nachvollziehbar.
    • Sie wird angekündigt und begründet.
    • Sie bezieht sich auf klare Zuständigkeiten.
    • Sie ist nicht willkürlich, sondern anschlussfähig an Aufgaben und Rollen.

    Kontrolle, die auf diese Weise gestaltet ist, wird nicht als Zeichen von Misstrauen erlebt. Sie stabilisiert Verlässlichkeit, schützt die Kooperation und unterstützt Verantwortung. Kontrolle ohne Begründung oder Kontrolle außerhalb des eigenen Wirkungskreises dagegen erzeugt das Gegenteil: Sie untergräbt Engagement, schwächt Verantwortungsbereitschaft und verankert ein Klima der Angst.

    Vertrauen beginnt deshalb nicht mit Lob oder Wohlwollen. Es beginnt dort, wo Menschen offen über Widersprüche sprechen dürfen, ohne dafür bestraft zu werden. Wo Spannungen zwischen Anforderung und Ressourcenausstattung, zwischen Führungsanspruch und organisationaler Realität nicht ignoriert, sondern systematisch bearbeitet werden.

    Vertrauen ist keine kommunikative Kulisse. Es ist das Resultat einer Architektur, die Konflikte nicht personalisiert, sondern kollektiv bearbeitbar macht. Genau darin liegt der Unterschied zwischen „Vertrauen zeigen“ und Vertrauen gestalten.

    Rollen, Verantwortung und Entscheidungsarchitektur als Grundlage für Vertrauen

    Vertrauen gedeiht nicht im luftleeren Raum. Es braucht Strukturen, in denen Rollen, Verantwortlichkeiten und Entscheidungsprozesse klar definiert und verlässlich verankert sind. In Organisationen, die auf Eigenverantwortung setzen, ohne die entsprechenden Entscheidungsbefugnisse zu übertragen, entsteht ein systemischer Widerspruch. Menschen werden aufgefordert, Verantwortung zu übernehmen – aber sie dürfen nicht entscheiden.

    Diese Inkongruenz wirkt zersetzend. Sie signalisiert Beteiligung, verweigert aber Einfluss. Das Ergebnis ist eine Vertrauensfalle: Engagement wird eingefordert, aber nicht unterstützt. Mut wird verlangt, aber nicht abgesichert.

    Vertrauen entsteht dort, wo:

    • Entscheidungsräume eindeutig und verständlich definiert sind.
    • Rollen nicht nur formal benannt, sondern gelebte Handlungsgrundlage sind.
    • Kommunikation Rückkopplung erlaubt – nicht nur im Sinne von Feedback, sondern im Sinne echter Anschlussfähigkeit.
    • Entscheidungen nicht einfach „weiter oben“ korrigiert werden, sondern dort verbleiben, wo sie gefällt wurden.

    Vertrauen ist kein Ergebnis individueller Großherzigkeit, sondern Ausdruck funktionierender Systemlogik. Es zeigt sich dort, wo Mitarbeitende wissen: Ich kann mich auf meine Rolle, mein Gegenüber und die Architektur der Organisation verlassen – nicht immer im Detail, aber im Prinzip.

    Feedback als Struktur: Vertrauen entsteht durch Anschlussfähigkeit

    In vielen Organisationen ist Feedback zu einem ritualisierten Bestandteil der Zusammenarbeit geworden.

    Es gibt Feedbackgespräche, 360-Grad-Bögen, Formate für Lob und Kritik. Doch die entscheidende Frage bleibt oft unbeantwortet: Welche Funktion hat Feedback im System?

    Feedback stärkt Vertrauen nur dann, wenn es nicht als Event, sondern als strukturelles Element verstanden wird. Es braucht eine Architektur, die Feedback nicht nur zulässt, sondern in die Entscheidungs- und Lernprozesse integriert:

    • Feedback muss anschlussfähig sein – es darf nicht im luftleeren Raum verhallen.
    • Feedback muss Konsequenzen erzeugen – nicht im Sinne von Sanktion, sondern im Sinne von Weiterentwicklung.
    • Feedback muss rückgekoppelt werden – wer eine Rückmeldung gibt, muss erfahren, wie damit umgegangen wurde.

    Wo Feedback bloß als ritualisierte Pflichtübung erfolgt, entsteht nicht Vertrauen, sondern Frustration. Denn nichts beschädigt Vertrauen so sehr wie der Eindruck, gehört – aber nicht ernst genommen zu werden.

    Vertrauen zeigt sich nicht in der Häufigkeit von Feedback, sondern in der Ernsthaftigkeit, mit der es behandelt wird. In Organisationen, die Vertrauen ermöglichen wollen, gehört Feedback nicht ins Format, sondern in die Struktur.

    Leistung und Vertrauen: Warum Einzelkämpfertum Vertrauen zerstört

    „Vertrauen muss man sich verdienen“ – dieser Satz klingt wie eine Binsenweisheit. Doch systemisch betrachtet ist er hochproblematisch. Denn er verkennt, dass Vertrauen nicht aus individueller Leistung allein entsteht, sondern aus der Art, wie Leistung im System sichtbar, wirksam und kontextualisiert wird.

    Leistung erzeugt Vertrauen nur dann, wenn sie eingebettet ist in ein verlässliches Bezugsgefüge:

    • Wenn Ziele klar und realistisch formuliert sind.
    • Wenn Leistungserwartungen transparent und konsistent kommuniziert werden.
    • Wenn gemeinsame Ergebnisse stärker zählen als individuelle Selbstdarstellung.
    • Wenn Erfolge rückgekoppelt und geteilt werden.

