Folge 33: Kommunikation ist erstmals in der Menschheitsgeschichte ein echter Wertschöpfungsfaktor

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Kommunikation als Wertschöpfungsfaktor bedeutet: Sie ist nicht mehr nur Begleitmusik der Arbeit, sondern Teil der Wertschöpfung selbst. Gerade deshalb gebührt ihr viel Aufmerksamkeit. Wer Kommunikation für einen Softfaktor hält, steht bald auf dem Abstellgleis.

Foto: Philipp Arnold, Berlin

Viele Organisationen glauben, sie hätten ein Kommunikationsproblem. Die Website passt nicht mehr zu dem, was man geworden ist. Der LinkedIn-Auftritt wirkt beliebig. Das Employer Branding bleibt an der Oberfläche. Die Recruiting-Kommunikation klingt austauschbar, egal wie oft man sie überarbeitet. Und intern wird es paradoxerweise nicht einfacher, sondern komplizierter, je mehr man kommuniziert. Irgendwann fällt in der Runde der Satz, der so vernünftig klingt: „Wir müssen klarer kommunizieren.“

Auf den ersten Blick stimmt das. Es sieht aus wie ein Problem des Sagens.

Warum Kommunikation als Wertschöpfungsfaktor so schwer fällt

Wenn Kommunikation aber tatsächlich zum Wertschöpfungsfaktor geworden ist, lohnt sich eine unbequeme Frage: Woran liegt es, dass sie so vielen Organisationen gerade jetzt schwerfällt – wo doch alle wissen, dass sie wichtiger ist denn je?

Bei genauerer Betrachtung zeigt sich oft etwas anderes. Die Organisation weiß selbst noch nicht klar genug, wie sie sich beschreiben soll. Nicht im Sinne eines Claims oder einer Positionierung, sondern in einem tieferen Sinn:

  • Was sind wir eigentlich?
  • Wodurch erzeugen wir Wert?
  • Wie entscheiden wir?
  • Was versprechen wir, und was können wir wirklich halten?
  • Was bleibt lokal, was wird gemeinsam?
  • Welche Begriffe verwenden wir und welche Erwartungen lösen sie aus?

Das sind keine Marketingfragen. Es sind Fragen der Selbstbeschreibung. Und solange sie offen sind, lässt sich keine Formulierung finden, die wirklich trägt.

Kommunikation ist nicht nur Oberfläche

Wir behandeln Kommunikation gern als Lackschicht: außen aufgetragen, leicht zu erneuern, im Zweifel eine Frage des Geschmacks. Das unterschätzt, was Kommunikation tatsächlich tut. Sie zwingt eine Organisation, sich in Worte zu fassen. Und in dem Moment wird sichtbar, welche Selbstbeschreibung bereits tragfähig ist und welche nicht.

Ein Text, der nicht funktioniert, ist deshalb selten ein Textproblem. Er ist oft ein ehrlicher Befund. Wo eine Aussage sich nicht festlegen lässt, ist meist die dahinterliegende Entscheidung noch nicht getroffen. Kommunikation ist in diesem Sinne kein Spiegel, den man poliert, sondern ein Diagnoseinstrument, das man ungern liest. Sie macht messbar, wie weit eine Organisation mit sich selbst im Reinen ist.

Marketing kann Identität nicht ersetzen

Hier liegt ein verbreitetes Missverständnis. Man hofft, Marketing könne herstellen, was man selbst noch nicht entschieden hat. Es kann das nicht – und es soll es auch nicht.

Marketing kann übersetzen, verdichten und sichtbar machen. Es kann etwas Vorhandenes auf den Punkt bringen und ihm eine Form geben, die andere verstehen. Was es nicht kann, ist entscheiden, was die Organisation ist. Diese Entscheidung lässt sich nicht delegieren, auch nicht an die beste Agentur und nicht an die treffendste Wortwahl.

Wenn Kommunikation diese Lücke füllen soll, entsteht etwas, das man im Markt sofort spürt: glatt, aber leer. Professionell gemacht und trotzdem austauschbar. Nicht weil die Handwerker schlecht waren, sondern weil ihnen die Substanz fehlte, die nur aus der Organisation selbst kommen kann.

Wer mehr verspricht, als die Struktur trägt, macht Schulden

Jede Außendarstellung erzeugt Erwartungen. Das ist ihr Sinn. Problematisch wird es, wenn die Erwartung größer ist als das, was die Strukturen tatsächlich einlösen können. Dann entsteht etwas, das man als Erwartungsschuld beschreiben kann – ein Versprechen, das auf Zukunft ausgestellt ist, ohne dass jemand die Deckung geprüft hat.

