Wenn Kanzleien heute über Transformation sprechen, meinen sie oft sichtbare Stellschrauben: neue Software, optimierte Prozesse, modernere Führung. Das klingt vernünftig – und greift doch zu kurz. Denn die größten Beharrungskräfte einer Organisation liegen selten in ihrer Struktur. Sie liegen in ihrer Kultur – in jenen unsichtbaren Erwartungen, Haltungen und Mustern, die alles steuern, ohne dass es jemand merkt.

Foto: Philipp Arnold, Berlin
Kultur als unsichtbare Ordnung
Kultur wirkt wie eine unsichtbare Hand. Sie muss nicht befohlen werden, sie wiederholt sich. Durch Rituale, Erwartungen und das, was als „normal“ gilt. Diese Normalität ist nicht neutral – sie ist das Ergebnis von Geschichte, Erfahrung und Kontext. Und sie hat enorme Kraft, Neues zu verhindern – selbst dann, wenn Veränderung gewollt ist.
Warum Veränderungsbemühungen oft scheitern
Wenn Transformationsprojekte in Kanzleien scheitern, liegt das selten an fehlender Einsicht oder falschen Zielen. Viel häufiger kollidieren sie mit kulturellen Grundüberzeugungen. Nicht das Konzept ist das Problem, sondern der Widerspruch zwischen Neuem und dem, was als selbstverständlich gilt.
In der Steuerberatung zeigt sich das in den Reaktionen auf Hierarchie, Fehler oder Geschwindigkeit. Wer gelernt hat, dass Exaktheit über allem steht, wird sich mit agiler Improvisation schwertun. Wer für Loyalität belohnt wurde, empfindet Eigenverantwortung oft nicht als Chance, sondern als Bedrohung. Kultur in der Steuerberatung ist also nicht weich – sie ist das Harte im System.
Widerstände sind systemlogisch – nicht böse
Widerstand gegen Veränderung ist kein Zeichen von Rückständigkeit. Er ist meist der Versuch des Systems, seine eigene Funktionslogik zu schützen. Wer diese Logik ignoriert, erzeugt Reibung – und scheitert an der Oberfläche.
Systemisches Denken hilft hier, nicht zu moralisieren, sondern zu verstehen. Statt Mitarbeitende zu belehren, lohnt es sich, Muster zu beobachten: Wie wird Zugehörigkeit erzeugt? Welche Konflikte sind tabuisiert? Was gilt als „gute Arbeit“ – und was nicht?
Warum klassisches Change Management oft ins Leere läuft
Klassische Veränderungsprogramme behandeln Organisationen wie Maschinen. Man definiert ein Ziel, stellt Hebel um – und wundert sich über die Trägheit des Systems. Doch Organisationen sind keine Maschinen. Sie sind Sinnsysteme. Und die verändern sich nicht durch Anweisung, sondern durch Irritation – durch die Erfahrung, dass das Alte nicht mehr trägt.
In der Praxis bedeutet das: Veränderung braucht Räume, in denen neue Muster entstehen dürfen. Ohne Sofortbewertung, ohne Anpassungsdruck, ohne Effizienzerwartung. Solche Räume sind selten – und doch sind sie der eigentliche Ort von Wandel.
Steuerkanzleien in der Kulturfalle
Viele Kanzleien erleben heute eine paradoxe Situation: Sie wissen, dass sich die Welt verändert. Sie spüren, dass ihr Geschäftsmodell unter Druck gerät. Und doch reagieren sie mit Verfestigung statt Öffnung. Sie sichern das Bestehende – und verlieren den Anschluss.
Die Frage ist nicht, ob das verständlich ist. Natürlich ist es das. Die Frage ist, ob es klug ist. Wer Wandel will, muss nicht nur Strukturen verändern, sondern auch die Kultur in der Steuerberatung beobachten – und die eigenen blinden Flecken ernst nehmen.
Die Einladung zur Selbstbeobachtung
In Folge 10 ging es um New Work als kulturelle Einladung zur Selbstreflexion. Diese Idee führt sich hier fort: Veränderung beginnt nicht mit Maßnahmen, sondern mit Beobachtung. Wer sich selbst als lernfähiges System versteht, entdeckt Handlungsspielräume – nicht durch Kontrolle, sondern durch Dialog.
Der Wandel beginnt mit einer Frage: Welche kulturellen Muster verhindern das, was strukturell längst möglich wäre? Diese Frage zu stellen, ist kein Zeichen von Schwäche. Es ist der erste Schritt zu echter Veränderung.
Fazit: Kulturarbeit ist Organisationsarbeit
Wer Veränderung in Kanzleien gestalten will, muss die verborgene Ordnung verstehen, die sie stabil hält. Kultur in der Steuerberatung ist kein Beiwerk – sie ist das Fundament. Nur wer sie bewusst gestaltet, kann nachhaltig transformieren. Veränderung entsteht nicht durch Druck, sondern durch Einsicht. Nicht durch Vorgabe, sondern durch Beziehung.
Wie erlebst du kulturelle Dynamiken in deiner Kanzlei? Teile deine Beobachtungen, Fragen oder Widersprüche unten in den Kommentaren – oder vernetze dich mit mir auf LinkedIn, um den Dialog über Wandel und Kultur in der Steuerberatung fortzuführen.
Serie „Neue Arbeitswelt in der Steuerberatung“ – Folge 11