    In vielen Organisationen aber gilt: Wer sichtbar ist, wird belohnt. Wer Leistung zeigt, wird vereinzelt. Das erzeugt keine Vertrauenskultur, sondern Wettbewerb, Abschottung und Angst vor Fehlern.

    Vertrauen entsteht nicht durch Einzelkämpfer, sondern durch geteilte Verantwortung. Es entsteht, wenn Leistung nicht nur erbracht, sondern auch gemeinsam reflektiert und anerkannt wird – in einem System, das Kooperation stärkt und nicht Rivalität befeuert.

    Fehlertoleranz als Lackmustest für Vertrauen in Organisationen

    Der Umgang mit Fehlern ist einer der deutlichsten Indikatoren für Vertrauen in Organisationen. Denn dort, wo Fehlertoleranz nicht nur behauptet, sondern strukturell ermöglicht wird, zeigt sich, ob Vertrauen mehr ist als ein Lippenbekenntnis.

    Fehler sind in komplexen Systemen unvermeidlich. Sie sind keine Ausnahmen, sondern Ausdruck von Dynamik, Unsicherheit und ständiger Veränderung. Wer glaubt, Fehler vermeiden zu können, verkennt die Realität von Organisationen in bewegten Umfeldern.

    Deshalb ist die entscheidende Frage nicht: Wie vermeiden wir Fehler? Sondern: Wie gehen wir mit ihnen um?

    Eine organisationale Vertrauenskultur zeigt sich daran,

    • ob Fehler rückmeldbar sind, ohne Sanktion zu riskieren
    • ob Ursachen systemisch analysiert und nicht personalisiert werden
    • ob das System Lernprozesse zulässt – oder Schuldige sucht

    Fehlertoleranz heißt nicht Beliebigkeit. Sondern die Fähigkeit, Irritationen zu reflektieren, Abweichungen produktiv zu deuten und aus ihnen strukturelle Schlüsse zu ziehen. In dieser Haltung wird Vertrauen zur Ressource, die nicht nur Sicherheit gibt, sondern auch Innovation ermöglicht.

    Denn nur wer scheitern darf, kann auch Neues wagen. Und nur wer Vertrauen spürt, wird bereit sein, in Unsicherheit zu handeln.

    Vertrauen systemisch führen: Bedingungen statt Beziehungszauber

    In vielen klassischen Organisationen wird Vertrauen als Beziehungsleistung gedacht: Führungskräfte sollen Vertrauen „ausstrahlen“, Mitarbeitende „Vertrauen schenken“. Doch systemisch betrachtet greift diese Perspektive zu kurz. Vertrauen entsteht nicht zwischen Personen – es entsteht im System.

    Ein soziales System erzeugt Vertrauen dort, wo:

    • Rollen und Zuständigkeiten eindeutig geregelt sind
    • Entscheidungen nachvollziehbar und transparent getroffen werden
    • Rückkopplung institutionell verankert ist
    • Verantwortung nicht delegiert, sondern ermöglicht wird

    Führung bedeutet in diesem Kontext nicht, Vertrauen zu erzeugen – sondern Bedingungen zu schaffen, unter denen Vertrauen entstehen kann. Dazu gehört:

    • die Gestaltung klarer Entscheidungsräume
    • die Transparenz von Erwartungen, Zielen und Prozessen
    • der Schutz von Widerspruch und Kritik
    • das Aushalten von Spannungen, statt sie autoritär aufzulösen

    Vertrauen und Macht: Welche Verhältnisse verhindern Vertrauen?

    Vertrauen lässt sich nicht einfordern, ohne zugleich Macht zu teilen. Das ist die systemische Zumutung, die viele Organisationen scheuen. Sie wünschen sich Vertrauen von ihren Mitarbeitenden, ohne bereit zu sein, Entscheidungsbefugnisse, Ressourcen oder Einflussräume abzugeben. Doch Vertrauen entsteht nicht dort, wo Menschen es „verdienen“ sollen, sondern dort, wo Organisationen es ermöglichen.

    Das heißt konkret:

    • Wer Verantwortung zuschreibt, muss auch Entscheidungskompetenz übertragen.
    • Wer Partizipation verlangt, muss auch mit Divergenz umgehen können.
    • Wer Feedback einfordert, muss auch Rückwirkungen zulassen.

    Deshalb ist die Frage nicht: „Wie gewinnen wir Vertrauen?“ Sondern: „Welche Machtverhältnisse verhindern es?“

    Vertrauen ist ein Prozess: Konsistenz statt Einmalmaßnahme

    Vertrauen ist nicht wie ein Vertrag, den man einmal unterschreibt und dann dauerhaft besitzt. Es ist eine fragile, sich ständig verändernde Systemgröße, die immer wieder neu erzeugt, bestätigt und manchmal auch enttäuscht wird. Vertrauen stabilisiert sich durch Wiederholung – durch erlebte Konsistenz, nicht durch einmalige Maßnahmen.

    Deshalb genügt es nicht, „Vertrauen aufgebaut“ zu haben. Es muss täglich neu praktiziert werden – durch konsequente Entscheidungen, konsistente Kommunikation und strukturelle Anschlussfähigkeit. Vertrauen ist kein Zustand, sondern eine Praxis.

