Folge 8: Systemtheorie in der Steuerberatung – Warum kluge Begriffe oft keine Wirkung entfalten

Systemtheorie in der Steuerberatung klingt für viele nach abstrakter Wissenschaft. Doch im Kern geht es um Kommunikation, Orientierung und Wirksamkeit – Themen, die in jeder Kanzlei täglich relevant sind. Warum aber entfalten kluge Begriffe so oft keine Wirkung? Und wie lässt sich Theorie so übersetzen, dass sie in der Praxis ankommt?

Systemtheorie trifft Praxis – Kommunikation als Schlüssel zu Wirksamkeit
Foto: Philipp Arnold, Berlin

Wenn Theorie an Sprache scheitert

Neulich bin ich in einer Facebook-Gruppe gelandet, die sich dem Werk von Niklas Luhmann widmet. Ich hatte einen Beitrag kommentiert – vielleicht etwas laienhaft formuliert, vielleicht nicht ganz akademisch präzise. Aber offen und interessiert. Die Reaktion kam prompt: Ein Professor, brillant und gelehrt, machte mir deutlich, dass mein Verständnis von Systemtheorie zu profan sei. Dass ich Begriffe wie Kommunikation, Umwelt oder Funktion nicht im richtigen Sinn verwende.

Was da passierte, war aufschlussreicher als jede Fußnote bei Luhmann selbst. Es war ein Paradebeispiel dafür, was geschieht, wenn Theorie sich selbst zum Selbstzweck erhebt – und Kommunikation zur Eintrittskarte wird, statt zur Einladung.

Wenn Theorie sich gegen Anschluss immunisiert

Systeme, so Luhmann, reproduzieren sich durch Kommunikation. Doch was, wenn diese Kommunikation so gebaut ist, dass sie keine Abweichung duldet? Wenn Theorie zum Distinktionsmerkmal wird, statt zum Werkzeug für gemeinsame Erkenntnis?

Viele systemtheoretische Diskurse leiden an genau dieser Struktur. Sie wirken offen, setzen aber implizit ein Sprachspiel voraus, das nur Eingeweihte verstehen. Der Preis: Theorie verliert Anschlussfähigkeit – und mit ihr die Möglichkeit, in Organisationen tatsächlich wirksam zu werden.

Systemtheorie trifft Praxis: Der Blick aus der Steuerberatung

Ich komme aus der Praxis. Genauer gesagt: aus der Organisationsentwicklung in der Steuerberatung – einer Branche, die selten theoriefreundlich ist. Wenn man dort Begriffe wie „Selbstreferenz“, „Komplexitätsreduktion“ oder „Entscheidungskommunikation“ einbringt, folgt meist höfliches Nicken – und inneres Aussteigen.

Deshalb habe ich eine Speaker-Ausbildung gemacht. Nicht, um Entertainer zu werden, sondern um zu lernen: Wirksamkeit braucht Narrative. Nicht zur Vereinfachung, sondern zur Übersetzung. Theorie muss anschlussfähig werden – sonst bleibt sie ein Zitat ohne Resonanz.

Systemtheorie als Werkzeug, nicht Elfenbeinturm

Systemtheorie ist kein Elfenbeinturm. Sie ist ein Werkzeugkasten für reale Probleme – vorausgesetzt, man bekommt ihn auf. Sie hilft, Organisationen als lebendige Systeme zu verstehen, nicht als Maschinen. Aber nur, wenn man sie kommunizieren kann. Verständlich, präzise, ohne Arroganz.

In Folge 7 haben wir beschrieben, warum Orientierung in unsicheren Zeiten eine Denkaufgabe ist – nicht eine Frage von Tools. Diese Perspektive ist auch hier zentral: Theorie darf nicht trennen, sie muss verbinden.

Mein Plädoyer: Systemtheorie anschlussfähig machen

Ich möchte Systemtheorie anschlussfähig machen. Nicht populistisch, nicht flach – aber wirksam. Keine semantische Vereinfachung, sondern funktionale Übersetzung. Für Steuerkanzleien, für Führungskräfte, für Menschen, die in Organisationen handeln müssen und nicht nur über sie nachdenken.

Wer Systemtheorie in der Steuerberatung ernst nimmt, muss auch die Diskurse selbst verändern: weg von Selbstbespiegelung, hin zur Irritationstoleranz. Weg von akademischer Selbstvergewisserung, hin zur Bereitschaft, andere Weltzugänge als gleichwertig zu betrachten.

Vielleicht beginnt Verständigung nicht mit der perfekten Begriffswahl – sondern mit dem Willen, andere ernst zu nehmen, bevor man sie korrigiert.

Wie gehst du mit Theorie und Praxis um?

Wie gehst du damit um, wenn Theorie und Praxis sprachlich aneinander vorbeilaufen? Kennst du diese Momente zwischen Faszination und Frustration – in Systemtheorie, Soziologie oder Philosophie?

Ich freue mich auf Resonanz, Nachfragen und Widerspruch. Teile deine Gedanken in den Kommentaren oder vernetze dich mit mir auf LinkedIn – denn echte Anschlussfähigkeit entsteht im Dialog.

Serie „Neue Arbeitswelt in der Steuerberatung“ – Folge 8