Folge 9: Komplexität in der Steuerberatung

Warum neue Beratungsformen nötig sind

Komplexität in der Steuerberatung ist längst zur neuen Normalität geworden. Märkte verändern sich ohne Vorwarnung, Mandantenbedürfnisse widersprechen einander, Teams arbeiten hybrid, agil und zugleich stabil. Doch viele Kanzleien versuchen immer noch, diese Dynamik mit den Werkzeugen der Vergangenheit zu bewältigen – und stoßen dabei an Grenzen.

Komplexität in der Steuerberatung: Neue Formen von Führung, Beratung und Zusammenarbeit sind gefragt
Foto: Philipp Arnold, Berlin

Jenseits der Steuerung – eine neue Realität

Es war lange einfach: Eine Anfrage, eine Antwort. Ein Gesetz, ein Kommentar. Ein Fehler, eine Korrektur. Steuerberatung galt als Welt der Klarheit und Planbarkeit. Doch diese Vorstellung bröckelt – nicht, weil sie falsch war, sondern weil sie nicht mehr trägt.

Die Systeme, in denen sich Kanzleien bewegen, sind heute keine Maschinen mehr, sondern lebendige Netzwerke. Alte Muster, die einst Sicherheit gaben, erzeugen heute Verwirrung. Die Realität ist nicht kompliziert, sondern komplex – und verlangt neue Formen von Denken, Führung und Beratung.

Kompliziert war gestern – heute ist komplex

Kompliziertes lässt sich lösen, wenn man genug weiß. Komplexes dagegen verändert sich, während man es betrachtet.

In der Steuerberatung bedeutet das: Mandanten denken morgen anders als heute, Märkte verschieben sich über Nacht, Teams reagieren nicht linear auf Vorgaben. Hier gibt es keine „richtigen“ Antworten – nur tragfähige Haltungen.

Viele Kanzleien verwechseln Komplexität mit Kompliziertheit. Sie versuchen, sie zu managen – und produzieren dabei Frust. Denn wer Komplexität steuern will wie ein Uhrwerk, verliert Resonanz.

Wenn Steuerung zur Illusion wird

Das Bedürfnis nach Kontrolle ist verständlich. Steuerberater:innen tragen Verantwortung – für Zahlen, Fristen und Haftung. Doch dieses Bedürfnis führt oft zu einem Reflex: Komplexität wird reduziert, Rückmeldungen vereinfacht, Kommunikation standardisiert. Entscheidungen wandern nach oben – oder nach außen.

Was dabei verloren geht, ist das Lebendige: die Dynamik zwischen Menschen, Anliegen und Spannungen. Beratung ist kein mechanischer Prozess, sondern ein Resonanzgeschehen. Was zwischen Kanzlei und Mandant entsteht, lässt sich nicht planen – nur ermöglichen.

Der blinde Fleck der Expertise

Systemisches Denken eröffnet hier eine neue Perspektive. Nicht die Lösung zählt, sondern die Passung zwischen Problem, Kontext und Haltung. Nicht: „Wie lösen wir das effizient?“, sondern: „Was ist hier eigentlich das Problem?“

Viele Kanzleiprobleme sind keine Sachfragen, sondern Sinnfragen. Keine Fehler, sondern Symptome. Wer reflexhaft optimiert, zementiert das Alte – und verhindert Entwicklung.

Neue Führung für neue Realität

Führung in der neuen Arbeitswelt heißt nicht mehr, Kontrolle zu garantieren. Sie heißt: Bedingungen zu schaffen, unter denen gute Entscheidungen möglich sind – unter Unsicherheit, in Ambivalenz, ohne Garantie.

  • Räume für Reflexion statt reine Umsetzung
  • Mut, Nichtwissen zuzulassen – auch als Führungskraft
  • Interdisziplinäre Teams mit gemeinsamer Verantwortung
  • Vertrauen in Prozesse, die nicht planbar, aber gestaltbar sind

Beratung wird so nicht delegiert, sondern geteilt. Verantwortung ist nicht verteilt, sondern verbunden.

Steuerberatung neu denken – mit der Wirklichkeit statt gegen sie

Kanzleien, die Komplexität annehmen, entdecken neue Möglichkeiten: Sie werden zu Sparringspartnern, zu Entwicklungsräumen, zu Orientierungsgebern. Das erfordert kein Bruch mit der Vergangenheit, sondern Bewusstsein dafür, wo alte Strukturen nicht mehr tragen.

Wer aufhört, von Steuerung zu sprechen, beginnt, Gestaltung zu denken. Wer Sicherheit loslässt, schafft Vertrauen. Und wer Komplexität nicht mehr fürchtet, beginnt, in Beziehungen zu denken.

In Folge 8 haben wir beschrieben, warum Theorie nur dann wirksam ist, wenn sie anschlussfähig bleibt. Dieses Denken setzt sich hier fort: Kanzleien müssen weniger steuern – und mehr verstehen.


Fazit: Komplexität in der Steuerberatung annehmen statt bekämpfen

Komplexität in der Steuerberatung ist kein Problem, das gelöst werden muss, sondern eine Realität, die gestaltet werden will. Sie fordert neue Beratungsformen, neue Führung und eine neue Haltung. Denn wer heute noch glaubt, Komplexität mit Exaktheit „in den Griff“ zu bekommen, wird morgen merken: Nicht das Wissen war zu wenig, sondern das Zuhören.

Wie geht deine Kanzlei mit Komplexität um? Teile deine Gedanken und Erfahrungen unten in den Kommentaren oder vernetze dich mit mir auf LinkedIn – denn die Zukunft der Steuerberatung entsteht im Austausch, nicht im Alleingang.

Serie „Neue Arbeitswelt in der Steuerberatung“ – Folge 9