    Fazit: Vertrauen in Organisationen ist ein Architekturthema, kein Appell

    Vertrauen ist weder bloß ein Gefühl noch eine Frage von Charakter oder guter Absicht. Es entsteht nicht durch Reden über Vertrauen, sondern durch Strukturen, die Verlässlichkeit ermöglichen. Dort, wo Rollen klar sind, Entscheidungen nachvollziehbar und Kommunikation widerspruchsarm, kann Vertrauen wachsen – nicht als emotionaler Bonus, sondern als systemische Ressource.

    Organisationen, die Vertrauen als moralisches Ideal behandeln, verkennen seinen funktionalen Charakter.

    Denn Vertrauen ist kein weiches Thema, sondern ein harter Faktor: Es entscheidet über Geschwindigkeit, Qualität und Zukunftsfähigkeit.

    Vertrauen lässt sich nicht einfordern. Es lässt sich gestalten.

    Serie „Neue Arbeitswelt in der Steuerberatung“ – Folge 22


  • Warum ich mir einen KI-Assistenten gebaut habe, der mir widerspricht

    Und was Organisationsentwicklung daraus lernen kann

    KI in der Organisationsentwicklung wird aktuell meist in zwei Erzählungen verhandelt: Entweder sie macht uns effizienter. Oder kreativer. Beide Erzählungen sind nicht falsch – aber sie greifen zu kurz. Denn Organisationsentwicklung scheitert selten an fehlendem Wissen. Sie scheitert an unkorrigierter Wirksamkeit.

    Die eigentliche Gefahr: Personalisierung von Wirksamkeit

    In Organisationen passiert etwas Paradoxes: Menschen werden wirksam, weil sie Probleme lösen, Entscheidungen vorbereiten oder schlicht Dinge möglich machen, die sonst liegen bleiben würden. Diese Wirksamkeit wird geschätzt, weiter nachgefragt – und genau darin liegt die Falle.

    Was als temporäre Entlastung beginnt, wird schleichend zur informellen Zuständigkeit. Entscheidungen laufen nicht mehr über Strukturen, sondern über Personen. Abwesenheit erzeugt Reibung. Anwesenheit beruhigt. Das wird dann gern mit Begriffen versehen wie Leadership, Vertrauen oder Kultur.

    Aus systemischer Sicht ist es etwas anderes: eine funktionale Abkürzung mit Nebenwirkungen.

    Foto: Philipp Arnold, Berlin

    Mein Problem war nicht mangelnde Wirksamkeit

    Ich schreibe das nicht aus theoretischer Distanz. Mein Problem war nicht, dass ich mich nicht durchsetzen konnte. Es war das Gegenteil.

    Ich kann Machtspiele lesen. Ich kann Grauzonen nutzen. Ich habe kein Problem damit, Grenzen zu überschreiten, wenn es der Sache dient. Genau deshalb wurde mir etwas klar: Wenn jemand wie ich kein Korrektiv hat, wird Wirksamkeit schnell selbstreferenziell. Nicht aus bösem Willen, sondern aus Anschlusslogik.

    Warum ich mir keinen Coach, sondern einen Stab gebaut habe

    Ich habe lange überlegt, wie sich diese Dynamik frühzeitig unterbrechen lässt. Coaching hilft hier nur begrenzt – nicht, weil Coaches schlecht wären, sondern weil das Format selbst beziehungsabhängig ist. Genau das verstärkt oft die Personalisierung, die man eigentlich reduzieren will.

    Ich brauchte kein Gegenüber, das mich versteht. Ich brauchte eines, das mich stoppt.

    Also habe ich mir einen KI-Assistenten gebaut. Nicht als Orakel, nicht als Sparringspartner – sondern als Stabsassistent.

    Major Push: Übersetzung statt Spielerei

    Der Assistent trägt einen Namen: Major Push. Der Name ist keine Ironie. Er ist eine Übersetzung.

    Die Figur geht auf eine Erfahrung aus meiner Wehrdienstzeit zurück. Ein Major, der eine Regel brach – nicht aus Bequemlichkeit, sondern aus Haltung. Nicht freundlich. Nicht sentimental. Sondern klar. Autoritativ. Entwicklungsorientiert.

    Aus dieser Erinnerung wurde eine innere Referenz: Regelbruch ist legitim, wenn er Entwicklung ermöglicht. Er ist illegitim, wenn er Bequemlichkeit tarnt.

    Der KI-Assistent verkörpert genau das: wohlwollend streng. Loyal, aber nicht gefällig. Er schützt nicht mein Selbstbild. Er schützt Entwicklung.

    Der eigentliche Hebel: Architektur statt KI

    Der entscheidende Punkt war nicht die KI, sondern die Architektur. Ich habe mir eine interne Logik gebaut, die der Assistent zwingend nutzen muss:

    • Exit- und Rückbaulogiken: Woran erkenne ich, dass Macht wieder abgegeben werden muss?
    • Beschreibung realer Governance statt offizieller Organigramme
    • Frühwarnindikatoren für toxische Personalisierung
    • Übergangspunkte, an denen Macht in Struktur überführt oder bewusst zurückgebaut wird

    Keine Psychologie. Keine Motivationsrhetorik. Keine New-Work-Begriffe.

