Dieser Satz ist mir vor Kurzem in einem Gespräch herausgerutscht. Er war weder als Rechtfertigung noch als Entschuldigung gemeint. Trotzdem ist er mir nachgegangen, vielleicht gerade deshalb, weil er zunächst so banal klingt und die eigene Betroffenheit darin sichtbar wird.
Ich beschäftige mich beruflich viel mit Organisationen und mit der Frage, wie Menschen in ihnen unter Bedingungen handeln, die sie selbst nur begrenzt überblicken können. Mich interessieren Entscheidungswege, Rollen, Kommunikation, Verantwortlichkeiten und die Muster, die entstehen, wenn formale Strukturen nicht ausreichen, um Orientierung herzustellen. Ein wesentlicher Teil dieser Arbeit besteht darin, Beobachtungen von Bewertungen zu unterscheiden, vorschnelle Personalisierungen zu vermeiden und hinter einem konkreten Konflikt nach den strukturellen Bedingungen zu fragen, unter denen er entstanden ist.
Das klingt vernünftig. Es funktioniert auch erstaunlich gut, solange man eine gewisse Distanz zum Gegenstand der Beobachtung hat.

Wenn der Beobachter selbst betroffen ist
Schwieriger wird es, wenn man selbst Teil dessen ist, was man zu verstehen versucht.
Organisationale Unsicherheit ist für einen Organisationsentwickler zunächst einmal ein Gegenstand professioneller Arbeit. Entscheidungen bleiben aus, Zuständigkeiten sind nicht eindeutig, unterschiedliche Beobachtungen widersprechen einander, Informationen sind ungleich verteilt und Menschen versuchen trotzdem, handlungsfähig zu bleiben. Man kann solche Situationen analysieren und möglicherweise sogar erklären, warum eine Organisation gerade auf diese Weise reagiert.
Aber das bedeutet nicht, dass man von ihren Folgen unberührt bleibt.
Wenn die eigene Rolle unsicher wird, wenn Menschen, für die man Verantwortung trägt, Orientierung erwarten, während einem selbst belastbare Informationen fehlen, oder wenn irgendwann sogar die eigene berufliche Zukunft zum Gegenstand der Ungewissheit wird, verändert sich die Position des Beobachters. Man beobachtet nicht mehr nur Unsicherheit. Man erlebt sie.
Und dann tut man möglicherweise genau das, was Menschen in Organisationen unter Unsicherheit eben tun. Man sucht nach Informationen. Man spricht mit Menschen, denen man vertraut. Man versucht, einzelne Beobachtungen miteinander zu verbinden. Man entwickelt Hypothesen darüber, was im Hintergrund geschehen könnte. Manche davon erweisen sich später als tragfähig, andere nicht. Und manchmal sagt man einen Satz, den man mit größerer Distanz anders formuliert hätte.
Das lässt sich professionell kritisieren. Führungskräfte sollten sorgfältig unterscheiden, welche Informationen für wen relevant sind. Organisationsentwickler sollten Beobachtung, Interpretation und Bewertung nicht miteinander verwechseln. Wer mit vertraulichen Kommunikationsräumen arbeitet, muss deren Grenzen respektieren. Und wer beruflich mit Unsicherheit umgeht, sollte eine gewisse Fähigkeit entwickelt haben, Nichtwissen auszuhalten, ohne es vorschnell durch Gewissheit zu ersetzen.
Ich halte all das weiterhin für richtig.
Problematisch wird es erst, wenn aus diesen professionellen Anforderungen unbemerkt die Erwartung entsteht, Professionalität bedeute, selbst nicht mehr betroffen sein zu dürfen.
Vielleicht liegt darin eine merkwürdige Überforderung vieler professioneller Rollen. Von Führungskräften erwarten wir, dass sie Sicherheit vermitteln, obwohl sie selbst nicht sicher sein können. Von HR-Verantwortlichen erwarten wir, dass sie mit den Sorgen anderer umgehen, während ihre eigene Position keineswegs außerhalb organisationaler Konflikte liegt. Und von Organisationsentwicklern erwarten wir, dass sie Widersprüche sichtbar machen und Unsicherheit bearbeitbar machen, als stünden sie dabei außerhalb der Organisation, die sie beobachten.
Aber niemand steht außerhalb der Organisation, der Teil von ihr ist.
Eigene Betroffenheit und die Veränderung der Beobachtung
Die interessantere Frage ist für mich deshalb inzwischen nicht mehr, wie man persönliche Betroffenheit aus professioneller Arbeit heraushalten kann. Wahrscheinlich ist schon diese Vorstellung falsch. Mich interessiert vielmehr, wie man bemerkt, dass die eigene Betroffenheit gerade beginnt, die eigene Beobachtung zu verändern.
Wann wird aus dem legitimen Versuch, Informationen zu gewinnen, die Suche nach einer Gewissheit, die es gerade nicht geben kann? Wann verbinden wir schwache Signale zu einer Geschichte, weil eine Geschichte psychologisch leichter auszuhalten ist als Nichtwissen? Wann sprechen wir mit anderen, um gemeinsam eine Situation zu verstehen, und wann tun wir es auch deshalb, weil wir selbst Halt brauchen?
Diese Fragen sind unangenehm, weil sie sich nicht durch eine bessere Methode erledigen lassen. Sie verlangen Selbstbeobachtung, und zwar gerade dann, wenn die eigene Fähigkeit zur Distanz geringer ist als sonst.
Vielleicht gehört deshalb zu professioneller Reife nicht, in schwierigen Situationen immer richtig zu handeln. Sie zeigt sich möglicherweise eher darin, die eigene Fehlbarkeit beobachten zu können, ohne daraus entweder eine Selbstanklage oder eine Selbstrechtfertigung zu machen. Ich kann einen Satz im Nachhinein für unklug halten, ohne deshalb meine gesamte Wahrnehmung einer Situation verwerfen zu müssen. Ich kann Verantwortung für mein Handeln übernehmen, ohne jede Interpretation zu akzeptieren, die andere daraus ableiten. Und ich kann anerkennen, dass meine eigene Betroffenheit meine Beobachtung beeinflusst, ohne deshalb so zu tun, als sei diese Beobachtung wertlos.
Vielleicht ist genau das der Punkt, an dem aus dem zunächst banalen Satz etwas wird, das mich weiter beschäftigt:
Ich bin auch nur ein Mensch.
Nicht als Ausrede für mangelnde Professionalität. Sondern als notwendige Voraussetzung dafür, überhaupt sinnvoll darüber sprechen zu können, was Professionalität unter Unsicherheit eigentlich bedeutet.
Über den Autor Ralf Haase arbeitet als Organisationsentwickler, Speaker und Autor an der Frage, wie Steuerberatungskanzleien Wachstum, Führung und Zusammenarbeit strukturell besser verarbeiten können. Sein Fokus liegt auf Organisationsarchitektur, Entscheidungslogik und der Entlastung unternehmerischer Verantwortung.