Besonders teuer wird diese Schuld bei den großen Themen: Arbeitgebermarke, Kultur, Führung, Integration, Wachstum, Transformation. Wer als Arbeitgeber Entwicklung und Nähe verspricht, aber keine Strukturen hat, die Entwicklung und Nähe verlässlich erzeugen, gewinnt Bewerbende mit einem Bild, das die Realität nicht hält. Die Enttäuschung kommt dann nicht beim ersten Klick, sondern in der Probezeit. Und sie kostet mehr als jede nicht besetzte Stelle.

Kommunikation, die Erwartungen weckt, die die Organisation nicht bedienen kann, schadet stärker als gar keine Kommunikation. Sie verbrennt Vertrauen, das man nur einmal hat.

Hier lohnt eine nüchterne Unterscheidung, bevor man zur großen Erklärung greift. Nicht jede Lücke zwischen Anspruch und Wirklichkeit ist ein Strukturproblem. Manchmal ist es ein Kommunikationsproblem – man sagt etwas ungeschickt. Manchmal ein Kompetenz- oder Kapazitätsproblem – man könnte, hat aber gerade nicht die Leute oder die Zeit. Manchmal ein Führungsproblem – eine Entscheidung wird vermieden. Und manchmal eben doch ein Strukturproblem.

Die ehrliche Diagnose, welcher Fall vorliegt, ist die eigentliche Arbeit. Sie vorschnell zu überspringen, ist selbst eine Form von Unklarheit.

Der Moment der Reife

Es gibt einen Punkt, an dem sich der Umgang mit Kommunikation verändert. Sie wird nicht mehr nur als Außendarstellung behandelt, die man möglichst gut hinbekommen will, sondern als Anlass zur Selbstbeobachtung.

Die Frage verschiebt sich. Sie lautet nicht länger: „Wie sagen wir es besser?“, sondern: „Stimmt das, was wir sagen wollen, mit dem überein, was wir tatsächlich entscheiden, leisten und verantworten können?“

Das ist ein unbequemer Moment, weil er die Schuld nicht mehr nach außen verlagert. Es ist nicht die Agentur, nicht der Kanal, nicht die Zeit. Es ist die eigene Unentschiedenheit, die sichtbar wird. Genau das macht diesen Moment aber wertvoll. Eine Organisation, die ihre Kommunikation als Rückmeldung über sich selbst lesen kann, hat ein Instrument gewonnen, das ihr niemand sonst gibt.

Gute Kommunikation beginnt mit Entscheidungen

Daraus folgt etwas, das der üblichen Reihenfolge widerspricht. Gute Kommunikation beginnt nicht mit Formulierungen. Sie beginnt mit Entscheidungen.

Welche Begriffe wollen wir verwenden und sind wir bereit, das zu sein, was diese Begriffe behaupten? Welche Versprechen dürfen wir geben, weil wir wissen, dass unsere Strukturen sie tragen? Welche Erwartungen wollen wir bewusst auslösen, und welche Realität stellen wir dafür bereit?

Erst wenn diese Fragen beantwortet sind, ist Formulierung der einfache Teil. Worte für eine getroffene Entscheidung zu finden, ist Handwerk. Worte für eine nicht getroffene Entscheidung zu suchen, ist ein Ringen ohne Ende. Genau dieses Ringen erleben viele Teams – und halten es für ein Kommunikationsproblem.

Was die Unklarheit eigentlich sagen will

Deshalb lohnt es sich, beim nächsten „Wir müssen klarer kommunizieren“ kurz innezuhalten und eine andere Frage zuzulassen.

Manchmal ist ein Kommunikationsproblem wirklich nur ein Kommunikationsproblem – dann hilft eine bessere Formulierung, und gut ist. Aber manchmal ist es etwas anderes. Es ist der höfliche, leicht zu überhörende Hinweis darauf, dass eine Organisation nicht an ihren Worten arbeiten muss, sondern an ihrer Selbstbeschreibung.

Wer erkennt, dass Kommunikation als Wertschöpfungsfaktor immer auch Rückmeldung über Struktur und Entscheidungen ist, spart sich die dritte Überarbeitung des Textes und beginnt mit der ersten Klärung der Sache.