    Ernüchterndes Ergebnis: Oft gibt es gar kein Machtproblem

    Das Überraschendste war nicht, dass der Assistent mich häufig kritisiert hat. Sondern dass er es oft nicht tat. In vielen Situationen lautete die Antwort schlicht:

    „Kein Machtproblem.“

    Kurz. Trocken. Ohne Erklärung. Und genau dadurch wirksam.

    KI in der Organisationsentwicklung heißt nicht Automatisierung

    Was hier passiert, ist keine Automatisierung von Organisationsentwicklung. Es ist die Formalisierung von Selbstkritik.

    Der Nutzen liegt darin, blinde Flecken sichtbar zu machen, bevor Organisationen es tun. Bevor Übergangsmacht zur Dauerzuständigkeit wird. Bevor Freiheit zur Erwartung wird.

    KI ersetzt keine Organisationsentwicklung. Aber sie kann etwas leisten, wozu Menschen nur begrenzt fähig sind: Sie widerspricht ohne Beziehungsangst.

    Schlussgedanke

    Organisationen scheitern nicht an zu wenig Veränderung. Sie scheitern an zu viel ungeprüfter Wirksamkeit.

    Vielleicht ist KI dann am wertvollsten, wenn sie uns hilft, genau dort innezuhalten.


  • Folge 21: Vermögensungleichheit als Organisationsproblem

    Vermögensungleichheit in der Steuerberatung klingt nach einer gesellschaftlichen Debatte – ist jedoch vor allem ein Organisationsproblem. Denn Vermögensungleichheit wirkt nicht erst nach der Leistung, sondern davor: Sie bestimmt, welche Entscheidungen Mitarbeitende sich leisten können und welche Innovationen entstehen.

    Bevor ein Missverständnis entsteht: Dieser Essay ist kein moralisches Plädoyer, keine Gleichmacherei und keine Forderung nach pauschalen Lohnerhöhungen. Es geht um Funktionsfähigkeit, Innovation und die Frage, wie Vermögensungleichheit in der Steuerberatung strukturell wirkt.

    Warum Vermögensungleichheit in der Steuerberatung Leistung verzerrt

    Organisationen beobachten Leistung – aber selten die Voraussetzungen, unter denen Leistung möglich wird. Was sichtbar wird, sind Ergebnisse. Was unsichtbar bleibt, sind die Kosten der Entscheidung, die zu diesen Ergebnissen geführt hat. Genau hier wirkt Vermögensungleichheit in der Steuerberatung als Verzerrung:

    • Mut ist leichter, wenn Scheitern nicht existenziell ist.
    • Widerspruch kostet weniger, wenn Rücklagen existieren.
    • Innovation gelingt, wenn Irrtum finanziell tragbar ist.

    Leistung erscheint objektiv – ist aber strukturell selektiv. Organisationen registrieren Ergebnisse, nicht Voraussetzungen.

    Gehalt als Infrastruktur: Entscheidungsfreiheit vor Leistung

    Gehalt wird häufig als Belohnung verstanden. Doch aus organisatorischer Perspektive erfüllt Vergütung eine andere Funktion: Sie stellt Entscheidungsfreiheit her. Und diese Freiheit ist die Voraussetzung für Innovation. In unsicheren Umwelten entsteht Wettbewerbsfähigkeit nicht durch Sparsamkeit, sondern durch Risikoverteilung.

    Wenn Vermögensungleichheit in der Steuerberatung unreflektiert bleibt, entsteht eine stille Selektion der Vorsichtigen. Nicht die besten Ideen setzen sich durch, sondern die risikoärmsten Biografien.

    „Vermögen wirkt nicht nach der Leistung, sondern vor ihr. Es entscheidet, wer Irrtum überlebt.“

    Führung: Verantwortung heißt Risiko mittragen

    Future Leadership bedeutet nicht, Menschen zu motivieren – sondern Räume zu gestalten, in denen sie Entscheidungen verantworten können. Führung fragt nicht, warum niemand mutig ist, sondern für wen Mut wie teuer ist.

    Organisationen, die Innovation wollen, müssen Risiko zurückholen – und dürfen es nicht an einzelne delegieren. Genau deshalb ist Vermögensungleichheit in der Steuerberatung ein zentrales Führungs- und Organisationsdesign-Thema.

    HR & Organisationsentwicklung: Vergütung als strukturelle Entscheidung

    Personalentwicklung beginnt nicht bei Motivation, sondern bei Absicherung. Wer Innovationsfähigkeit will, muss:

    • Gehalt als strategische Ressource begreifen
    • Risikoverteilung sichtbar machen
    • Entscheidungsspielräume systematisch ermöglichen

    In diesem Sinne ist Vergütung keine Kostenstelle – sondern Infrastruktur für Innovationsfähigkeit.

    Fazit: Innovation scheitert selten an Ideen – sondern am Risiko, sie zu äußern

    Vermögensungleichheit in der Steuerberatung verzerrt Leistung, Mut und Innovation – nicht aus Absicht, sondern aus Struktur. Organisationen bezahlen immer für Innovation: explizit durch Absicherung oder implizit durch verpasste Chancen.

    Die zentrale Frage lautet deshalb nicht: Sind unsere Gehälter fair? Sondern: Welche Entscheidungen ermöglichen sie – und welche verhindern sie?

    Organisationen, die sich diese Frage stellen, gewinnen Entscheidungsfähigkeit zurück. Und damit Zukunftsfähigkeit.

    Serie „Neue Arbeitswelt in der Steuerberatung“ – Folge 21


  • Folge 20: Zwischen Applaus und Autonomie: Was Mitarbeitende wirklich stärkt

    Kommunikation und Selbstwirksamkeit in Organisationen: Zwischen Applaus und Autonomie, was Mitarbeitende stärkt

    Kommunikation und Selbstwirksamkeit in Organisationen sind zentrale Faktoren, die Mitarbeitende stärken und nachhaltige Motivation fördern. Ohne eine klare Kommunikationskultur und das Erleben von Selbstwirksamkeit können Unternehmen keine echte Partizipation, Orientierung oder Entwicklung ermöglichen. In meinem Buch Neue Arbeitswelt in der Steuerberatung widme ich diesem Thema ein ganzes Kapitel, weil Kommunikation weit mehr ist als reine Informationsweitergabe.

    Foto: Philipp Arnold, Berlin

    Kommunikation und Selbstwirksamkeit in Organisationen: Mehrdimensional und systemrelevant denken

    In vielen Organisationen ist Kommunikation top-down geprägt: Informationen fließen von oben nach unten, Entscheidungen werden verkündet. Dabei fehlt häufig der Rückkanal – die Bottom-up-Kommunikation als Feedback findet oft nur selektiv statt. Eine gelebte Kommunikationskultur in Organisationen, die Selbstwirksamkeit fördert, bedeutet aber Austausch auf allen Ebenen und stärkt Mitarbeitende.

    Feedback als Resonanzprozess für Kommunikation und Selbstwirksamkeit in Organisationen

    Feedback ist kein einseitiges Urteil, sondern ein dynamischer Resonanzprozess, der Kommunikation und Selbstwirksamkeit in Organisationen stärkt. Es verändert das System durch Irritationen, die Lernprozesse anstoßen. Nur dialogisches und sicheres Feedback fördert die Selbstwirksamkeit der Mitarbeitenden nachhaltig.

    Lob versus Selbstwirksamkeit: Was Kommunikation und Selbstwirksamkeit in Organisationen wirklich stärkt

    Lob allein schafft keine dauerhafte Motivation. Organisationen, die Kommunikation und Selbstwirksamkeit als Kern sehen, geben Mitarbeitenden echte Wirkungsmöglichkeiten. Selbstwirksamkeit entsteht durch Klarheit, Beteiligung und Vertrauen – nicht durch oberflächlichen Applaus.

    Fazit: Kommunikation und Selbstwirksamkeit in Organisationen als Schlüssel zum nachhaltigen Erfolg

    Organisationen, die Kommunikation und Selbstwirksamkeit als zentrale Kultur verstehen, schaffen Bedingungen, unter denen Mitarbeitende motiviert, engagiert und resilient sind. Nicht Lob motiviert, sondern die Möglichkeit, wirksam zu sein.

    Serie „Neue Arbeitswelt in der Steuerberatung“ – Folge 20


  • Palantir oder Holakratie? Wie Organisationen mit Entscheidungsüberforderung umgehen

    Entscheidungsarchitektur in Organisationen ist heute kein Randthema mehr, sondern eine Überlebensfrage. Organisationen stehen unter permanenter Entscheidungsüberforderung – und reagieren mit sehr unterschiedlichen Strukturangeboten. Palantir und Holakratie sind zwei scheinbar gegensätzliche Antworten auf dieselbe systemische Zumutung.

    Auf den ersten Blick könnten sie kaum weiter auseinanderliegen. Hier ein umstrittener US-Softwarekonzern, der Sicherheitsbehörden mit Analyseplattformen versorgt und sich offen zu einer harten Ordnungspolitik bekennt. Dort ein Organisationsmodell, das mit Selbstorganisation, klaren Rollen und verteilter Verantwortung wirbt.

    Und doch reagieren beide auf dieselbe Herausforderung: Entscheiden unter Bedingungen permanenter Überforderung.

    Die eigentliche Krise: Entscheidung statt Macht

    Moderne Organisationen leiden weniger an zu viel Macht als an zu viel Kontingenz. Zu viele Informationen. Zu viele Abhängigkeiten. Zu viele Erwartungen an Fehlerfreiheit.

    Die klassische Hierarchie versagt unter diesen Bedingungen nicht aus moralischen Gründen, sondern aus schierer Überlastung. Entscheidungen werden vertagt, vermieden oder in Verfahren ausgelagert.

    Genau hier setzen sowohl Palantir als auch Holakratie an. Sie zielen nicht auf bessere Entscheidungen, sondern auf Entlastung von Entscheidungszumutung.

    Vorstrukturierung statt Entscheidung

    Weder Palantir noch Holakratie automatisieren Entscheidungen im engeren Sinn. Sie automatisieren das, was der Entscheidung vorausgeht.

    • Palantir verbindet Daten, erkennt Muster, priorisiert Optionen.
    • Holakratie definiert Rollen, klärt Zuständigkeiten, formalisiert Prozesse.

    In beiden Fällen sinkt die Unwahrscheinlichkeit von Entscheidungen – nicht weil sie richtiger werden, sondern weil sie plausibler erscheinen.

    Das ist der eigentliche Gewinn. Und das eigentliche Risiko.

    Zwei Erzählungen – ein Mechanismus

    Die Unterschiede liegen weniger in der Struktur als in der Semantik:

    • Palantir operiert mit einer Ordnungserzählung: Sicherheit duldet keine Ambivalenz.
    • Holakratie operiert mit einer Emanzipationserzählung: Klarheit ersetzt Hierarchie.

    Strukturell geschieht in beiden Fällen dasselbe: Verantwortung wird in die Architektur verlagert.

    Der blinde Fleck formalisierter Freiheit

    Holakratie gilt als menschenzugewandt, Palantir als autoritär. Diese Unterscheidung beruhigt – greift aber zu kurz.

    Auch formalisierte Selbstorganisation erzeugt blinde Flecken. Wer scheitert, hat nicht falsch entschieden, sondern das System falsch angewendet.

    Macht verschwindet nicht. Sie wird unsichtbar.

    Wenn Systeme entscheiden

    Palantir zeigt, wie Demokratien Entscheidungsfähigkeit technisch zurückgewinnen wollen. Holakratie zeigt, wie Organisationen Entscheidungsfähigkeit organisatorisch absichern.

    Beides ist wirksam. Beides ist verführerisch. Und beides beantwortet dieselbe Frage unzureichend:

    Nicht: Wie werden wir entscheidungsfähiger?
    Sondern: Wie bleiben wir verantwortlich, während wir entscheiden?

    Die eigentliche Alternative

    Die Alternative liegt weder im Tool noch im Modell.

    Sie liegt in der bewussten Gestaltung von Entscheidungsräumen, die Ambivalenz nicht eliminieren, sondern aushalten:

    • Verantwortung bleibt sichtbar.
    • Strukturen bleiben irritierbar.
    • Technik darf widersprochen werden.
    • Macht wird benannt – nicht versteckt.

    Das ist anstrengender als Holakratie. Langsamer als Palantir. Aber es ist die einzige Form, die Freiheit nicht simuliert.

    Eine unbequeme Schlussbemerkung

    Palantir sagt: Vertraut den Daten.
    Holakratie sagt: Vertraut dem Prozess.

    Die entscheidende Frage lautet jedoch:

    Wo behalten wir das Recht, beidem zu misstrauen?

    Denn dort, wo Systeme unantastbar werden, beginnt nicht Effizienz.
    Dort beginnt Entmündigung.


  • Folge 19: Empowerment beginnt nicht beim Mindset, sondern bei der Struktur

    Empowerment in der Steuerberatung wird oft wie ein Mindset-Thema behandelt – als Frage von Haltung, Motivation oder „mehr Eigeninitiative“. Doch in der Praxis entscheidet nicht das Wollen, sondern das Design der Organisation: Strukturen, Prozesse und Regeln stärken Mitarbeitende – oder schwächen sie.

    Wenn Arbeitsstrukturen demotivieren, helfen keine Motivationsseminare. Wenn Prozesse Verantwortung erschweren, helfen keine Purpose-Plakate. Wer Empowerment ernst meint, muss tiefer ansetzen: bei den systemischen Rahmenbedingungen, die Selbstverantwortung überhaupt erst möglich machen.

    Foto: Philipp Arnold, Berlin

    Psychologisches Empowerment in der Steuerberatung braucht systemische Voraussetzungen

    Psychologisches Empowerment – also das Gefühl von Kompetenz, Selbstbestimmung, Bedeutsamkeit und Einfluss – entsteht nicht im luftleeren Raum. Es ist das Ergebnis struktureller Bedingungen: wie Aufgaben verteilt werden, wie Entscheidungen getroffen werden und wie Verantwortung gestaltet ist.

    Future Leadership heißt deshalb: Systeme so zu gestalten, dass sie Autonomie ermöglichen, Sinn stiften, Einfluss zulassen und echte Beteiligung fördern. Empowerment in der Steuerberatung ist kein Bonus für engagierte Einzelne, sondern eine Führungsaufgabe auf Organisationsebene.

    Strukturen schaffen Klarheit – nicht Kontrolle

    Strukturen werden oft mit Kontrolle verwechselt. Doch systemtheoretisch erfüllen sie eine andere Funktion: Sie schaffen Differenzierung und ermöglichen funktionales Zusammenwirken. Wenn Verantwortlichkeiten klar sind, Rollen gut definiert und Entscheidungswege nachvollziehbar, entsteht kein Chaos – sondern Handlungsfähigkeit.

    Ein gutes Strukturdesign fördert Selbstorganisation, indem es Orientierung gibt, ohne zu gängeln. Es reduziert Komplexität durch klare Erwartungen und schafft Räume, in denen sich Mitarbeitende sicher bewegen können. Empowerment heißt in diesem Sinne: klare Spielregeln für echte Verantwortung.

    Prozesse: Beteiligung ist Normalität – keine Störung

    Viele Organisationen betrachten Beteiligung als Ausnahme. Doch in dynamischen Kontexten ist sie Voraussetzung. Wenn Mitarbeitende Verantwortung übernehmen sollen, müssen Prozesse Mitsprache ermöglichen – nicht nur bei operativen Abläufen, sondern auch bei strategischen Entscheidungen.

    Dezentrale Entscheidungsspielräume, transparente Feedbackprozesse, kollaborative Formate – all das sind keine „weichen“ Themen, sondern harte Bedingungen für Engagement. Mitarbeitende, die beteiligt sind, denken mit. Und wer mitdenkt, identifiziert sich stärker mit dem, was entsteht.

    Kommunikation: Koordination durch Vertrauen

    Kommunikation in sozialen Systemen ist mehr als Information. Sie dient der Koordination von Erwartungen. Wo Kommunikation reflexiv ist – also Feedbackschleifen zulässt und Selbstkorrektur ermöglicht – wird sie zum Motor von Lernen und Anpassung.

    Vertrauen ist hier kein Gefühl, sondern ein Mechanismus: Es reduziert Unsicherheit, erleichtert Kooperation und erhöht die Resilienz des Systems. In vertrauensvollen Strukturen ist es wahrscheinlicher, dass Mitarbeitende Wissen teilen, Verantwortung übernehmen und sich einbringen – auch unter unsicheren Bedingungen.

    Kompetenz, Bedeutsamkeit, Selbstbestimmung und Einfluss sind gestaltbar

    Psychologisches Empowerment basiert auf vier Kernfaktoren – und alle sind gestaltbar:

    • Kompetenz entsteht durch Passung von Aufgaben, Lernmöglichkeiten sowie Anerkennung und Feedback.
    • Bedeutsamkeit wächst aus geteiltem Sinn, erlebter Wirksamkeit und Einbettung der Arbeit in ein größeres Ganzes.
    • Selbstbestimmung verlangt echte Wahlmöglichkeiten – etwa bei Arbeitszeiten, Rollen oder Methoden.
    • Einfluss entsteht, wenn Entscheidungen nicht nur kommuniziert, sondern gemeinsam getroffen werden.

    Diese Faktoren lassen sich nicht „einfordern“, sie müssen ermöglicht werden. Wer Mitarbeitenden zutraut, Verantwortung zu übernehmen, muss die Bedingungen dafür schaffen.


    Fazit: Empowerment ist ein Architekturthema

    Empowerment in der Steuerberatung beginnt nicht beim Mindset der Mitarbeitenden, sondern bei der Architektur der Organisation. Wer mehr Eigenverantwortung will, muss Verantwortung zumuten – nicht delegieren, sondern teilen. Wer mehr Engagement will, muss Beteiligung zulassen. Und wer mehr Innovation will, muss Unsicherheit aushalten.

    Kulturen der Angst entstehen selten aus böser Absicht, sondern aus unklaren Zuständigkeiten, intransparenten Prozessen und misstrauensbasierter Steuerung. Wer das ändern will, beginnt nicht bei der Haltung – sondern bei den Strukturen.

    Serie „Neue Arbeitswelt in der Steuerberatung“ – Folge 19


  • Unterwachung in der Steuerberatung

    Strukturelle Selbstbeobachtung in Organisationen

    Unterwachung in der Steuerberatung gewinnt zunehmend an Bedeutung – vor allem dort, wo Organisationen an die Grenzen ihrer eigenen Wahrnehmungs- und Verarbeitungsfähigkeit stoßen. In einer Branche, die stark auf Prozesse, Zuständigkeiten und Kontrolle setzt, bleibt eine entscheidende Frage oft unsichtbar: Wie beobachtet eine Kanzlei eigentlich sich selbst?

    Die operative Welt und ihre blinden Flecken

    Viele Kanzleien beschäftigen sich intensiv mit Führung, Verantwortlichkeiten und Prozessoptimierung. Doch die Unterwachung in der Steuerberatung – also die Fähigkeit, strukturelle Muster frühzeitig zu erkennen – bleibt oft verborgen. Organisationen sehen ihre Aktivität, aber nicht die Bedingungen, unter denen diese Aktivität entsteht.

    Luhmanns übersehenes Konzept: Unterwachung

    Niklas Luhmann beschreibt Unterwachung als eine Form der Selbstbeobachtung, die nicht formalisiert ist, aber für das Funktionieren sozialer Systeme unverzichtbar bleibt. Es geht nicht um Kontrolle von oben, sondern um die Fähigkeit, Muster zu erkennen, die sonst niemand sieht – ein blinder Fleck vieler Kanzleien.

    Der wiederkehrende Satz: „Wir sind nicht so weit, wie wir sein müssten.“

    Dieser Satz taucht in vielen Steuerberatungskanzleien regelmäßig auf. Er ist kein Vorwurf, sondern ein Strukturhinweis. Er zeigt: Das System produziert mehr Ereignisse, als es verarbeiten kann. Genau hier zeigt sich, warum Unterwachung in der Steuerberatung gebraucht wird.

    Wenn Aktivität Orientierung ersetzt

    Ohne Unterwachung entstehen hektische Reaktionen: Man löst Probleme, bevor klar ist, welches Problem überhaupt existiert. Man optimiert Prozesse, ohne die Entscheidungslogik zu hinterfragen. Der operative Druck ersetzt strukturelle Klarheit.

    Unterwachung als Perspektivwechsel

    Unterwachung betrachtet nicht das Verhalten einzelner Personen, sondern die Architektur, die Verhalten ermöglicht. Viele Konflikte in Kanzleien sind keine Persönlichkeitskonflikte, sondern Architektursymptome – fehlende Kopplungen, intransparente Erwartungen, unklare Entscheidungsketten.

    Konflikte als Hinweise auf strukturelle Blindstellen

    Beispiele:

    • Bereiche warten auf Informationen, die nie ankommen.
    • Entscheidungen werden getroffen, ohne mögliche Nebenwirkungen zu kennen.
    • Individuelle Kompensation ersetzt strukturelle Klarheit – und erzeugt Unruhe.

    Warum Unterwachung in der Steuerberatung unsichtbar bleibt

    Unterwachung taucht in keiner Stellenbeschreibung auf. Sie hat Wirkung ohne formale Macht. Sie ist leise, sensibel, analytisch. Und genau deshalb wird sie missverstanden – als Besserwisserei oder verdeckte Einflussnahme.

    Das eigentliche Risiko: Missverständnisse

    In Wahrheit handelt es sich um eine strukturielle Notwendigkeit: Jemand erkennt Muster, bevor sie sich verschärfen. Wer Unterwachung in der Steuerberatung betreibt, sorgt für Orientierung, nicht für Kontrolle.

    Strukturelle Intelligenz statt operativer Aktionismus

    Unterwachung stellt unbequeme, aber notwendige Fragen:

    • Wie sichtbar sind Verantwortlichkeiten?
    • Welche Schnittstellen erzeugen Reibung?
    • Welche Informationsflüsse fehlen?
    • Welche Erwartungen sind unausgesprochen, aber wirksam?

    Diese Fragen verhindern Eskalationen bevor sie entstehen. Nicht durch heroische Intervention, sondern durch strukturelle Wahrnehmung.

    Warum Unterwachung zur Zukunftskompetenz wird

    Je komplexer Steuerberatung wird, desto wichtiger ist strukturelle Selbstbeobachtung. Unterwachung in der Steuerberatung ermöglicht, sich selbst zu verstehen, bevor man sich verliert. Sie schafft die Voraussetzung dafür, komplexe Systeme erfolgreich zu führen, statt nur zu steuern.


    Fazit: Unterwachung als verborgene Führungsfunktion

    Unterwachung ist kein Luxus, sondern eine Kernkompetenz moderner Kanzleien. Sie stärkt strukturelle Intelligenz, reduziert Eskalationen und schafft Orientierung in wachsender Komplexität. Wer die Architektur der Zusammenarbeit versteht, gestaltet die Zukunft – nicht nur den Betrieb.


  • Folge 18: Wenn die Welt enger wird

    Wie wir mit unserer eigenen Wahrnehmung umgehen

    Visualisierung der Wahrnehmung in der Steuerberatung und Resonanzräume

    Die letzten Monate haben gezeigt, wie sehr sich die Wahrnehmung in der Steuerberatung und in vielen anderen Bereichen verändert. Nicht nur politisch, sondern auch in Teams und Organisationen wirkt es, als würde die Welt enger werden. Genau deshalb ist es entscheidend zu verstehen, wie wir Wirklichkeit beobachten – und wie unsere Wahrnehmung die Zusammenarbeit prägt.

    Werner Koller beschreibt diese Entwicklung als Reetablierung von Einflusszonen. Das lässt sich geopolitisch lesen – aber ebenso als Veränderung der Wahrnehmungslogiken in Organisationen. Wo Komplexität steigt, entsteht der Reflex zur Vereinfachung. Und diese Vereinfachung prägt besonders die Wahrnehmung in der Steuerberatung.

    Wie sich Wahrnehmung in der Steuerberatung verengt – lange bevor Systeme es merken

    Autoritäre Tendenzen entstehen nicht erst, wenn durchgegriffen wird. Sie beginnen, wenn Sprache enger wird, wenn Grautöne verschwinden und Deutungen alternativlos erscheinen. Diese Verengung betrifft auch die Wahrnehmung in der Steuerberatung, etwa wenn Teams Situationen überinterpretieren oder Ambivalenz durch einfache Narrative ersetzen.

    Diese Dynamik zeigt sich überall: im politischen Diskurs, in wirtschaftlichen Debatten und in Steuerkanzleien, die zunehmend mit Unsicherheit umgehen müssen.

    Warum Beobachtung nie rein individuell ist – und was das für die Steuerberatung bedeutet

    Wahrnehmung ist immer sozial. Auch die Wahrnehmung in der Steuerberatung entsteht durch Kommunikation, Routinen und geteilte Deutungen. Wir erzeugen Wirklichkeit, indem wir sprechen – und indem wir entscheiden, was wir ausblenden.

    Gerade deshalb reicht individuelle Reflexion nicht aus. Es braucht Räume, in denen unterschiedliche Beobachtungen sichtbar werden dürfen, ohne sofort bewertet zu werden.

    Warum ein Resonanzraum nötig wird – und kein weiterer Arbeitskreis

    Ich möchte einen Ort schaffen, an dem man nicht Meinungen verhandelt, sondern die Formen, in denen wir Meinungen bilden. Ein Ort, der bewusst die Wahrnehmung in der Steuerberatung erweitert, statt sie enger zu machen. Ohne moralischen Überdruck. Ohne intellektuelle Selbstbestätigung. Ohne Zynismus.

    Es soll ein kleines Beobachtungslabor werden – ein Resonanzraum für präzises Denken. Kein Safe Space. Ein Clear Space.

    Eine Einladung – an wenige, aber an die Richtigen

    Wenn dich dieser Text nicht nur intellektuell, sondern persönlich anspricht – wenn du die aktuelle “Enge” in deiner Wahrnehmung spürst und bereit bist, eigene Muster zu irritieren – dann melde dich gern.

    Ich halte die Gruppe bewusst klein. Ein Resonanzraum entsteht nicht durch Zahl, sondern durch Passung.

    In einer Zeit, in der vieles enger wird, möchte ich einen Ort schaffen, der differenzierter wird.

    Vielleicht ist das eine Zumutung. Vielleicht ist es genau das, was wir brauchen.

    Serie „Neue Arbeitswelt in der Steuerberatung“ – Folge 18